Weshalb der Wirtschaftsmotor Zug brummt

Während andernorts das Geschäft mit Ansiedlungen von Firmen ins Stocken geraten ist, läuft es im Kanton Zug rund. Die Gründe dafür sind nicht nur die tiefen Steuern.

Goldene Zeiten: Zug bietet das passende Umfeld für internationale Konzerne. Foto: Thomas C. Gerber (Keystone)

Goldene Zeiten: Zug bietet das passende Umfeld für internationale Konzerne. Foto: Thomas C. Gerber (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Industriekonzern Siemens bezieht derzeit seinen Neubau auf dem Areal in der Stadt Zug nur wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Eine Viertelmilliarde Franken hat Siemens mitten in Zeiten von Eurokrise und Frankenstärke investiert. Entstanden ist ein Campus mit Bürokomplex und Fabrikationshalle.

1700 Angestellte beschäftigt Siemens in Zug. Sie gehören zur Division Building Technologies (Gebäudetechnik) mit weltweit 28’000 Angestellten. Ein Bereich, den Siemens-Chef Joe Kaeser nun stärkt. Vor wenigen Tagen gab er die Neuausrichtung des grössten deutschen Industriekonzerns bekannt. Aus den fünf Siemens-Sparten werden drei weitgehend selbstständige Unternehmen: Energietechnik, Infrastruktur- und Gebäudetechnik sowie Digitalisierung. Zug wird Sitz der Infrastruktur-Division mit weltweit 71’000 Mitarbeitern.

Novartis und Roche in Zug

Die Siemens-News ist nur eine von zahlreichen positiven Wirtschaftsmeldungen aus dem Zentralschweizer Kanton. Im Mai informierte LafargeHolcim über die Verlegung der Konzernzentrale von Zürich nach Zug. Schon länger ist bekannt, dass der Autokonzern Amag seinen Hauptsitz nach Cham verlagert. Das bringt der Gemeinde im nächsten Jahr 850 neue Arbeitsplätze.

Die Gemeinde Risch, zu welcher der Ortsteil Rotkreuz gehört, hat sich innerhalb von wenigen Jahren zur zweiten Lifescience-Hochburg nach Basel entwickelt – sowohl Roche Diagnostics als auch Novartis Schweiz haben hier ihren Hauptsitz. Roche unterhält einen eigenen Campus und beschäftigt dort mehr als 2300 Mitarbeiter. Innerhalb von zehn Jahren hat das Unternehmen die Belegschaft in Rotkreuz verdoppelt. Novartis ist neben dem Bahnhof in der Überbauung Suurstoffi eingemietet. Der Pharmamulti beschäftigt hier 450 Mitarbeiter.


Machen Sie mit bei «Die Schweiz spricht»: Die Aktion bringt Menschen ins Gespräch, die nahe beieinander wohnen, aber politisch unterschiedlich denken.


Bald zieht auch Anheuser-Busch Inbev mit 130 Mitarbeitern in die Suurstoffi. Der Bier-Riese (Beck’s, Budweiser, Corona) platzt in Steinhausen aus allen Nähten. Gleich erging es dem Pharmakonzern Astra-Zeneca, der im Juli mit 120 Mitarbeitern aus der Stadt Zug ins neue Bürogebäude Quadrolith nach Baar ZG umgezogen ist. Und der irische Pharmakonzern Shire verlegte vor vier Jahren seine Tätigkeiten von Nyon VD in die Stadt Zug. Heute zählt Shire mit 500 Mitarbeitern zu den grössten Arbeitgebern im Kanton.

Altes Image verblasst

Finanzfirmen und Rohstoffunternehmen prägten lange das Bild des einstigen Bauernkantons nach aussen. Weiterhin zählt Zug mit Partners Group, Glencore, Shell oder Gazprom gewichtige Vertreter der beiden Branchen. Längst ist es jedoch gelungen, andere Firmen aus weiteren Bereichen anzusiedeln. Die Anwesenheit grosser Player lockte neue Branchenvertreter an. Dies auch deshalb, weil es die Rekrutierung von Mitarbeitern erleichtert.

Was ist das Geheimnis des Erfolgs von Zug? «Es liegt definitiv nicht nur am günstigen Steuerumfeld», sagt Beat Stamm von BAK Economics. Zug zählt zu den Kantonen mit den tiefsten Steuersätzen für Firmen und Privatpersonen. Doch das alleine bringe noch keine Arbeitsplätze, erklärt Stamm, denn auch Luzern, Schwyz, Ob- oder Nidwalden seien steuerlich interessant.

«In Zug stimmt das Gesamtpaket, das viele Unternehmen überzeugt», sagt Stamm. Dazu zählten die Nähe zum Flughafen Zürich und die gute Erreichbarkeit. Auch die Verfügbarkeit von Büroflächen sei ein wichtiges Kriterium, erklärt Stamm. Der Kanton Luzern, der in Sachen Unternehmenssteuern Zug sogar unterbietet, scheitert bei der Firmen­ansiedlung oftmals wegen fehlender Büroräumlich­keiten. So verliess Mobility im Frühling die Stadt Luzern, weil es keine passenden Büros fand. 130 Arbeitsplätze der Carsharing-Firma wanderten nach Rotkreuz in die Suurstoffi.

Steuerprivilegien sollen abgeschafft werden

Laut BAK Economics gelinge es Zug wie kaum einem anderen Kanton, das passende Umfeld für internationale Konzerne anzubieten. Ein Grossteil deren Mitarbeiter kommt aus dem Ausland. Es sei deshalb wichtig, dass die sogenannten Expats und deren Familien sich hier wohlfühlten. «Im Kanton Zug gibt es mehrere internationale Schulen, und die Verwaltung ist sich gewohnt, mit global tätigen Konzernen und deren Angestellten umzugehen», erklärt Stamm.

Laut BAK Economics bewegt sich die Zahl der Firmenansiedlungen in Zug konstant auf hohem Niveau, «während dies schweizweit aufgrund der ­Frankenstärke, der politischen Unsicherheiten durch Masseneinwanderungsinitiative und Steuerreform ins Stocken geraten sei».

Derzeit arbeitet der Bund an der Steuervorlage 2017, die 2020 in Kraft treten soll. Sie sieht vor, dass hiesige Steuerprivilegien für Holding- und Domizilgesellschaften abgeschafft werden. Bis zu 30 Prozent der Zuger Steuereinnahmen stammen von solchen Firmen. Der Zuger Finanzdirektor Heinz Tännler sieht sich auf den Systemwechsel vorbereitet. Zug plant die Einführung eines Einheitssteuersatzes von 12 Prozent. Dies sei zwar höher als die heute für viele Gesellschaften geltenden 9 bis 10 Prozent, erklärt Tännler. Es sei aber dennoch kompetitiv, da es in Europa wenig Orte gebe, wo man tiefere Steuern bezahle. «Soweit ihre Mitarbeiter in der Schweiz zufrieden sind und das Management Vertrauen in die Zuger Behörden hat, glaube ich nicht, dass es einen Riesen-Exodus von diesen Gesellschaften geben wird», sagt Heinz Tännler.

Erstellt: 14.08.2018, 21:25 Uhr

Artikel zum Thema

Hier finden Sie Ihr Steuerparadies

Wo zahlen Sie mit Ihrem Einkommen am wenigsten Steuern? Finden Sie es mit unserer interaktiven Grafik heraus. Mehr...

Sonderregel macht Zürich attraktiver als Zug

Für gewisse Firmen wird Zürich mit der geplanten Steuerreform günstiger. Andere Kantone wehren sich. Mehr...

Das Wunder von Zug

SonntagsZeitung Die Stadt wurde zur weltweiten Nummer 1 für Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie. Jungunternehmer versuchen hier, Grosskonzerne aus dem Markt zu drängen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...