«Wen nur Geld motiviert, der kommt nicht zu uns»

Die Präsidentin der Berner Kantonalbank kritisiert hohe Boni. Und Antoinette Hunziker-Ebneter hat selbst auf Lohn verzichtet.

Hunziker-Ebneter: «Oft wird zu wenig genau hingeschaut, wie horrende Gewinne zustande kommen.» Foto: Raphael Moser

Hunziker-Ebneter: «Oft wird zu wenig genau hingeschaut, wie horrende Gewinne zustande kommen.» Foto: Raphael Moser

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Frau Hunziker, sind Sie beliebt bei Ihren Berufskollegen?
Das habe ich mich noch nie gefragt. Es ist jedenfalls nicht mein Ziel, allen zu gefallen, sondern ich will die Zeit hier sinnvoll nutzen. Ich glaube, ich werde geschätzt oder zumindest respektiert. Für manche bin ich vielleicht eine Exotin.

Wer sich als Bankerin den eigenen Lohn um ein Drittel kürzt, die «Gewaltsboni» der Kollegen kritisiert und die Konzern-Verantwortungsinitiative unterstützt, dürfte wenig Freunde haben in der Branche.
Ich habe im Alter von 45 Jahren den Grundsatzentscheid gefällt, nur noch mit Menschen zu arbeiten und zu leben, die meine Grundwerte teilen. Das hiess für mich damals, einschneidende Entscheidungen zu fällen, mich von meinem Mann zu trennen, ein eigenes Vermögensverwaltungsinstitut zu gründen, statt wieder einen gut dotierten Job mit vielen Kompromissen anzunehmen. Manche langjährigen Kollegen haben das nicht verstanden, gingen auf Distanz. Zu Beginn braucht es Mut, man muss sich erklären, oft Nein sagen. Heute ist den meisten klar, wofür ich stehe. Manche, die mich vor 12 Jahren belächelt haben, suchen heute das Gespräch mit mir.

Vor 10 Jahren taumelte die UBS und musste nach Milliardenverlusten vom Staat gerettet werden. Haben die Banken aus der Krise gelernt?
Die Eigenkapitalvorschriften und andere politische Massnahmen haben zu einer Stabilisierung des Bankenplatzes geführt. Aber Gesetze allein lösen die Probleme nicht, und die Regulierungen erhöhen den Aufwand und somit die Kosten für die Banken. Es braucht Menschen, die dazulernen wollen. Da verläuft die Lernkurve je nach Institut sehr unterschiedlich. Wenn ich etwa in aktuellen Vergütungsberichten lese, dass die Obergrenze für die langfristig ausgerichteten Boni von 325 auf 425 Prozent des Grundlohns erhöht werden soll und die Kriterien noch stärker auf die Renditeziele ausgerichtet werden, habe ich schon meine Zweifel.

«Bei der BEKB darf das Verhältnis des tiefsten zum höchsten Lohn nicht mehr als 1:20 betragen.»

Sie sprechen die Credit Suisse an. Auch die UBS hält unbeirrt an achtstelligen Managersalären fest und setzt sich 15 Prozent Eigenkapitalrendite zum Ziel. Finden Sie das unverhältnismässig?
Jede Bank ist anders aufgestellt, aber im aktuellen Tiefzinsumfeld muss man sich schon fragen, woher zweistellige Renditen kommen sollen. Die Bussenkataloge mancher Banken umfassen Dutzende von Seiten und lesen sich wie Krimis; das allein zeigt, wie riskant es ist, solche Gewinne anzupeilen. Oft wird zu wenig genau hingeschaut, wie horrende Gewinne zustande kommen, welchen Preis die Kunden und die Mitarbeiter dafür zahlen. Was die Vergütungen betrifft, hat sich das Volk klar gegen solche Exzesse ausgesprochen. Dem gilt es Rechnung zu tragen.

Macht es die BEKB denn besser?
Wer das Entlöhnungssystem einer Bank studiert, erkennt leicht, nach welchen Kriterien die Firma geführt wird. Wo hohe finanzielle Anreize dominieren, mangelt es an Werten, oder diese werden sabotiert. Bei der BEKB darf das Verhältnis des tiefsten zum höchsten Lohn nicht mehr als 1:20 betragen, aktuell liegt es sogar bei 1:14. Die Boni sind klein und an langfristige Ziele gekoppelt. Wer also einseitig monetär motiviert ist, kommt nicht zu uns.

Das klingt vernünftig, aber auch etwas langweilig.
Unsere Branche hat mehr als genug Spektakel geboten in den letzten 10 Jahren, da kann es nicht schaden, wieder etwas kleinere Brötchen zu backen. Das war übrigens auch der Grund, dass ich mir meinen Lohn um ein Drittel gekürzt habe: Ich wollte ein Zeichen setzen und zeigen, dass es Zeit ist für etwas mehr Bescheidenheit. Ich bin jetzt 30 Jahre im Banking und habe viel gesehen. Über viele Jahre konnten die Häuser und Autos gar nicht gross genug sein – ein Fachmann hat mir mal erklärt, dass die Autos nur deshalb nicht noch grösser geworden sind, weil die Garagen normiert sind.

«In vielen Geschäftsleitungen sitzen lauter Männer, die sich seit langem kennen und sich nicht wehtun wollen.»

Auch Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz inszenierte sich lange als guter Banker, nun sitzt er seit sieben Wochen in Untersuchungshaft. Wie haben Sie darauf reagiert?
Ich war schockiert – zum einen, weil Raiffeisen eine systemrelevante Bank ist, dann aber vor allem darüber, dass ein so erfolgreicher Mann, der sich immer volksnah gab, sich angeblich persönlich bereichert und das Vertrauen der Genossenschafter ausgenutzt hat. Ob dies im gesetzlichen Rahmen geschah, kann ich nicht beurteilen, ethisch-moralisch ist sein Verhalten so oder so fragwürdig.

Bei Forma Futura prüfen Sie Unternehmen auf Herz und Nieren, bevor Sie ein Investment empfehlen. Hätte bei Raiffeisen die Warnlampe geblinkt?
Wir schauen immer sehr genau, wie Verwaltungsrat und Geschäftsleitung zusammengesetzt sind. Dass bei Raiffeisen Pierin Vincenz’ Ehefrau noch während seiner Amtszeit zur obersten Rechts­chefin ernannt wurde, lässt sich nicht mit den Prinzipien der guten Geschäftsführung vereinbaren. Es ist wichtig, dass sich die Führungskräfte in den obersten beiden Gremien fachlich und persönlich die Stirn bieten können. In vielen Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten sitzen lauter Männer zwischen 60 und 70 Jahren, die sich seit langem kennen und sich nicht wehtun wollen.

Die Berner Kantonalbank ist da keine Ausnahme, in der Geschäftsleitung sitzen fünf Männer und keine Frau. Nach Kriterien von Forma Futura sollte man also nicht in die BEKB investieren.
Diversität ist nur eines der Nachhaltigkeitskriterien von Forma Futura. Bei der BEKB haben wir da Nachholbedarf. Im Verwaltungsrat ist die Diversität angemessen, 2 der 8 Mitglieder sind weiblich, der Anteil wird noch steigen. In der Geschäftsleitung dauert das länger, da wird es einen Generationenwechsel geben, aber die Auswahl an Frauen mit dem geforderten Profil ist leider noch klein. Wir geben hier Gegensteuer, indem wir jede Stelle auch in Teilzeit ausschreiben und auch männliche Vorbilder suchen, die zeigen, dass jede Stelle auch mit 80 Prozent machbar ist. Das Ziel ist, dass auch Frauen mit Kindern nicht weniger als 60 Prozent arbeiten, damit sie später nicht gegen einen Mann den Kürzeren ziehen, weil dieser schlicht mehr Erfahrung mitbringt.

«Aktuell würden wohl wenig Leute bei Facebook ein Konto eröffnen.»

Fatal ist die Dominanz älterer Männer auch, weil die Banken die Digitalisierung zu verschlafen drohen. Bei der BEKB hatten die Angestellten bis vor einiger Zeit keinen Internetzugang – noch heute ist er stark eingeschränkt.
Wir waren und sind aus Sicherheitsüberlegungen restriktiv. Aber Sie haben recht, auch mit Blick auf die technologischen Veränderungen braucht es eine Verjüngung. Banken müssen günstiger und flexibler werden und gleichzeitig stark bleiben in der persönlichen Beratung – kein Roboter wird das persönliche Beratungsgespräch mit dem Kunden­berater ersetzen können.

Microsoft-Gründer Bill Gates meinte einmal, Banking werde es immer brauchen, Banken wohl nicht. Kommt der grosse Personalabbau erst noch?
Ich konnte Bill Gates auf seine Aussage ansprechen und fragte ihn, warum er denn keine Bank gründe oder Finanzdienstleistungen anbiete. Er meinte, das wäre ihm zu mühsam angesichts der vielen nationalen Regulierungen. Die vielen Auflagen, über die sich die Branche oft beklagt, haben also auch eine Schutzfunktion. Aber wir stehen erst am Anfang der Disruption, es wird einen Flächenbrand geben. Wenn Google, Apple, Facebook und Amazon im grossen Stil einsteigen, haben sie sofort eine immense Marktmacht, weil sich die jüngeren Generationen ohnehin auf diesen Plattformen bewegen. Auch hier wird das Vertrauen ein Schlüsselfaktor sein. Aktuell würden wohl wenig Leute bei Facebook ein Konto eröffnen.

Sie glauben also, dass es auch noch in 10 Jahren klassische Bankinstitute geben wird?
Davon bin ich überzeugt. Aber der Markt ist sehr dynamisch geworden. Auch Schweizer Fintech-Unternehmen machen Druck, zum Beispiel die junge Firma Loanboox, welche die Kreditvergabe im öffentlichen Sektor radikal vereinfacht hat und so schnell gewachsen ist. Ob das Geschäftsmodell auch in turbulenten Zeiten etwas taugt oder die Risiken doch grösser sind als vermutet, muss sich noch zeigen. Wir versuchen, da mitzuhalten, indem wir in Innovationsteams, die quer durch alle Hierarchiestufen und Altersgruppen zusammengesetzt werden, neue Angebote entwickeln. Unsere App haben wir in enger Zusammenarbeit mit Kunden realisiert. Ich möchte das noch intensivieren und vermehrt auch Schüler und Studenten involvieren, wenn wir darüber nachdenken, was eine Bank in 5 oder 10 Jahren können soll.

Erstellt: 22.04.2018, 21:18 Uhr

Antoinette Hunziker-Ebneter

Bankpräsidentin

Antoinette Hunziker-Ebneter (57) stieg nach dem Wirtschaftsstudium an der Universität St. Gallen bei der Bank Leu in die Finanzbranche ein, wurde später Chefin der Schweizer Börse und schliesslich Handelschefin bei der Bank Julius Bär. 2006 gründete sie mit drei Partnern das Unternehmen Forma Futura, das auf nachhaltige Geldanlagen spezialisiert ist. Seit 2015 ist Hunziker-Ebneter Präsidentin der Berner Kantonalbank.

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