Zürcher Trust-Anbieter im Zwielicht

Zwei Zürcher Vermögensverwalter sind in eine gigantische Geldwäscherei-Affäre involviert. Sie kümmerten sich um Schätze eines Clans, der Milliarden veruntreut haben soll.

Der Hauptverdächtige: Jho Low, hier mit Leonardo DiCaprio. Foto: B. Petroff/Getty Images

Der Hauptverdächtige: Jho Low, hier mit Leonardo DiCaprio. Foto: B. Petroff/Getty Images

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Wer sich in Zürich an der Langstrasse in Richtung Wiedikon bewegt, sieht ganz am Ende rechts ein Gebäude, an dessen Fassade prominent ein Schriftzug prangt: «Kendris – The Wealth of Independence». Den meisten Passanten sagt der Name nichts, obwohl das Unternehmen die Vermögen von reichen Familien verwaltet. Es ist wie so viele andere Teil einer wenig bekannten Nische des Schweizer Finanzplatzes. Ihr Spezial­gebiet ist es, Geld mithilfe einer Konstruktion zu betreuen, die eigentlich aus England stammt: dem Trust.

In dem traditionell diskreten Trust-Sektor herrscht Unruhe. Die Zürcher Finanzspezialisten Kendris und Rothschild Trust (Schweiz) sind in eine Affäre ver­wickelt, die das US-Justizministerium ­öffentlich als «grössten Fall von Kleptokratie der Geschichte» bezeichnete. Ein Netz von Profiteuren entzog dem ma­laysischen Staatsfonds 1MDB rund 4500 Millionen Dollar – und steckte das Geld in Luxusimmobilien, Kunst, eine Megajacht und einen Jet.

Ein grosser Teil des Geldes war über Schweizer Banken geflossen, was den ­Finanzplatz erschütterte. Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht Finma und die Bundesanwaltschaft ermitteln bis heute, mehrere Banken wurden gerügt oder gebüsst, das Tessiner Geldhaus BSI musste den Betrieb einstellen. Die beiden Trust-Anbieter hingegen sind aktuell nicht im Fokus der Strafjustiz.

Beverly Hills, New York, Zürich

Die US-Ermittlungsbehörden, die den Kampf gegen die mutmasslichen Geldwäscher anführen, sehen den malay­sischen Regierungschef Najib Razak als Hauptverdächtigen – nebst einem pausbäckigen 34-jährigen Finanzberater namens Jho Low, der als Drahtzieher der Staatsfonds-Plünderung gilt. Beide bestreiten alle Vorwürfe. Die USA haben ­inzwischen eine beispiellose Rückhol­aktion gestartet: Über 1,5 Milliarden ­Dollar sollen auf der ganzen Welt ein­gefroren werden.

Hier kommen die Schweizer Trust-­Anbieter ins Spiel. Gerichtsakten aus den USA und Neuseeland zeigen, dass Kendris und Rothschild Trust für Jho Low und dessen Familie einen Teil der Vermögensverwaltung übernahmen, indem sie Trusts im Wert von Hunderten Millionen Dollars betreuten. Dazu gehören:

  • Das Luxushotel Viceroy L’Ermitage im kalifornischen Beverly Hills: Laut US-Justiz kaufte Jho Low das Hotel 2010 für rund 45 Millionen Dollar mit veruntreuten 1MDB-Geldern. Der Trust, der das Hotel danach zugunsten der Familie Low kontrollierte, wurde von der Rothschild Trust (Schweiz) AG verwaltet.
  • Das Park Lane Hotel in New York, ­direkt am Central Park: Der US-Immobilienhai Steven Witkoff wollte das Hotel abreissen und einen neuen Wohnturm errichten. Jho Low stieg 2013 in den Deal ein und soll so laut US-Justiz über 200 Millionen Dollar gewaschen haben. Den Low-Anteil hielt ein Trust, den die Zürcher Kendris verwaltete. Gemäss «New York Times» waren es die Architekten Herzog und de Meuron, die das neue Hochhaus entwarfen. Sie schreiben auf Anfrage: «Nach unserem Ermessen hat es Priorität, dass die Justizbehörden dem Fall auf den Grund gehen. Was das Projekt betrifft: Wir finden es nach wie vor architektonisch und städtebaulich interessant und hoffen, dass es weitergehen wird.» Ob das klappt, ist un­gewiss: Das Park Lane Hotel steht noch immer, die US-Justiz will es verkaufen.
  • Ein Teil des Katalogs von EMI Music Publishing: Jho Low kaufte sich für 107Millionen Dollar aus abgezweigten 1MDB-Geldern Rechte an einigen der berühmtesten Künstler der Welt, etwa an Songs der Black Eyed Peas. Als Träger­vehikel fungierte auch hier ein Trust, administriert von der Schweizer Kendris.
  • Ein Bombardier-Privatjet: Das Flugzeug kostete Jho Low 2010 35Millionen Dollar. Eigner ist ein neuseeländischer Trust, die Spur führt an die Zollikerstrasse 181 in Zürich, wo die Bank Rothschild eine Niederlassung hat.

Die Frage ist nun, ob Kendris und Rothschild Trust hätten wissen müssen, auf wen sie sich einliessen – und wegen Verdachts auf Geldwäscherei die Notbremse ziehen. Der Verband der Schweizer Trust-Unternehmen ist bereits aktiv geworden. «Wenn so etwas bei einem Mitglied passiert, schauen wir das an», sagt Präsident Alexandre von Heeren. Ein Spezialkomitee prüft das Verhalten der Anbieter. Als Sanktionen kommen Ausschlüsse aus dem Verband und Bussen bis zu 100'000 Franken infrage. Die Sanktionen sind nicht öffentlich.

Via Zürich verwaltet: Ein Anteil am Park Lane Hotel in Manhattan. Foto: Tony Hisgett

Von Heeren, der selbst eine Trust-Verwaltung leitet, will den Fall nicht weiter kommentieren. Allgemein sagt er: «Bei der Annahme von Kunden gibt es formelle Regeln, die man einhalten muss. Selbst wenn man aber alle erforderlichen Papiere korrekt vorliegen hat, gibt es immer noch das Bauchgefühl. Wenn bei einem Kunden bei grossen Summen trotz Überprüfung der Geldquelle ein ungutes Gefühl bleibt, muss man sich ­genau fragen, ob man mitmachen will.» Von Heeren sagt, er habe schon mehrmals Kunden deswegen abgelehnt.

Rothschild Trust, ein Teil der französisch-britischen Rothschild & Co, untersteht der Aufsicht der Finma. Diese gibt zur Frage, ob sie gegen den Trust-Anbieter ermittelt, keine Auskunft. Kendris untersteht der Selbstregulierungsorganisation VQF, die ebenfalls nicht sagt, ob eine Geldwäscherei-Untersuchung läuft. Die Bundesanwaltschaft schreibt, sie führe kein Verfahren gegen Kendris oder Rothschild Trust.

Via Zürich verwaltet: Bombardier-Jet mit Kennzeichen N689WM. Foto: Kimi Stoner

Die beiden Unternehmen wollen zum Fall keine Stellung nehmen. Ein Rothschild-Sprecher schreibt, man halte sich an die Regeln: «Es bestehen strikte Prozesse, welche die steuerliche Situation der Kunden regelt und die Legitimität der Kundengelder sicherstellt.»

Laut Kendris-Partner Hans Rainer Künzle hat die Firma ein «Client Acceptance Committee», das bei besonderen Kunden nach umfangreichen Nachforschungen über die Annahme entscheide. Auch über die Herkunft der Gelder stelle man umfangreiche Nachforschungen an. Und: Die meisten Kunden kämen von Banken oder Anwaltskanzleien, die bereits Checks gemacht hätten.

Dies genüge oft nicht, kritisiert Nicholas Shaxson, Autor des Offshorebuchs «Schatzinseln» und Berater bei der Nichtregierungsorganisation Tax Justice Network. «Das Problem ist, dass in der Finanzindustrie oft eine Kette von Unternehmen involviert ist. Aber manchmal prüft nur das erste Glied der Kette den Kunden gründlich.» Die weiteren Kettenglieder vertrauten dann vor allem dem ersten Urteil. So könnten sich Fehler fortpflanzen. Shaxson fordert, dass jedes Glied seine Geldwäsche-Abwehr verstärken müsse. «Das wäre teurer, würde aber das Risiko senken, dass sich ein Fall wie 1MDB wiederholt.»

Nur nichts Falsches tun

Spätestens ab Juli 2016 trauten Kendris und Rothschild Trust ihrer malaysischen Kundschaft nicht mehr. Damals begann die US-Justiz, Hotels, Jet und Musikrechte zu blockieren. Die Verwalter wehrten sich nicht dagegen, sie fürchteten, die USA könnten ihnen sonst Beihilfe zu Geldwäscherei vorwerfen. Das erzürnte die Lows, die um ihre Schätze fürchteten. Die Folge: Der Clan verklagte die Schweizer Verwalter, um diese aus den Trusts zu werfen, kooperativere Partner einzusetzen und sich zu wehren.

Bei Rothschild bewilligte ein neuseeländischer Richter den Tausch. Der Entscheid liegt dem TA vor, darin hielt der Richter fest, dass die Schweizer ein Pfand auf den Aktiva forderten. Mit anderen Worten: Rothschild wollte zwar die Kundschaft nicht mehr – aber die eigenen Ausgaben aus deren Vermögen decken.

Erstellt: 25.06.2017, 22:41 Uhr

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Trusts sind heute vor allem im angelsächsischen Raum beliebt. Die Schweiz kennt kein eigenes Gesetz, anerkennt aber seit 2007 ausländische Trusts. Spezialisierte Firmen bieten Trusts an, die nach ausländischem Recht gebaut sind – oft an Schweizer Bankdienstleistungen gekoppelt. Alexandre von Heeren, Präsident der Swiss Association of Trust Companies, schätzt die Zahl der hiesigen Trust-Verwalter auf 200. Wie viel Vermögen sie kontrollieren, ist unbekannt.

Laut von Heeren ist der häufigste Anwendungsfall die Nachfolgeplanung: Ein Settlor bündelt sein Vermögen per Trust und kann dann Regeln aufstellen, wie dieses ausgeschüttet wird – zum Beispiel, wenn die Kinder 35 sind. Auch steuerliche Gründe sind häufig, etwa wenn jemand Vermögen in vier Ländern hat. «Da sind plötzlich vier Erbverfahrens- und Steuerrechte anwendbar, das kann ohne Trust gigantisch kompliziert werden.»

Die Steuervorteile sind es, die Trusts zum Zankapfel machen. Nichtregierungsorganisationen wie das Tax Justice Network sehen darin Vehikel zur Steuervermeidung. Dass die Konstrukte legal seien, sei gerade der Skandal. Dazu kommt: Trusts erschweren es Behörden, Vermögen über Grenzen nachzuverfolgen. Von Heeren streitet nicht ab, dass die Branche ein Imageproblem hat: «Unser Ziel muss sein, nicht ständig an den Pranger gestellt zu werden.» In der Schweiz sind Trustees heute nur in der Geldwäsche-Abwehr reguliert. Von Heeren fordert eine Lizenzpflicht, halbstaatliche Aufsicht, Mindestversicherungsschutz und Mindesteigenkapital. In diese Richtung geht das neue Finanzinstitutsgesetz, welches das Parlament zurzeit diskutiert. «Mit dem automatischen Informationsaustausch kommt noch mehr Transparenz», so von Heeren. Das Thema Steuerhinterziehung werde automatisch unwichtiger. «Wir sollten weg von Problemkunden und uns darauf konzentrieren, besten Service anzubieten.»

Gleichzeitig gibt es (nicht zum ersten Mal) Bemühungen, einen «Swiss Trust» einzuführen. Nationalrat Fabio Regazzi (CVP, TI) hat einen Vorstoss lanciert. Er hat aber Kritiker, die Linke und den Bundesrat gegen sich: Man sehe «keinen Handlungsbedarf», sagte Finanzminister Ueli Maurer (SVP), als Trusts im Februar letztmals Thema waren. Regazzi hofft, dass in Bern als Folge der neuen Transparenz die Stimmung dreht. (ms)

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