Sinkende Zinsen – weil die Gesellschaft überaltert

Ökonomen machen zwei Effekte dafür verantwortlich, dass Geldanlegen nichts mehr abwirft. Im Zentrum: Die Generation, die am meisten vom Aufschwung profitierte.

Die ältere Generation war lange stabile Zinsen gewohnt. Jetzt muss sie umdenken. Und die jüngere Generation sowieso. Foto: Reto Oeschger

Die ältere Generation war lange stabile Zinsen gewohnt. Jetzt muss sie umdenken. Und die jüngere Generation sowieso. Foto: Reto Oeschger

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Wir haben uns schon fast daran gewöhnt: Für Geld auf der Bank gibt es seit Jahren fast keinen Zins mehr. Und unsere Pensionskassen haben Mühe, die Erträge zu erwirtschaften, die es braucht, um die versprochene Rente zu bezahlen.

Während der nominale Zins in der Geschichte stark schwankte, war der reale Zins, also der Zinssatz abzüglich Teuerung, erstaunlich stabil. In den rund 200 Jahren seit der Industrialisierung gab es real meist rund 2 Prozent Zins. Seit etwa zehn Jahren ist der Zins tiefer, in jüngster Zeit sogar negativ. Eigentlich sind Zinsen der Ertrag, den wir vom Schuldner dafür erhalten, dass wir ihm Geld geben und auf Konsum verzichten und somit das Risiko eingehen, es nicht mehr zurückzuerhalten. Der Schuldner macht damit etwas, was Gewinn erzielt. Zinsen halten die Wirtschaft am Laufen.

Seit der Finanzkrise vor zehn Jahren fiel der reale Zins auf langfristigen Anleihen des Bundes – zum ersten Mal in der Geschichte. Ab 2008 fiel der Zins auf null Prozent, nach 2015 wegen der Einführung des Negativzinses sogar in den negativen Bereich. Das heisst: Anleger waren bereit, dem Bund Geld zu zahlen, damit er es aufbewahrt. Das galt lange als völlig undenkbar. Gemäss Bloomberg werden aber bereits 13 von insgesamt 65 Billionen Dollar Staatsanleihen negativ verzinst. Dies sei das «schwarze Schuldenloch» der Weltwirtschaft.

Zwei Erklärungen

Die Entwicklung zu realen Null- oder Negativzinsen gibt es auch anderswo, zum Beispiel in den USA, in Japan oder in der Eurozone. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Wenn Geldanlegen nichts mehr abwirft, wird Geld nur noch gehortet. Vielleicht wird damit kurzfristig spekuliert, aber nicht mehr langfristig investiert. Einige befürchten, damit käme der Kapitalismus an sein Ende. Andere hoffen genau das.

Gehen uns die Ideen aus? Ökonomen schlagen zwei Erklärungen vor. Erstens, so befürchten die einen, gebe es zu viel Ersparnisse und gar nicht mehr die Investitionsmöglichkeiten, mit denen man Geld verdienen könne. Wenn der Zins abbilde, welchen Fortschritt wir in der Produktivität machen, dann bedeute der Nullzins, dass es kaum mehr einträgliche Investitionen gebe. Dann nütze auch die lockere Geldpolitik der Notenbanken nichts. Und richtig: Im Westen sinkt die Arbeitsproduktivität seit den 90er-Jahren, seit rund zehn Jahren auch in den Schwellenländern. 2013 vermutete der frühere amerikanische Finanzminister Larry Summers darum eine «säkulare Stagnation».

Die Senkung der Zinsen durch die Notenbanken wäre dann nicht der Auslöser der tiefen Zinsen, sondern der Nachvollzug von schwacher Innovation. Summers schlägt als Lösung vor, dass die Staaten mehr Geld ausgeben. Die zweite Erklärung vermutet, dass die tiefen Zinsen mit der Überalterung der Gesellschaft zu tun haben. Solange die erwerbstätige Bevölkerung wächst, entsteht eine wirtschaftliche Dynamik, eine «demografische Dividende». Die Generation der Rentner bekommt mehr, als sie einbezahlt hat. Das wird zum Problem, wenn deren Zahl zunimmt, wie wir das mit steigenden Defiziten beim Umlageverfahren der AHV erleben. Das drückt die Zinsen. Beide Argumente erwähnte auch Nationalbank-Präsident Thomas Jordan an der Generalversammlung.

«Hausgemachtes Siechtum»

Welcher der beiden Effekte ist wichtiger? Obschon es denkbar ist, dass die heutige Generation weniger erfinderisch ist als unsere Vorfahren, sprechen einige Gründe gegen diese These. Prophezeiungen, es gebe keinen Fortschritt mehr, gibt es seit Jahrhunderten – und sie waren immer falsch.

Der Ökonom Erik Brynjolfsson und zwei Kollegen führen die Stagnation auf falsche Erwartungen, Messfehler und auf die Marktkonzentration zurück. Sie sind überzeugt, dass die neuen Technologien Zeit brauchen, bis sie so eingesetzt werden, dass sie die Produktivität steigern. Die Digitalisierung sei noch längst nicht am Ende.

Der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn sieht ein «hausgemachtes Siechtum, das durch ein Übermass an geld- und fiskalpolitischer Intervention» erzeugt wurde. Durch die Eingriffe von Notenbanken und Staaten zur Rettung von Banken und Unternehmen hätten die Produktivität und die Investitionen gelitten. Statt wie Summers mehr Staatsausgaben zu fordern, findet Sinn, der Staat müsse sich in der Wirtschaft zurückhalten. Dann würde es wieder profitable und sichere Investitionsmöglichkeiten geben.

Den Effekt der Alterung der Bevölkerung auf die Zinsen erkennt aber auch er. Würde dieser Effekt tatsächlich zutreffen, dann käme es zum Paradox, dass genau die Generation, welche am meisten vom Aufschwung profitierte, für das Verschwinden des Zinses für die Altersguthaben ihrer Nachkommen verantwortlich wäre.

Erstellt: 18.07.2019, 11:04 Uhr

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