Wo Sie am ehesten eine Wohnung finden

Der Immobilien-Leerstand in der Schweiz steigt weiter. Die Unterschiede in den Regionen sind aber beträchtlich.

82 Prozent der leer stehenden Objekte sind Mietwohnungen: Die Zürcher Wohnsiedlung Kronenwiese. Foto: Christian Beutler

82 Prozent der leer stehenden Objekte sind Mietwohnungen: Die Zürcher Wohnsiedlung Kronenwiese. Foto: Christian Beutler

Stellen Sie sich vor, Sie suchen eine neue Wohnung. Auf den Preis müssen Sie dabei nicht achten – denn Sie dürfen ihn selber festlegen. Was zu gut klingt, um wahr zu sein, hat es im Oberwallis tatsächlich schon gegeben.

Dort kamen zwischen 2014 und 2016 in kurzer Zeit viele neue Wohnungen auf den Markt, der Leerstand stieg. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, lancierte die Hausverwaltung Privera bei drei neueren Liegenschaften einen besonderen Deal: Sie offerierte den Interessenten, den Nettomietzins in den ersten 6 Monaten selbst zu bestimmen. Bedingung: Die Mieter mussten solvent sein und einen Vertrag für mindestens 18 Monate unterschreiben.

Leerstand um 8000 Objekte gestiegen

Die Massnahme habe gut funktioniert, sagt Marcel Frick, Leiter Vermietungsmanagement bei Privera. Es seien sehr viele Wohnungen abgesetzt worden, und die Mietzinse seien «überraschend vernünftig» ausgefallen.

Nicht nur das Wallis hat ein Problem mit leeren Wohnungen. In der ganzen Schweiz steigt die Leerstandsquote seit einem Jahrzehnt. 72’300 Wohnungen und Häuser stehen laut dem neusten Bericht der Immobilienberatungsfirma Wüest Partner momentan leer, das sind 8000 mehr als letztes Jahr. 82 Prozent davon sind Mietwohnungen. Obwohl der Leerstand seit längerem zunimmt, werden immer noch fleissig Wohnungen gebaut. Wüest Partner schätzt, dass allein dieses Jahr rund 53’000 neue dazukamen, also etwa gleich viele wie 2017.

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Im letzten Jahr sind die durchschnittlichen Mietpreise der inserierten Wohnungen darum weiter gesunken, im Schnitt um 2,2 Prozent. Besonders deutlich war das Minus mit 5,1 Prozent in der Innerschweiz oder mit 4,1 Prozent im Kanton Genf. Sogar in der Stadt Zürich haben die Mieten um 3,8 Prozent nachgegeben. Allerdings: Im Vergleich zu 2008 sind sie hier immer noch mehr als 27 Prozent höher. In der Region Bern sind Wohnungen heute 0,8 Prozent billiger als noch vor einem Jahr, in der Nordwestschweiz 1,2 Prozent.

Über alle Häuser und Wohnungen hinweg betrachtet, liegt die Leerstandsquote aktuell bei 1,62 Prozent. Das ist der höchste Wert seit der Jahrtausendwende. Im Vergleich zu anderen Ländern ist er aber immer noch sehr tief. In Deutschland oder den USA sind mehr als 4 Prozent der Objekte unbesetzt. Panik bricht deswegen nicht aus. Ein gewisser Leerstand sei nötig, damit der Wohnungsmarkt funktioniere, sagt Robert Weinert von Wüest Partner. «Nur so sind Wohnungswechsel und Umbauarbeiten möglich.»

Trotzdem kommt Wüest Partner zum Schluss, dass der optimale Leerstand in der Schweiz eigentlich bei 1,3 Prozent liegen würde, also 0,3 Prozentpunkte tiefer als im Moment. Denn als die Quote 2015 bei den Erstwohnungen diesen Wert erreicht hatte, kam die Wende: Die Mieten begannen zu sinken, nachdem sie vorher mehr als 15 Jahre lang angestiegen waren.

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Die optimale Quote ist in der Schweiz laut der Studie also tiefer als in anderen Ländern. Das liege an ihrer Kleinräumigkeit, sagt Weinert. «Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Regionen – etwa in Bezug auf die Arbeitslosigkeit, das Einkommen oder den Wohlstand – sind relativ gering. Und damit auch der Druck, aus ökonomischen Gründen in eine andere Region umzuziehen.» Wegen der kurzen Distanzen könnten ausserdem viele zwischen Arbeits- und Wohnort pendeln. Und: Die meisten Schweizer Mietwohnungen sind in sehr gutem Zustand. «Es gibt darum wenige Objekte, die leer stehen, weil sie unbewohnbar sind.»

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Ein Problem sind die vielen leeren Wohnungen trotzdem. Denn so gross wie aktuell war der Graben zwischen tatsächlichem und optimalem Leerstand zuletzt Ende der 90er-Jahre – also nach der grossen Immobilienkrise, in der die Hauspreise abstürzten und viele Investoren hohe Verluste hinnehmen mussten. Und er dürfte noch grösser werden. «Wir schätzen, dass der Leerstand nächstes Jahr nochmals ansteigt, auf gut 80’000 Wohnungen», sagt Weinert. Er glaubt, dass kreative Anreize wie mietfreie Monate und Möbelgutscheine dann oft nicht mehr ausreichen werden, um Mieter zu locken. Preisreduktionen bei ausgeschriebenen Wohnungen könnten dafür zunehmen. Bis jetzt sei das noch nicht die Regel. Aber der Anteil an günstigen Wohnungen, die auf dem Markt inseriert werden, steige. «Das dürfte den Druck auf die Mieten der ausgeschriebenen Wohnungen weiter erhöhen», glaubt Weinert.

Allerdings: Ob es einen optimalen Leerstand für das ganze Land überhaupt gibt, ist umstritten. Denn die Unterschiede zwischen den Regionen sind enorm. Im Kanton Zürich zum Beispiel fehlen laut der Studie 771 leere Wohnungen, im Kanton Aargau gibt es fast 6000 zu viel. Darum nütze es den meisten Mietern wenig, dass der Leerstand immer weiter steige, sagt Natalie Imboden, Generalsekretärin des Mieterverbands. «Solange die Wohnungen nicht dort gebaut werden, wo die Leute leben, herrscht immer noch Wohnungsnot.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 24.10.2018, 17:07 Uhr

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