Sie wollte ihre Goldbarren zurück, dann flog der Schwindel auf

Ein bekannter Zürcher Anwalt, eine reiche Witwe: Sie sind die Protagonisten eines Wirtschaftskrimis bei dem es um Luxus, Geliebte und Betrug ging.

Mindestens zwölf Millionen Franken abgezweigt: Jörg Rappold. Foto: Tamedia

Mindestens zwölf Millionen Franken abgezweigt: Jörg Rappold. Foto: Tamedia

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Jörg Rappold verkörperte gegen aussen das Bild des erfolg- und einflussreichen Zürcher Wirtschaftsanwalts: Büro am Limmatquai gleich beim Rathaus, Mandate als Kantons- und Verfassungsrat, Ehrenpräsident der Zunft zum Kämbel, private Residenz in Zollikon, bestens vernetzt an der Goldküste. Als der FDP-Mann 2015 80-jährig Suizid beging, pries ihn die NZZ in ihrem Nachruf als «einen der letzten glasklaren Liberalen».

Tatsächlich aber war er ein Wirtschaftskrimineller. Zwei Tage vor seinem Tod hatte ihn eine seiner Klientinnen angezeigt. Sie verdächtigte ihn, mindestens zwölf Millionen Franken an Ersparnissen veruntreut zu haben.

Über drei Jahre lang ermittelte die Justiz, liess Bankschliessfächer öffnen, beschlagnahmte Goldbarren, blockierte Konten. Nun ist das Strafverfahren abgeschlossen, der Einziehungsbefehl liegt dieser Zeitung vor. Das 22-seitige Dokument zeigt, wie der Rechtsanwalt über Jahre hinweg Familie, Freunde, Zürcher Privatbankiers und Kunden in die Irre führte, während er Millionen ausgab, für Kunst, Reisen und eine Geliebte. Wie er immer verzweifelter Gelder von Konto zu Konto schob, um immer grössere Löcher zu stopfen. Und wie am Ende alles einstürzte.

Die Geschädigte sagte der Staatsanwältin bei ihrer Befragung unter Tränen, sie könne nicht glauben, dass sie von ihrem Freund dermassen «beschissen» worden sei.

Schauplatz eines veritablen Krimis um veruntreute Millionen einer Witwe: Schönes, reiches Zürich. (Emanuel Ammon/AURA)

Hauptopfer und Täter kennen sich seit den frühen 50er-Jahren. Luiza Berner war die Ehefrau des bekannten Werbers André Berner, der sich als Konzertveranstalter im Club Mascotte einen Namen machte. Die Berners freundeten sich mit dem Ehepaar Rappold an, die Familien reisten gemeinsam in die Ferien, auch die Kinder kannten sich gut. Als André Berner 2008 als reicher Mann starb, versprach Anwalt Jörg Rappold der Witwe, er werde sich um sie kümmern.

Luiza Berner hatte mit Schriftlichkeiten bis zum Tod ihres Mannes nie etwas zu tun gehabt, hält die Staatsanwaltschaft fest. Berner erteilte Rappold umfassende Vollmachten und bat ihn, das Millionenvermögen konservativ anzulegen.

Erst fünf Jahre später begann sie, den Anwalt zu hinterfragen. Sie bemerkte auf Auszügen, dass er ihre Anlagen auf seinem Namen führte. Mit Ausflüchten hielt er sie hin, bis sie im Oktober 2014 bei der Credit Suisse am Limmatquai einen Goldbarren für ihre Enkelkinder abholen wollte – und die Filiale aufgelöst war. Als sie bei Rappold nachfragte, was mit ihrem Gold im Wert von rund einer Million Franken geschehen sei, fragte dieser nur zurück, wie viel Gold sie denn brauche, ohne Details offenzulegen.

Danach übte Berner mit einem Anwalt Druck auf Rappold aus, der schliesslich eine Schuldanerkennung über 15 Millionen Franken unterzeichnete. Noch im Januar 2015 behauptete er, das Geld sei da, es sei nur in Singapur blockiert. Am 3. Februar 2015 beging er Suizid.

Geliebte zahlte Geld zurück

Die Wahrheit war: Rappold hatte Berners Vermögen nicht in Vehikel in Liechtenstein («Interbau») und Singapur («Tantalus») angelegt. Diese dienten nur dazu, den Transfer auf seine eigenen Konti zu verschleiern. Schon 2008 war sein Vermögen laut Justiz «sehr bescheiden».

Die Staatsanwaltschaft ermittelt nicht gegen Verstorbene, Rappold wird auch nicht posthum verurteilt. Aber die Justiz ging im Rahmen eines «selbstständigen Einziehungsverfahrens» der Frage nach, was mit dem Geld geschehen war. Dabei tauchten weitere Geschädigte auf. Besonders auffällig sei gewesen, dass Rappold für verschiedene ältere Damen Vollmachten bei Konti der Credit Suisse hatte, schreibt die Staatsanwältin. Weiter sass Rappold bei zwei Stiftungen im Stiftungsrat; dort fehlte ebenfalls Geld.

Das Aufdröseln der Geldtransfers dauerte Jahre. Das Konkursamt Zürich-Riesbach eröffnete über Rappold nach seinem Tod den Konkurs; seine Familie schlug das Erbe aus.

Mehrere Parteien schlossen mit Luiza Berner Vergleiche ab; die Geliebte Rappolds etwa, die zeitweise monatlich 5500 Dollar von ihm erhalten hatte, zahlte 400'300 Franken zurück. Ein Deal kam auch mit einem US-Ehepaar zustande, das bei Rappold Kunde gewesen war. Die Amerikaner hatten Schwarzgeld in der Schweiz parkiert, dann aber die Sache mit dem US-Fiskus geregelt. Als sie ihr Geld von Rappold zurückforderten, konnte dieser nicht liefern – und half sich mit dem Berner-Vermögen.

Eine informierte Quelle sagt, Berner könne damit rechnen, von den verschwundenen zwölf Millionen Franken rund sieben Millionen zurückzuerhalten. Nicht aufgetaucht sind allerdings die meisten Goldbarren: Die Polizei hat bis heute nur vier Stück gefunden. 21 weitere bleiben verschwunden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2018, 22:19 Uhr

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