«Das ist die wichtigste Arbeit überhaupt»

Ina Praetorius denkt Ökonomie neu. Die Theologin stellt jenen Sektor ins Zentrum, ohne den alles zusammenbrechen würde: Unbezahlte Hausarbeit.

«Die Care-Ökonomie fordert die Leute auf, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn sie kein Geld hätten»: Theologin Ina Praetorius, 62. Foto: Katja Nideroest

«Die Care-Ökonomie fordert die Leute auf, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn sie kein Geld hätten»: Theologin Ina Praetorius, 62. Foto: Katja Nideroest

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Ina Praetorius denkt die Welt von den Rändern aus. Das heisst, sie richtet ihren Blick auf das gering Geschätzte, das Randständige, und stellt es ins Zentrum ihrer Betrachtungen. Als dringlichstes Beispiel nennt sie die unbezahlte Haus- und Familienarbeit, «die wichtigste Arbeit überhaupt». Denn ohne diese Fürsorge, also ohne Windelwechseln, Einkaufen, Kochen, Putzen und Waschen, betont Ina Praetorius, würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren, hätte kaum jemand als Kind überlebt.

Wie wertvoll die Haus- und Familienarbeit aber auch wirtschaftlich gesehen ist, zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik: Die allein im Jahr 2016 geleistete unbezahlte Arbeit wird auf einen Geldwert von 408 Milliarden Franken geschätzt. Die Bruttowertschöpfung der privaten Haushalte macht damit satte 41 Prozent der erweiterten Gesamtwirtschaft aus – mehr als zehnmal so viel wie die Wertschöpfung aller Finanzdienstleistungen zusammen.

Doch schweigt sich der Swiss Market Index (SMI) darüber aus, für Wirtschaftsanalysten und Ökonomen ist sie kaum ein Thema. Aus diesem Grund hat es sich Ina Praetorius zur Mission gemacht, die «Care-Arbeit», wie sie sagt, dieses Sorgen für und um die Welt, das noch immer mehrheitlich von Frauen geleistet wird, in den Mittelpunkt des ökonomischen Denkens zu stellen. «Wirtschaft ist nicht Geld», so ihr Credo. «Wirtschaft ist Fürsorge.» Fokus soll nicht mehr die Vermehrung des Geldes sein, sondern die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse.

Es sind kämpferische, ja provokative Worte, das weiss sie. Vor drei Jahren hat die 62-jährige evangelische Theologin und Autorin den Verein «Wirtschaft ist Care» initiiert, um ihrem Anliegen Schubkraft zu verleihen. Mittlerweile sieht sie sich als Rad einer weltweiten Bewegung, die am Status quo von Profit und Gewinnmaximierung rütteln will. Vergangenen Juni wurde Ina Praetorius für ihre Arbeit zur Care-Ökonomie vom deutschen Magazin «Edition F» als eine von 25 Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgezeichnet, deren Engagement die Grundlagen legt, um die Wirtschaft zu revolutionieren.

Die Struktur der Zweiteilung

Ina Praetorius ist eine grosse Frau, hat lange, grauschwarze Haare, eine sonore Stimme und jene fast schon nonchalante Energie, die Menschen eigen ist, die wissen, dass sie ihren Weg gefunden haben. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann in Wattwil in einem traditionellen Toggenburgerhaus mit niederen Decken und knarrenden Holzdielen, ihre gemeinsame Tochter ist längst ausgeflogen. Ina Praetorius hat diesen Ort gewählt, um für ihre Gedanken fernab des Rummels einer Grossstadt Raum zu schaffen und ihren Blick auf die Dinge zu schärfen.

In ihren Schriften und Vorträgen zielt sie vor allem darauf ab, die Dichotomie, die zweigeteilte Denkstruktur, zu entblössen, über die sich auch die moderne Wirtschaft definiert: Die darauf baut, dass es immer das Höhere und Niedere gibt. Als Beispiele nennt sie «begriffliche Ehebetten» wie Kultur/Natur, Öffentlichkeit/ Privatheit, Geld/Liebe oder Mann/Frau. Doch nichts bringt ihren gesellschaftskritischen Ansatz so auf den Punkt wie die Berufsbezeichnung «freie Hausfrau», mit der sie sich schmückt – ein Wortspiel, das bewusst irritieren soll. Denn eine «freie Hausfrau» sei ein Widerspruch in sich, da eine Hausfrau implizit als abhängig gilt, ihr Status durch Besitzverhältnisse begründet wurde, die mit der Sklaverei vergleichbar sind.

«Die Arbeit von Sklavinnen und Hausfrauen galt nicht als Arbeit, sondern als natürliche Funktion. Keiner kam auf die Idee, Sklaven- und Frauenarbeit zu bezahlen», sagt Ina Praetorius. «Diese Zweiteilung menschlicher Bedürfnisbefriedigung in ‹höhere›, ‹eigentliche›, ‹wichtige›, von Männern und Geld dominierte, und in ‹niedere›, ‹natürliche›, ‹schwache weibliche› Sphären hält sich bis heute – aller Emanzipation zum Trotz.» Das gelte besonders auch in klassischen Care-Berufen: Chefarzt und Uniprofessor stehen oben, Altenpflegerin und Kindergärtnerin unten in der Hierarchie.

Ina Praetorius geht es letztlich um eine demütigere Sicht auf die Welt.

Diese Struktur der Zweiteilung erkannte Ina Praetorius während ihres Studiums in Zürich. Sie hatte angefangen, Theologie zu studieren, weil sie existenzielle Fragen stellen wollte. Zudem war sie fasziniert vom Gedanken, dass Gott ein Heilmittel gegen Leistungsdruck sei, dass sie von ihm bedingungslos angenommen würde, ohne etwas leisten zu müssen.

Dieses Prinzip liess sie später zu einer leidenschaftlichen Verfechterin des bedingungslosen Grundeinkommens werden, ihre Faszination für grosse Denker hingegen bröckelte rasch. «Ich entdeckte, dass alle Männer, die ich zu bewundern gelernt hatte, die antiken Philosophen genauso wie Luther, Kant, Bach oder Freud eines gemein haben: Sie akzeptierten Frauen nicht als vollwertige Menschen. Das mag zwar der Zeit geschuldet sein, in der sie lebten, dennoch war ich schockiert. Dieses wunderbare Universum der europäischen Kultur ist keineswegs auch meines. Ich bin die Minderwertige, die allenfalls reproduzieren darf. Dem wollte ich auf den Grund gehen.»

In ihrer Dissertation anhand ethischer Lehrbücher von 1949 bis Mitte der 1980er-Jahre belegte sie, dass die Autoren ausschliesslich den bürgerlichen weissen Mann meinten, wenn sie über «den Menschen» schrieben. Die Arbeit wurde in Zürich abgelehnt, promoviert hat sie schliesslich in Heidelberg.

Doch kurz bevor sie akademisch durchstarten konnte, erhielt sie die Diagnose MS. Ein weiterer Wendepunkt. Sie hat Glück, leidet an einer milden Form der Krankheit. Trotzdem war sie gezwungen, sich neu zu erfinden, setzte auf eine Karriere als Autorin. Seither denkt Ina Praetorius von den Rändern aus und stellt Fragen wie: «Was, wenn am WEF in Davos neben CEOs Hausfrauen oder Krippenleiterinnen, Müllmänner oder Strassenwischer sässen und berichteten, welche Wertschöpfung sie leisten?»

Ina Praetorius geht es dabei nicht einfach um eine Umschichtung der Gelder – auch wenn Frauen in der Schweiz, würden sie für ihre geleisteten unbezahlten Arbeitsstunden entlöhnt, jährlich insgesamt rund 250 Milliarden Franken verdienen müssten. Aber eine Umschichtung zu fordern, sagt sie, wäre unrealistisch, denn wer würde das bezahlen?

Nein, es geht ihr vor allem um eine Umschichtung des Denkens, letztlich um eine demütigere Sicht auf die Welt und die Erkenntnis, dass jeder Mensch fürsorgeabhängig ist. Dass er Teil der Natur ist und nicht über der Natur steht. «Man kann sich übers Geld die Fiktion der eigenen Unabhängigkeit herstellen», erklärt sie. «Die Care-Ökonomie aber fordert die Leute auf, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn sie kein Geld hätten. Dann würden sie merken, dass wir alle scheissen, alle Pflege, Sauberkeit, Luft und Nahrung brauchen.»

Zeit also, über die eigene Abhängigkeit nachzudenken, die Abhängigkeit vom Mitmenschen wie von der Erde als Lebensraum, der immer stärker vom Klimawandel bedroht wird. «Doch das», betont Ina Praetorius, «sind keine angenehmen Gedanken.»

Erstellt: 24.10.2018, 17:23 Uhr

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