Teureres GA? «Schockierend» und «Eigengoal»

Ein Generalabo könnte in zwei Jahren bis zu 18 Prozent mehr kosten als heute. Die Reaktionen auf die brisanten Pläne im ÖV.

Von 3860 auf 4250 Franken: Das GA soll ab 2021 für Vielfahrer massiv teurer werden.

Von 3860 auf 4250 Franken: Das GA soll ab 2021 für Vielfahrer massiv teurer werden. Bild: Christian Beutler/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich war gestern Feiertag bei den SBB. Der neue Hochgeschwindigkeitszug «Giruno» war das erste Mal mit Kunden unterwegs. Doch die Freude wurde getrübt. Am Morgen machte der «Beobachter» bekannt, dass die Branche darüber nachdenkt, die Preise für das Generalabonnement (GA) zu erhöhen. Die Re­aktionen waren heftig: Der grüne Nationalrat Michael Töngi formulierte sogleich eine Interpellation an die Adresse des Bundesrats. Und die Jungen Grünen starteten eine Petition, um die Pläne zu vereiteln.

Im neuen Zug sass auch Karin Blättler. Sie, die als Präsidentin von Pro Bahn die Interessen der Passagiere im öffentlichen Verkehr vertritt, schüttelte immer wieder verärgert den Kopf, während SBB-Personenverkehrschef Toni Häne, der neben ihr stand, die Gedankenspiele innerhalb der Branche zu erklären versuchte.

Blättler sagte: «Aufgrund der aktuellen Klimadiskussionen würde die ÖV-Branche ein völlig falsches Signal setzen.» Der öffentliche Verkehr verändere sich zum Negativen. Auch sei die Zuverlässigkeit nicht mehr wie in früheren Jahren gegeben. «Das Schweizer ÖV-Erfolgsmodell hat in den letzten ein bis zwei Jahren von seinem guten Image eingebüsst.»

Was Blättler dermassen in Rage bringt, ist in einem internen Papier von CH-Direct niedergeschrieben, der Branchenorganisation des öffentlichen Verkehrs. In dieser regeln rund 250 Transportunternehmen der Schweiz die Preise und ermöglichen Angebote wie das Generalabo oder das Halbtax. Nun machten sich Vertreter von SBB, BLS, Postauto und regionalen Tarifverbünden Gedanken darüber, wie das Angebot des öffentlichen Verkehrs in Zukunft aussehen könnte. Sie kamen zu brisanten Schlüssen.

So heisst es im Bericht, dass das Generalabonnement binnen zwei Jahren um 10 Prozent teurer werden könnte. Das GA für Studenten im Alter zwischen 25 und 30 könnte gar abgeschafft werden, ebenso die Gemeinde-Tageskarten und die Gratis­hinterlegung des Generalabos für 30 Tage.

Für Vielfahrer soll es teurer werden

Der Hintergrund: Das GA soll für Vielfahrer ausgelegt werden und entsprechend teurer werden. Heute kostet ein normales GA für die zweite Klasse 3860 Franken. Würden die Pläne umgesetzt, stiege der Preis auf 4246 Franken. Die Abschaffung der Hinterlegung ist eine versteckte Er­höhung um weitere 8 Prozent. Insgesamt würde das GA damit rund 18 Prozent teurer.

Gerade Berufspendler profitieren heute verstärkt von den vergleichsweise günstigen GA-Preisen. Gemäss dem «Beobachter» bringen Vielfahrer in der zweiten Klassen Einnahmen von 13,8 Rappen und in der ersten Klasse 19,2 Rappen pro Kilometer. Das sei den Transportunternehmen zu wenig.

Im internen Papier ist CH-Direct ausgesprochen ehrlich. So heisst es, der GA-Preis werde am gescheitesten auf einen Schlag um 10 Prozent erhöht, um die negativen Reaktionen zu bündeln. Es war also von Anfang an klar: Was dort hinter verschlossenen Türen zur Zukunft des öffentlichen Verkehrs diskutiert wird, ist umstritten. Nun steht der Verband unter Beschuss, auch wenn er und SBB-Personenverkehrschef Toni Häne betonen, dass noch nichts entschieden sei.

Die Kritik kommt von allen Seiten: Direktbetroffene wie die Studenten äusserten sich kritisch zur Abschaffung der Studentenermässigung. Der Gemeindeverband, bei dem die beliebten Tageskarten auf dem Spiel stehen, führt derzeit eine Umfrage unter seinen Mitgliedern durch. Er will herausfinden, wie die Gemeinden das Angebot einschätzen, und dann reagieren.

Die Pläne haben auch Preisüberwacher Stefan Meierhans aufgeschreckt. Er werde eine allfällige Preiserhöhung kritisch prüfen, sagt er. Fakt sei, dass für 2021 eine Trassenpreissenkung anstehe, die eher in Richtung Tarifsenkungen zeige. «Die Branche wird sich das also gut überlegen müssen», sagt Meierhans.

Auch Politiker sind aufgebracht. Nationalrat Michael Töngi von den Grünen sagt: «Ich finde die Pläne schockierend, komplett verquer zur Klimadiskus­sion, die wir führen müssen. Es kann ja nicht sein, dass man ein so attraktives Angebot auf diese Art schwächt.» Töngi will vom Bundesrat in seiner Interpellation wissen, ob er bereit sei, als Eigner der SBB in dieser Frage Einfluss zu nehmen.

Ähnlich klingt es bei SP-Nationalrat Philipp Hadorn: «Weitere überproportionale Preisanhebungen durchzuboxen, wäre ein Eigengoal für den öffentlichen Verkehr.»

Debatte, ob Bahnfahren zu günstig oder zu teuer ist

Es gibt aber auch andere Stimmen. FDP-Nationalrat Kurt Fluri sagt: «In Anbetracht der in den letzten Jahren erzielten Angebotssteigerungen sind Tarifer­höhungen nicht unberechtigt. Jedenfalls wären solche logischer als die kürzlich bekannt gewordenen Absichten, beim Personal wieder an der Sparschraube zu drehen.»

Der grünliberale Nationalrat Jürg Grossen lehnt zwar eine einseitige Preiserhöhung ab. Er sagt aber: «Grundsätzlich ist die Mobilität zu günstig, das gilt für Bahn-, Auto- und Flugreisen. Die Benutzer tragen die von ihnen verursachten Kosten nicht.» Vor diesem Hintergrund seien Preissteigerungen vertretbar, sie müssten jedoch für alle Hauptverkehrsträger umgesetzt werden. «Ein Mobility-Pricing ist die Lösung, denn damit können Zeitpunkt und Umweltfreundlichkeit im Preis abgebildet werden», sagt Grossen.

Doch wer hat nun recht? Ist Bahn- und Busfahren in der Schweiz zu günstig oder zu teuer? Verkehrsprofessor Matthias Finger von der ETH Lausanne sagt, diese Frage sei extrem schwierig zu beantworten. Im Vergleich etwa zum Auto sei Bahnfahren günstig. Das Pro­blem ortet er darin, dass man bei den Preisüberlegungen von einem Markt her denke, der keiner sei. Die Hälfte des öffentlichen Verkehrs sei sowieso unterstützungsbedürftig und werde deshalb subventioniert.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.05.2019, 06:14 Uhr

Artikel zum Thema

Das GA ist für Pendler zu günstig

Kommentar Wer viel Zug fährt und damit höhere Kosten verursacht, soll auch mehr bezahlen. Das wäre nur fair. Mehr...

Bericht: Das GA wird deutlich teurer – das sagen die SBB

Ein internes Dokument zeigt, dass ÖV-Benutzer künftig tiefer in die Tasche greifen müssen. Die Gemeinde-Tageskarte soll abgeschafft werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...