Wo Banknoten zu Schnipseln werden

Der Berner Sitz der Nationalbank ist frisch renoviert. Was hinter den gut gesicherten Toren des Hauses geschieht.

Die Geldschnipsel finden ihr Ende in einer Kehrichtverbrennungsanlage. Foto: PD

Die Geldschnipsel finden ihr Ende in einer Kehrichtverbrennungsanlage. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Banküberfall? Nein, Geldtransport! Der Offroader hält mitten in der Berner Altstadt, zwei Männer mit Maschinenpistole springen raus, sie tragen ­Schutzweste, Helm und Sonnenbrille und halten den Verkehr an, weisen Fussgänger an, stehen zu bleiben. Vor dem Offroader dreht ein gepanzerter Lastwagen langsam von der ­Strasse ab – durch ein Tor in den Innenhof des Nationalbankgebäudes. Sobald der Lastwagen in Sicherheit und das Tor geschlossen ist, steigen die beiden bewaffneten Männer wieder auf die Rückbank des Offroaders. Der Fahrer gibt Gas und verschwindet im Stadtverkehr.

So spektakulär die Szene anmutet, so alltäglich ist sie nun wieder. Der Berner Sitz der Nationalbank SNB ist fertig ­saniert. Während des Umbaus lagerte die Nationalbank die sogenannte Bargeldverarbeitung an einen un­bekannten Ort aus. Nun fahren die Geldtransporter von Nationalbank und privaten Geldboten wieder in die Innenstadt.

Jede Note wird kontrolliert

Unter Bargeldverarbeitung ver­steht die SNB die Entgegennahme und Ausgabe von Banknoten. Dabei geht es nicht nur um den Austausch der alten Banknotenserie durch die neue. Denn so wie Privatkunden bei ihrer Bank Bargeld beziehen oder auch Bargeld einzahlen, können dies Banken und Geldtransporteure bei der Nationalbank tun.

Banken beziehen bei der Nationalbank Banknoten, um damit ihre Bancomaten und Schalter zu versorgen. Das von den Bankkunden abgehobene Bargeld landet oft in den Kassen der Detailhändler. Von dort kommt es über spezialisierte Geldtransporteure direkt zurück zur Nationalbank. Und das meist so schnell wie möglich, denn solange das Bargeld bei den Unternehmen ist, tragen diese das Risiko.

Ist das Geld einmal bei der Nationalbank angekommen, wird es gezählt und dem Absender gutgeschrieben. Gleichzeitig kontrollieren die Maschinen der Nationalbank die Echtheit und den Zustand jeder einzelnen Banknote. Ist die Note beschädigt, wird sie noch in derselben ­Maschine zu kleinen Schnipseln geschreddert. Die Geldschnipsel werden zu Ballen gepresst und in die Kehrichtverbrennungsanlage ver­frachtet. Dank der Seriennummer auf den Noten weiss die SNB genau, welche Noten sich noch im Umlauf befinden und welche sie bereits vernichtet hat.

Zu solchen Ballen werden die Schnipsel gepresst. Foto: PD

Die Nationalbank lehnt es aus Sicherheitsgründen kategorisch ab, zum Thema Bargeldverarbeitung Fragen zu beantworten. Einen guten Einblick in die Tätigkeit im Gebäude geben jedoch Reglemente der Nationalbank. Diese schreiben den Banken, der Post und den professionellen Geldtransporteuren zum Beispiel vor, wie die eingelieferten Banknoten verpackt sein müssen: 10er- bis 100er-Noten müssen mit einer Banderole zu Bündeln à 100 Stück zusammengefasst sein, 200er- und 1000er-Noten können auch stückweise eingeliefert werden. Alle Noten sind gleichgerichtet zu bündeln, Eselsohren sind «vorgängig zu glätten», verlangt die Nationalbank. Jeweils zehn Notenbündel sind mit einem Kunststoffband zu einem ­sogenannten Notenpaket zusammenzufügen.

Erkennt die Zähl- und Prüfmaschine im Gebäude am Bundesplatz später eine gefälschte Note, wird diese eingezogen und der Polizei übergeben, ohne dass der Einlieferer entschädigt würde. Münzen müssen zu Rollen zusammengefasst sein, die Nationalbank nimmt sie aber nur karton- oder gar palettenweise entgegen.

In Bern holen und bringen die SNB-Kunden aus der westlichen Hälfte der Schweiz ihr Bargeld. Jene aus der östlichen Hälfte steuern den zweiten SNB-Sitz an der Börsenstrasse in Zürich an, wo ebenfalls die gesamte Infrastruktur zur Bargeldverarbeitung vorhanden ist.

1000er zirkulieren träge

Gemäss Statistik der National­bank kommt jede ausgegebene Banknote pro Jahr im Schnitt einmal wieder bei der Nationalbank vorbei, wobei die 1000er-Noten sehr träge zirkulieren, insbesondere die 100er deutlich schneller. Demnach muss die SNB pro Jahr Banknoten im Wert von über 40 Milliarden Franken sortieren.

Nicht nur Last- und Liefer­wagen bringen ihr Geld an den SNB-Sitz mit der prestigeträchti­gen Adresse Bundesplatz 1 – das Bundeshaus ist erst Nummer 3. Der Bau von 1912 verfügt auch über zwei Schalter für das Publikum, seit Ende August sind sie wieder geöffnet. Die Dienstleistungen sind jedoch beschränkt – auf den Umtausch von Münzen und Noten. So kommen Private an den Schalter, um Einräppler oder Banknoten der vorletzten Serie einzutauschen (Zweirappen­stücke sind nicht mehr gültig). Oder sie wünschen für ein Geschenk druckfrische Noten oder glänzende Münzen neusten Jahrgangs. Die Eröffnung eines Kontos bei der SNB ist hingegen den Banken, Bargeldboten, Bundesstellen sowie Nationalbankangestellten vorbehalten.

Gold unter dem Bundesplatz

Die anderen Abteilungen des sogenannten zweiten Departements der SNB sind weiter oben im Gebäude angesiedelt. Neben dem Bargeld befasst sich das zweite Departement unter anderem mit der Finanzstabilität. Auch Departementschef und SNB-Direktoriumsmitglied Fritz Zurbrügg hat in Bern sein Büro, während Nationalbankchef Thomas Jordan seines in Zürich hat.

Und dann ist da noch das Gold. Lange war die Existenz des Goldlagers «unter dem Bundesplatz» bloss eine Legende. Doch spätestens mit ihrem Bildband zum 100-Jahr-Jubiläum des Gebäudes im Jahr 2012 hat die Nationalbank bestätigt, was alle vermuteten: Ein Teil der Schweizer Goldreserven, akkurat geordnet in 12,5-Kilo-Barren, wird tatsächlich dort gelagert.

Erstellt: 02.10.2019, 11:09 Uhr

Artikel zum Thema

Sehen wir jetzt die letzten neuen Schweizer Banknoten?

Heute wurde die neue Hunderternote präsentiert – zum Abschluss der Serie. Der Abschied vom Bargeld wird derweil immer realistischer. Mehr...

«Beim Gestalten der Note bin ich tausend Tode gestorben»

Serie Manuela Pfrunder hat 13 Jahre lang an den neuen Schweizer Banknoten gearbeitet. In grösster Verschwiegenheit. Mehr...

Peinlicher Rechtschreibfehler auf neuer Banknote

Seit Oktober ist die jüngste 50-Dollar-Note Australiens im Umlauf. Das vergessene «i» wurde aber erst jetzt entdeckt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Willkommen auf dem E-Bauernhof

Im Jahr 2050 gilt es, 9,8 Milliarden Menschen zu ernähren. Somit muss bis dann die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 70 Prozent erhöht werden.

Kommentare

Blogs

Mamablog Papas Alleswisserei nervt

Geldblog Warum auch Arbeitslose AHV-pflichtig sind

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...