Einmal aufs Datingportal – von 50 Datensammlern beobachtet

Wer Liebesabenteuer im Internet sucht, gibt mehr von sich preis, als er denkt. Welche Partnervermittler Daten sammeln.

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Sie will nur ein kleines Abenteuer, etwas Abwechslung nach zwanzig Jahren Ehe, den Kindern, dem Trott. Sie geht ins Internet. Sie liest: «Sinnliche Begegnungen, die glücklich machen». Sie liest «anonym und sicher. Da passiert nichts. Ausser Liebe.» Sie klickt und klickt, schickt Nachricht um Nachricht. Am Schluss wird es nichts mit dem Abenteuer. Zu kompliziert. Vom Ausflug auf die Datingseite bleiben ihr nur das schlechte Gewissen und eine Datenspur so breit wie die Einfahrt zu ihrem Einfamilienhaus.

Denn anonym war ihre Suche nicht. Auch nicht sicher. Wer heute ein Liebesabenteuer über eine Datingplattform sucht, hinterlässt dort persönliche Daten wie Name und Adresse, um überhaupt einen passenden Partner vorgeschlagen zu bekommen. Zusätzlich sammeln auf den Plattformen Dutzende Unternehmen aus aller Welt Daten –meist ohne dass die Suchenden etwas davon merken, wie eine Untersuchung der Hamburger Firma E-Blocker zeigt.

Möglich machen das sogenannte Tracker. Das sind kleine Programme, die in Websites eingebunden sind. Sobald ein Browser die Seite aufruft, werden die Progrämmchen ausgeführt und sammeln personenbezogene Informationen. Tracker sind schuld daran, wenn Dinge, die wir uns im Internet angeschaut haben, etwa ein Paar Turnschuhe oder ein Hotelzimmer, beim Surfen später wieder auftauchen.


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Wenn einem Turnschuhe oder Angebote für den nächsten Wochenendausflug durchs Internet folgen, mag das lästig sein. Richtig problematisch wird es allerdings erst, wenn Spionageprogramme in Bereiche vordringen, die das Intimste der Internetnutzer betreffen. Herkunft, Glaube, Gesundheit, Sexualität und Partnerschaft. «Zur Intimsphäre gehören Dinge, die möchte man vielleicht nicht einmal mit dem Partner teilen», sagt der Datenschutzexperte Christian Bennefeld.

Umso erstaunter war Brennefeld über die Resultate einer stichprobenartigen Untersuchung zum Einsatz von Datensammlern auf Schweizer Datingportalen: «Was wir gefunden haben, war erschreckend.»

Ein Flirt vor über 50 Firmen

Keine einzige der zehn geprüften Liebesplattformen verzichtete auf den Einsatz von Trackern. Alle teilten die intimen Nutzerdaten mehr oder weniger heimlich mit Dritten. Über 80 unterschiedliche Tracker hat die Firma E-Blocker insgesamt entdeckt. Den grössten Sammeltrieb legte dabei das als besonders seriös geltende Portal Parship.ch an den Tag, dicht gefolgt von Elitepartner.ch, die beide derselben Holding angehören. Wenn sich hier ein Nutzer umsieht, blicken ihm über 50 Drittfirmen über die Schulter. Weniger sammelwütig zeigten sich etwa E-Darling.ch, Secret.ch und Swissfriends.

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Manche dieser Tracker verfolgen Nutzer über mehrere Websites hinweg. Webtracking heisst das Verfahren. Zentrales Element dabei ist das sogenannte Fingerprinting: Anhand verschiedener Browsermerkmale wird ein einzigartiger digitaler Fingerabdruck erstellt und als Identifikationsnummer gespeichert. Anhand dieser ID wird der Nutzer bei einem erneuten Besuch oder auf einer anderen Seite wiedererkannt. Gleichzeitig werden umfangreiche pseudonyme Profile angelegt.

Die Folge können eingespielte Werbungen sein, die die sexuellen Vorlieben der Person bedienen – was auf einem Familiencomputer schon mal zu Stress führen kann. «An diesem Beispiel sehen wir, was der linke Soziologieprofessor John Bellamy Foster meint, wenn er von Überwachungskapitalismus spricht», sagt der grüne Nationalrat Balthasar Glättli. Verschiedenste, versteckt in Websites eingebundene Dienste würden unser Onlineverhalten registrieren – und diese Informationen dann zur Optimierung von Werbung verkaufen. «Dabei werden harmlose Daten wie der Besuch eines Newsportals ohne Probleme vermischt mit Daten, die problematisch sein können. Dies kann eine Paarvermittlungsseite sein, aber auch ein medizinisches Ratgeberportal oder eine Pornoseite.»

Will eine Firma das pseudonymisierte Profil mit der realen Person verbinden, ist von Rechts wegen die explizite Einwilligung des Nutzers nötig. «Aber diese hat jeder schon mal gegeben, als er die Häkchen bei der Eröffnung eines entsprechenden Benutzerkontos setzte», sagt Datenschutzexperte Bennefeld. Vor diesem Hintergrund klingt denn auch die Stellungnahme von Parship.ch zum heimlichen Tracking fast ironisch, wenn beteuert wird: «Der Nutzer bleibt bei allen Trackern, die bei Parship zum Einsatz kommen, anonym. Personenbezogene Daten werden nicht übermittelt, und es gibt selbstverständlich keinerlei Verbindung zu personenbezogenen Nutzerdaten der Profile der Kunden. Erfasst wird lediglich das anonyme Klickverhalten.»

Doch je mehr man unter die Benutzeroberfläche dieser Portale blickt, desto deutlicher stellt sich die Frage: Ist dieses ausufernde Tracking überhaupt legal? Gemäss heutigem Datenschutzrecht muss die Bearbeitung von Personendaten in den Datenschutzerklärungen der Portale mindestens erwähnt werden. «Aber das ist in den wenigsten Fällen vollständig der Fall», sagt Anwalt Martin Steiger, spezialisiert auf Recht im digitalen Raum.

Die interessierten Firmen

Ein Blick auf die Datenschutzbestimmungen der Kuppelportale lässt zumindest im Groben erahnen, wer sich für die sexuellen Vorlieben und amourösen Abenteuer interessiert, wer all die Tracker installiert hat. Es sind zuerst die bekannten Analysefirmen, die überall im Netz zu finden sind: das soziale Netzwerk Facebook und Google, das gleich mit über einem Dutzend Trackern vertreten ist, darunter Google Adsense und Google Analytics. Kein Wort ist meist indes von unbekannteren Trackingfirmen und Datenhändlern zu lesen wie Addthis, Liveramp oder Piwik.

Das Problem für die Nutzer ist die Rechtslage – sie hilft kaum. «Das heutige Datenschutzrecht ist weitgehend ein Papiertiger», sagt Martin Steiger. Einerseits sei es für betroffene Personen sehr aufwendig, sich gegen missbräuchliches Datensammeln zur Wehr zu setzen. Andererseits würden die Schweizer Datenschutz-Aufsichtsbehörden nur über beschränkte Kompetenzen und Ressourcen verfügen. Adrian Lobsiger, der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte, bestätigt das: «Mit dem jetzigen Personalbestand können wir unsere Kontrollfunktion in der digitalen Realität nicht mehr mit der erwarteten Intensität wahrnehmen.»

Besserung verspricht die neue EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), die am 25. Mai in Kraft tritt. Ab dann wird nach EU-Recht in vielen Fällen verlangt, dass der Nutzer aktiv eine Einwilligung zum Tracking geben muss. Damit setze die EU den neuen weltweiten Standard, sagt Anwalt Steiger. Er ist überzeugt, dass die Verordnung auch Einfluss auf die Schweiz haben wird. «Viele Unternehmen hierzulande verarbeiten personenbezogene Daten von Personen in der EU und fallen dadurch unter die DSGVO.» Es drohten nicht nur Geldbussen, sondern auch Abmahnungen und Klagen von betroffenen Personen in der EU. Davon könnten auch Nutzerinnen und Nutzer in der Schweiz profitieren.

Ein digitaler Piratenhafen?

Steiger spricht im Konjunktiv – das EU-Gesetz hat nur eine indirekte Wirkung. In der Schweiz selber ist die Totalrevision des Datenschutzgesetzes (die aktuelle Version stammt aus dem Jahr 1992) blockiert. Im Januar hat die Staatspolitische Kommission des Nationalrats entschieden, die Revision aufzuschieben. Ein Entscheid, den der Verein Digitale Gesellschaft vergangene Woche harsch kritisiert hat: «Es ist schockierend, sich vorzustellen, dass Schweizer Konsumenten auf der Grundlage ausländischen Rechts oder sogar vor ausländischen Gerichten handeln müssen, um ihre Rechte durchzusetzen», heisst es im Brief. «Die Schweiz droht zu einem Zufluchtsort für zweifelhafte Datenverantwortliche zu werden.»

Blockiert wurde die Revision von der bürgerlichen Mehrheit in der Staatspolitischen Kommission. Der Grüne Glättli hat während der Debatte mehrere Minderheitsanträge gestellt, um einen «negativen Swiss Finish» zu verhindern. Vergeblich. «Damit wird die Anerkennung des gleichen Schutzniveaus herausgeschoben – die meisten Betreiber einer Website müssen darum künftig sowohl das Schweizer als auch das europäische Recht befolgen», sagt Glättli. Für den Nutzer bleibt es: ziemlich kompliziert.

Bis es einfacher geht, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich beim Onlineflirt selber zu schützen. Mit Hilfsprogrammen lassen sich Tracker blockieren, in einigen Browsern sind diese Programme bereits fest installiert. Und auch nicht alle Datingplattformen schnüffeln gleich intensiv, wie die Auswertung von E-Blocker zeigt.

Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, der sucht sein Abenteuer auf die klassische Art. In der schummrigen Bar in jenem Viertel der Stadt, in das man sich bei Tageslicht nie getrauen würde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2018, 06:22 Uhr

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