Zwist um 5G-Vergabe

Für Swisscom, Sunrise und Salt ist 2018 ein wichtiges Jahr. Sie müssen Frequenzen des schnellen 5G-Mobilfunkstandards kaufen, damit ihre Netze zukunftstauglich bleiben.

Beeindruckend futuristisch: Die 5G-Präsentation von Intel an einer Fachmesse in Las Vegas. Foto: Steve Marcus (Reuters)

Beeindruckend futuristisch: Die 5G-Präsentation von Intel an einer Fachmesse in Las Vegas. Foto: Steve Marcus (Reuters)

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Die Schweizer Telecom-Regulationsbehörde ist nicht zu beneiden. Voraussichtlich im März wird das siebenköpfige Gremium einen Entscheid fällen, der entweder die Verantwortlichen bei der staatsnahen Swisscom oder diejenigen bei Sunrise und Salt vor den Kopf stösst. Es geht um die Art und Weise, wie die Frequenzen für den fünften Mobilfunkstandard (5G) vergeben werden. Abzuwägen hat die Eidgenössische Kommunikationskommission (Comcom), ob sie die Lizenzen gegen einen festgelegten Preis direkt zuteilt, einen Kriterienwettbewerb abhält oder eine Versteigerung durchführt. Die Vergabe selbst ist für den kommenden Herbst vorgesehen.

Mehr Leistung für Privatkunden

Der rasche Aufbau einer 5G-Infrastruktur ist nicht nur für die Telecombranche von Bedeutung, sondern auch für die privaten Nutzer und den Wirtschaftsstandort Schweiz. Die Menge an übertragenen Daten in den Mobilfunknetzen nimmt jedes Jahr zu, weil die Anwender beispielsweise Videos auf ihren Smartphones schauen. Der aktuelle 4G-Standard stösst da zunehmend an Grenzen. Mit 5G werden die Privatnutzer mehr Leistung von ihren Netzen erhalten.

Die Industrie interessiert sich ebenfalls für die Möglichkeiten von 5G. Im laufenden Jahr testet Ypsomed in einem Feld­versuch mögliche Anwendungen. Demnach will die Burgdorfer Me­di­zi­nal­tech­nik­firma die Kommunikation ihrer Produktionsanlagen untereinander über den neuen Mobilfunkstandard abwickeln. Auf dem Prüfstand seien bei dem Versuch etwa die Kosten, heisst es aus dem Umfeld des Testbetriebs. Die Datenübertragung zwischen den Maschinen über 5G sei vermutlich günstiger als übers Glasfasernetz.

Damit es aus Sicht der Privatkunden und Unternehmen überhaupt so weit kommt, müssen mögliche Betreiber von 5G-Netzen von der Eidgenossenschaft zuerst die nötigen Lizenzen für eine Dauer von 15 bis 25 Jahren erwerben. Wie das genau geschehen soll, darüber herrscht bei den üblichen Verdächtigen Swisscom, Sunrise und Salt Uneinigkeit. Das zeigen die schriftlichen Stellungnahmen der drei Anbieter zum Vergabeverfahren zuhanden des Regulators, welche dieser Zeitung vorliegen.

«Genügend finanzielle Möglichkeiten»

Marktführerin Swisscom mit ihren 6,6 Millionen Mobilfunkkunden bevorzugt eine Auktion. Das sei grundsätzlich das beste Verfahren, um Frequenzen zu vergeben, für welche die Nachfrage höher sei als das Angebot. Bei einer direkten Zuteilung oder einem Kriterienwettbewerb sei die Rechtsunsicherheit «ungleich höher».

In einem internen Papier hält die Swisscom ausserdem fest, Sunrise und Salt verfügten über «genügend finanzielle Möglichkeiten», um bei einer Versteigerung mitbieten zu können.

Sunrise hält dagegen und verweist auf die volle Kriegskasse der Swisscom. Die Nummer zwei sieht sich deshalb bei einer Versteigerung im Nachteil. Sunrise mit ihren 2,4 Millionen Kunden spricht sich für eine direkte Zuteilung der 5G-Lizenzen aus oder für eine Vergabe nach vorgängig festgelegten Kriterien. Nur so könne der Wettbewerb im Schweizer Mobilfunkmarkt bewahrt werden.

«Unser Auftrag ist es, ein faires und transparentes Verfahren vorzuschlagen.»Stephan Netzle, Comcom-Präsident

Salt steht einer Auktion ebenfalls skeptisch gegenüber. Der kleinste Betreiber mit seinen 1,2 Millionen Kunden fordert, dass die Behörden prüfen, ob weitere Unternehmen Interesse an den 5G-Lizenzen anmelden. Sollte dies nicht der Fall sein, wünscht sich Salt, «dass die Comcom die Frequenzen den bestehenden Mobilnetzbetreiberinnen zuteilt». Im Falle einer Versteigerung sei ein einfaches Format zu wählen.

Die Regulatorin ist sich der hohen Erwartungen bewusst, welche die drei Mobilfunkbetreiber an sie haben: «Unser Auftrag ist es, ein faires und transparentes Verfahren vorzuschlagen», sagt Comcom-Präsident Stephan Netzle.

Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Einführung von 5G in der Schweiz verzögert wird. Die Vergabe der 5G-Lizenzen kann vor dem Bundesverwaltungsgericht angefochten werden.

440 Millionen für Staatskasse

Branchenkenner rechnen damit, dass die 5G-Lizenzen um die 440 Millionen Franken in die Staatskasse spülen werden – Geld, das dem Steuerzahler zur Verfügung steht. Diese Annahmen basieren auf dem durchschnittlichen Endpreis von 5G-Auktionen in neun europäischen Ländern, darunter Deutschland, Italien und Frankreich. Die Vergabe der 4G-Lizenzen vor sechs Jahren brachte dem Bund knapp 1 Milliarde Franken ein. Die Versteigerung der 3G-Frequenzen im Jahr 2000 warf 205 Millionen Franken ab. Comcom-Präsident Netzle bestätigt die tendenziell sinkenden Erlöse für Mobilfunklizenzen. Ein Grund ist, dass bei 5G weniger Frequenzen zum Verkauf stehen als bei 4G. Doch auch Unsicherheiten beim Geschäfts­szenario und bei den politischen Rahmenbedingungen für Strahlenwerte könnten die Investitionsfreude der Mobilfunkbetreiber hemmen.

Es sei nicht das Ziel, möglichst viel Geld für die Staatskasse herauszuholen, sagt der Comcom-Präsident. Vielmehr gehe es darum, den Interessenten zu ermöglichen, eine gute Frequenzausstattung zu erlangen. Netzle: «Das ist die Voraussetzung für attraktive Tarife für die Konsumenten. Wir gehen davon aus, dass dies den Wettbewerb beflügelt.»

Die erste Hürde für eine kommerzielle Lancierung von 5G haben die Swisscom, Sunrise und Salt bereits genommen. Alle drei haben erfolgreiche Tests mit 5G durchgeführt. Die Swisscom hat vor, im kommenden Jahr erste Anwendungen anzubieten. Private Nutzer müssen sich allerdings noch etwas länger gedulden. Um den neuen Mobilfunkstandard zu nutzen, braucht es 5G-fähige Smartphones. Die Branche geht davon aus, dass solche erst ab 2020 auf den Markt kommen werden.

Erstellt: 25.01.2018, 22:17 Uhr

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