Wer zähmt die künstliche Intelligenz?

Die US-Technologiebranche befürchtet, die Menschheit könnte der künstlichen Intelligenz misstrauen. Eine Partnerschaft soll dem entgegenwirken.

Szene aus der TV-Serie «Westworld»: Nicht jeder kann sich vorstellen, mit Robotern zusammenzuleben. Foto: Rex, Shutterstock, Dukas

Szene aus der TV-Serie «Westworld»: Nicht jeder kann sich vorstellen, mit Robotern zusammenzuleben. Foto: Rex, Shutterstock, Dukas

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Künstliche Intelligenz (KI) gilt als das nächste grosse Ding im Silicon Valley. Gleichzeitig befürchten die grossen US-Techfirmen, dass selbstfahrende Autos, Drohnen oder Roboter nicht dermassen einschlagen, wie sie sich das erhoffen. Angeführt von Google und Microsoft, haben fünf der mächtigsten Konzerne deshalb eine «Partnerschaft der künstlichen Intelligenz zum Nutzen des Volkes und der Gesell­schaft» gegründet. Der Name allein verdeutlicht das Dilemma der Hightech­giganten. Sie befinden sich mitten in einem harten Wettkampf um die Akzeptanz dieser neuen Technologie beim breiten Publikum.

Während in Dutzenden von Forschungslabors die vierte industrielle Revolution vorbereitet wird, mehren sich die Skeptiker in den eigenen Reihen: Elon Musk und Bill Gates, aber auch hoch­karätige Wissenschaftler wie Stephen Hawking oder Stuart Russell warnen eindringlich vor den Risiken einer Technologie, die mehr Schaden als Nutzen bringen könnte.

Ein Bollwerk gegen die Politik

Diese Woche schaltete sich auch das Weltwirtschaftsforum in die Debatte ein. Es eröffnete in San Francisco ein Zentrum für die vierte industrielle Revolution. Dessen Absicht ist es, den aufgehenden Graben zwischen einer sich beschleunigenden Innovationswelle rund um die künstliche Intelligenz und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft zu schliessen. «Gesetze und Regulierungen stammen noch aus der Zeit vor dem Internet», sagt Zentrumsleiter Murat Sönmez. «Die Gesetzgeber wissen nicht, was sie tun sollen.» Wenn aber die Politiker keine Ahnung haben, wie sie vor­gehen sollen, dann schiessen sie oft über das Ziel hinaus. Dies befürchtet ­zumindest die Allianz der fünf grossen US-Techfirmen.

Microsoft, Google, Amazon, IBM und Facebook verstehen ihre neue Partnerschaft nicht als Lobbyorganisation, sondern als Abwehrdispositiv gegen ein allzu hartes Durchgreifen der Politik. Sie wollen sich selber ethische Regeln für den Umgang mit der künstlichen Intel­ligenz geben, bevor die Regierung mit zu strikten Gesetzen aufwartet. Sie versprechen, nur Technologien zu entwickeln, die «berechenbar, verlässlich und robust» sind. Schliesslich ist auch die Rede von «fairen Regeln für die Transparenz, den Datenschutz und die Vernetzung» der KI-Technik.

Existenzielle Risiken

Das sind grosse Versprechen für eine Branche, die in der Vergangenheit mit den US-Nachrichtendiensten kooperiert hat und nach wie vor private Nutzerdaten kommerziell verwertet. «Wir wollen sicherstellen, dass wir die Besten und Gescheitesten hinter uns haben, um das Vertrauen der Kunden zu gewinnen», sagt Amazon-Direktor Ralf Herbrich zum Anliegen der Partnerschaft. Eric Horvitz, Direktor von Microsoft Research, bestätigt, dass die Vertrauensfrage ungelöst ist. «Die Aufregung rund um KI in den letzten Jahren hat ein Echo von Ängsten ausgelöst und läuft Gefahr, dass die Gesetzgeber ein falsches Bild bekommen.»

Der Versuch, die Massen zu beruhigen, kommt allerdings reichlich spät und erscheint überhastet. Mehrere Vorfälle haben bereits Warnlichter aufleuchten lassen und das Publikum verschreckt. Der Todesfall im Zusammenhang mit einem selbstfahrenden Tesla, der als marktreif angepriesen wurde, ist nur ein Beispiel für die vorschnelle Lancierung eines Projekts. Der Chatbot von Microsoft, der für rassistische Kommentare auf Twitter verantwortlich war, weist auf weitere Mängel der Technologie hin.

Bürger fürchten sich vor KI

Weder Apple noch Tesla sind Teil der Partnerschaft. Apple hat dies bisher nicht begründet, doch gehört eine solche Nicht-Kommunikation seit Steve Jobs zur Geschäftsphilosophie. Tesla-Chef Elon Musk seinerseits ist einer der grössten Warner vor einer ungezügelten KI-Technik und ihren «existenziellen Risiken» für die Menschheit. Auch Microsoft-Gründer Bill Gates oder der libertäre Investor Peter Thiel sorgen sich um eine nicht zu kontrollierende und von Supercomputern gesteuerte Technologie.

Ihre Ängste werden von einer Mehrheit der Bevölkerung geteilt. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage in Grossbritannien etwa zeigt, dass fast 60 Prozent der Bürger befürchten, dass die KI-Techniken noch mehr Arbeitsplätze zum ­Verschwinden bringen. Tatsächlich gibt es Prognosen, dass bis zum Jahr 2050 zwischen 40 und 50 Prozent aller Arbeitsstellen durch den technischen Fortschritt bedroht sind. Zwei Drittel der Befragten rechnen damit, dass Ro­boter und Menschen in den kommenden Jahrzehnten Hand in Hand arbeiten werden. Aber 40 Prozent glauben, dass menschenähnliche Roboter die Menschheit verdrängen, gar auslöschen könnten.

Alle Macht den Techkonzernen

Robotik-Experte Noel Sharkey erwartet, dass Mensch und Roboter sich immer ähnlicher werden. Menschliche Tätigkeiten würden von Robotern derart schleichend übernommen, dass «deren Präsenz immer weniger auffällt», sagte Sharkey an einer Demonstration der Künstlerin Emma Fay Anfang Oktober in London. Im schlimmsten Fall könnte die Industrie Software entwickeln, die zu «superintelligenten Wesen» führt, meint der schwedische Philosoph Nick Bostrom. In diesem Fall könnten die Menschen die Sklaven einer überlegenen Humanoid-­Rasse werden. Zu vermeiden ist das nur, so Bostrom, wenn die KI-Technik von Beginn weg auf die Bedürfnisse der Gesellschaft ausgerichtet wird, nicht aber auf die gewinnorientierten Inter­essen der Firmen.

Doch exakt in diesem Punkt erscheint die KI-Branche als die schlimmste Feindin ihrer selbst. Deren Promotoren sprechen nur von den Vorteilen. Sinn und Zweck der KI sei es, die Kartelle und regierungs­abhängigen Institutionen im Gesundheits- und Bildungsbereich zu zerbrechen, sagt Marc Andreessen, einer der tonangebenden Investoren im Silicon Valley. Die Leute müssten mehr und mehr Geld ins Gesundheitswesen und die Schulen stecken, was nicht mehr lange haltbar sei, argumentiert Andreessen. Diese Fehlentwicklung sei zu stoppen, und das beste Mittel dazu seien Supercomputer und Roboter.

Was Andreessen nicht erwähnt, wenn er den Sozialstaat im Gesundheits- und Bildungssystem durch KI-Innovationen ersetzen will, ist die Tatsache, dass eine Handvoll von Grosskonzernen die Führung übernehmen würde. Das ist genau das, was Elon Musk am meisten Sorgen bereitet. Ohne den Namen zu nennen, hat er schon mehrfach durch­blicken lassen, dass Google die Supermacht der schönen neuen Welt der KI werden könnte. Doch sind auch Amazon, Apple, Facebook, Twitter sowie IBM eifrig daran, sich eine Vormachtstellung zu sichern. Mehr als 140 KI-Firmen wurden seit 2011 von den Mitgliedern der «Partnerschaft der künstlichen Intelligenz zum Nutzen des Volkes und der Gesellschaft» aufgesogen, ohne dass dies jemandem aufgefallen wäre.

Erstellt: 13.10.2016, 22:54 Uhr

Künstliche Intelligenz

Watson leistet Krebshilfe

IBM stellt den Supercomputer Watson den Angestellten als Gesundheitsberater zur Verfügung. Die künstliche Intelligenz des Computers soll helfen, die bestmögliche Behandlung für Krebsleiden zu finden, und sich an klinischen Versuchen beteiligen. «Für einen Onkologen ist es unmöglich, mit den Tausenden neuer Forschungsstudien Schritt zu halten», sagt Kyu Rhee, Chef von IBM Watson Health. Nur die Software des Supercomputers könne die Datenmengen ganz aufarbeiten und bewältigen. Die eigentliche Beratung der Patienten wird aber nicht von Watson geleistet, sondern vom spezialisierten Arzt.

Das Programm sieht vor, dass Watson die für einen Patienten am besten passende Behandlung findet und ein genetisches Profil erstellt, das unter Umständen auch den Weg zu einer Gentherapie öffnen kann. Die Dienstleistung ist zunächst für die Angestellten in den USA vorgesehen und ist kostenlos. IBM setzte Watson weltweit bereits in mehreren Onkologie-Zentren ein, macht nun aber dessen Dienste zum ersten Mal für Patienten selber zugänglich. Ausserdem steht der Computer bereit, wenn sich Angestellte im Dickicht des US-Gesundheitssystems zurechtfinden und die für sie optimale Krankenversicherung finden wollen. (wn)

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