Wie ein adliger Financier den Informationsaustausch austrickste

Die Genfer Justiz ermittelt in einem Betrugsfall. Im Visier: ein belgischer Prinz und dessen Schweizer Finanzboutique, die auf Steueroptimierung spezialisiert ist.

Henri de Croÿ dürfte das zufriedene Lachen inzwischen vergangen sein. Foto: PD

Henri de Croÿ dürfte das zufriedene Lachen inzwischen vergangen sein. Foto: PD

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Der belgische Prinz Henri de Croÿ feiert gerne. Fotos zeigen ihn als Gastgeber eines rauschenden Fests auf dem Schloss von Azy, traumhaft im Burgund gelegen. Dutzende Adlige und Finanzspezialisten aus ganz Europa sind angereist. Henri de Croÿ – schwarzer Anzug, schwarze Fliege – lächelt auf den Bildern zufrieden, er hinterlässt den Eindruck eines Mannes, dem es ganz oben ganz wohl ist.

Dieses Bild erhält nun Risse.

Gegen den 60-Jährigen läuft in Genf ein Strafverfahren, wie Recherchen zeigen. Mehrere vermögende Familien aus Frankreich und Belgien haben Anzeige erstattet. Sie hatten der von de Croÿ kontrollierten Finanzverwaltung Helin 88 Millionen Franken anvertraut – dieses Geld ist inzwischen verschwunden.

Die Helin-Gruppe ist ein schwer durchschaubares Firmengeflecht mit Ablegern in Genf, Neuenburg und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

An die Öffentlichkeit kam die ganze Sache wegen eines Datenlecks. Letzten Herbst wurden dem französischen Magazin «L’Obs» Tausende vertrauliche Dokumente von Helin zugespielt. Die Journalisten publizierten die Informationen unter dem Titel «Dubai Papers». Nach der Enthüllung eröffneten Finanzermittler in Paris eine Untersuchung wegen Steuerbetrugs und Geldwäscherei.

«Mein Vermögen, das der Helin-Gruppe anvertraut wurde, ist unauffindbar.»Geschädigter

In Genf reichten Helin-Kunden vor und nach den «Dubai Papers» Strafanzeigen ein. Nach Informationen des Tamedia-Recherchedesks haben sich total fünf Privatkläger gemeldet, die alle sagen, dass ihr Geld verloren sei. «Mein Vermögen, das der Helin-Gruppe anvertraut wurde, ist unauffindbar. Und ich kann mir mangels Ansprechpartner auch keine Informationen beschaffen», sagt einer der mutmasslich Geschädigten. Die Untersuchung läuft; für die Beschuldigten, zu denen auch Henri de Croÿ gehört, gilt die Unschuldsvermutung.

Am 15. März hat die Genfer Staatsanwältin Caroline Babel Casutt den Prinzen stundenlang befragt, sie ermittelt wegen Veruntreuung und ungetreuer Geschäftsbesorgung. Diese Zeitung konnte in das Protokoll der Befragung Einsicht nehmen. Es zeigt die Kniffe, mit welchen die Helin-Gruppe ihren französischen und belgischen Kunden ermöglichte, den Fiskus zu umgehen. Dazu gehörten anonyme Bankkarten der Anbieter Intercash, Catella und Thai Prime; Kuriere, die persönlich Bargeld überbrachten; verschlüsselte USB-Sticks zur sicheren Kommunikation – und Sammelkonten, auf denen Gelder vermischt wurden, um deren Herkunft zu verschleiern.

Kompliziertes Firmengeflecht

Ein Ziel von Helin war es nach bisherigen Ermittlungen, Kunden zu ermöglichen, den automatischen Informationsaustausch (AIA) zu umgehen. Über hundert Staaten teilen heute untereinander Informationen über Bankkonten, um grenzüberschreitende Steuerhinterziehung zu unterbinden. In der Schweiz ist das entsprechende Gesetz seit dem 1. Januar 2017 in Kraft.

Helin hatte ein kompliziertes Firmengeflecht aufgebaut, um diesen Austausch auszutricksen. Kunden zeichneten Anteile an einem Investmentfonds auf Mauritius, mit Unterkonten bei einer Bank in Puerto Rico. Die Insel ist US-Territorium, praktiziert aber den AIA nicht. Die Depotbank kannte die Namen der Kunden nicht. Nur Henri de Croÿ soll Bescheid gewusst haben.

Turmspringer Alexei Korotaev. Foto: Keystone

Das Konstrukt funktionierte aber nicht so, wie es sollte. Helin verlor die Kontrolle über die Gelder, nachdem diese bei der Kleinbank PKP deponiert worden waren. Das Geldhaus stand unter Kontrolle des russisch-schweizerischen Geschäftsmanns und Ex-Turmspringers Alexei Korotaev. «Leider ist alles zusammengebrochen», räumte Henri de Croÿ vor der Staatsanwältin ein. Ihm zufolge hatte Korotaev die Gelder zweckentfremdet – unter anderem um damit den Fussballclub Roda JC Kerkrade zu kaufen, der aktuell in der zweiten niederländischen Liga spielt. Laut einem Sprecher bestreitet Alexei Korotaev jegliches Fehlverhalten. Er beschuldigt seinerseits Verwalter von Helin in den Vereinigten Arabischen Emiraten, seine Unterschrift gefälscht zu haben, um Gelder abzuzügeln.

«Ich befinde mich hier, weil nicht immer das getan wurde, was ich in Auftrag gegeben habe.»Henri de Croÿ

Vor der Staatsanwältin sagte Henri de Croÿ, er sei bei Helin nur ein Türöffner gewesen, der Kunden eingeführt habe, ohne das eigentliche Geschäft abzuwickeln. Kriminelle in den Vereinigten Arabischen Emiraten hätten ihn getäuscht und die Kontrolle über das Unternehmen übernommen. «Ich befinde mich hier, weil nicht immer das getan wurde, was ich in Auftrag gegeben habe», sagte er während seiner Befragung.

Die Anwälte der geprellten Kunden zweifeln an dieser Version. In den internen Mails, die dieser Zeitung vorliegen, ist Henri de Croÿ omnipräsent. Er gibt präzise Instruktionen – und er verwendet ein Pseudonym, um seine Identität zu verbergen: A3.

Das Château d’Azy im Burgund. Foto: PD

Laut seinem Schweizer Anwalt Grégoire Rey wendet der Prinz nun «seine ganze Zeit und seine ganzen Ersparnisse» auf, um nach dem Geld seiner Kunden zu suchen. Ein Teil davon soll bei einem grossen Vermögensverwalter in den Emiraten, ADS Securities, blockiert sein. Anwalt Rey betont, dass niemand seinem Klienten vorwerfe, «auch nur einen einzigen Franken für sich selbst» genommen zu haben. Der Prinz glaube, es sei ein Gerichtsverfahren in den Emiraten nötig, um die Gelder freizubekommen.

Das Château d’Azy im Burgund gehört offiziell einem komplexen Firmenkonstrukt. Gegenüber informierten Quellen soll Henri de Croÿ es allerdings als «mein Schloss» bezeichnet haben. Das Anwesen kann auch heute noch für private Veranstaltungen gemietet werden. Kostenpunkt für ein festliches Wochenende in fürstlicher Umgebung: mindestens 10'000 Euro.

Erstellt: 10.04.2019, 10:37 Uhr

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