Stellenabbau: Migros-Mitglieder haben wenig zu sagen

«Die Migros gehört den Leuten», heisst es in der Kampagne des orangen Riesen. Doch Genossenschafter können kaum Einfluss nehmen.

Der Protest bleibt auch in diesem Fall draussen: Unzufriedene Bauern im Juli vor der Migros-Aare-Zentrale in Schönbühl BE.

Der Protest bleibt auch in diesem Fall draussen: Unzufriedene Bauern im Juli vor der Migros-Aare-Zentrale in Schönbühl BE. Bild: Raphael Moser

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«Als Besitzer der Migros Aare sage ich Nein zu diesem Stellenabbau», schreibt ein ­Leser zum jüngst angekündigten Sparprogramm der Migros Aare. Der Mann ist selbstverständlich nicht der alleinige Besitzer der Migros Aare. Er teilt sie sich mit 518'368 weiteren Genossenschafterinnen und Genossenschaftern in den Kantonen Bern, Solothurn und Aargau.

Könnte sich der Leser nicht mit anderen Migros-Mitbesitzern zusammentun, um den Stellenabbau in «seinem» Unternehmen zu stoppen? Ja, grundsätzlich könnte er. Die Statuten der Migros Aare sehen vor, dass die Mitglieder Initiativen einreichen können, über die dann alle Genossenschafter abstimmen.

Mit seiner Initiative müsse der Leser auf Unterschriften­sammlung gehen. 5 Prozent der ­Migros-Aare-Genossenschafter müssten diese unterschreiben – also über 25'000 Personen. Doch beispielsweise vor Migros-Filialen könnte kaum gesammelt werden. Denn anders als bei politischen Initiativen reichen Name, Adresse, Geburtsdatum und Unterschrift nicht aus.

Nur mit Mitgliedsnummer

Die Migros Aare verlangt zu jeder Unterschrift auch die Mitgliedsnummer. Wer hat diese schon zur Hand, geschweige denn im Kopf? (Sie findet sich beim Adressaufdruck des «Migros-Magazins».) Den Aufwand, eine solche Initiative einzureichen, würden die Mitglieder wohl nur im Fall eines eklatanten Missstandes bei der Migros Aare auf sich nehmen.

Der unzufriedene Mitbesitzer hat jedoch noch einen zweiten Weg, bei der Migros Aare Einfluss zu nehmen: Er kann sich in den Genossenschaftsrat wählen lassen. Dabei handelt es sich sozusagen um das Parlament der Migros Aare. Alle zehn regionalen Migros-Genossenschaften kennen ein solches Gremium.

Die Migros Aare setzt den Rotstift an: Demontage bei einer Filiale in Bern 2013. Bild: Keystone

Doch kaum jemand wird schon einmal von den regionalen Genossenschaftsräten gehört haben. Das hat einen Grund: Nicht die Migros-Regionalparlamente bestimmen die Strategie der Migros, sondern die Verwaltungsräte der regionalen Genossenschaften. Bei der Migros Aare wird die sogenannte Verwaltung geführt von Thomas Aebersold, dem Bruder des Stadtberner Finanzdirektors Michael Aebersold. Weiteres prominentes Mitglied des Gremiums ist Bernmobil-Chef René Schmied.

Aebersold, Schmied und ihre Mitstreiterinnen wurden vom Genossenschaftsrat gewählt. Dies ist wohl die wichtigste Aufgabe des Migros-Aare-Parlaments. Dazu kommt die Entsendung von 17 Ratsmitgliedern in die Delegiertenversammlung des Migros-Genossenschafts-Bundes, die wiederum Verwaltungsrat und Chef der nationalen Migros wählen. Zudem darf der Genossenschaftsrat der Migros Aare pro Jahr 100'000 Franken aus dem Topf des Migros-Kulturprozents selbst verteilen.

Mehr zuhören als bestimmen

Ansonsten müssen die 60 Mitglieder des Genossenschaftsrats der Migros Aare an ihren vier Sitzungen pro Jahr vor allem zuhören: Sie werden von der Verwaltung über den Geschäftsgang informiert und dürfen dazu «konsultativ» Stellung nehmen. Doch obwohl die Sitzungen des Rats geheim sind, kommt dort kaum Vertrauliches zur Sprache: Die Statuten räumen der Verwaltung ausdrücklich das Recht ein, Geschäftsgeheimnisse für sich zu behalten.

Doch wie, wenn er denn wollte, könnte der Leser Mitglied des Genossenschaftsrats werden? Er hat Glück: Noch bis Ende September können sich volljährige Migros-Aare-Genossenschafter um einen der 60 Sitze bewerben. Wenn er Glück hat, wird ihn die Wahlvorbereitungskommission des heutigen Genossenschaftsrats für die nächsten vier Jahre zur Wahl vorschlagen.

Wahl mit Demokratiedefizit

Und wer von der Migros-Kommission zur Wahl vorgeschlagen wird, ist so gut wie gewählt. Der Prozess offenbart das Demokratiedefizit der Genossenschaft: Der offizielle Vorschlag wird jeweils in stiller Wahl genehmigt. Die einfachen Genossenschafterinnen und Genossenschafter haben keine Wahl. Zwar könnte eine Gruppe von Migros-Aare-Mitgliedern Wahlvorschläge für den Genossenschaftsrat oder auch für den Verwaltungsrat machen. Doch dafür würden sie die Unterschriften von 2 Prozent aller Migros-Aare-Genossenschafter benötigen, also mehr als 10'000 Namen. Dies wiederum samt Mitgliedsnummern.

Der Verein Sorgim – Migros rückwärts gelesen – hat in den vergangenen Jahren mehrere Anläufe genommen, in einigen Migros-Regionen genügend Unterschriften für eigene Kandidaturen zu sammeln. Dies jedoch erfolglos.

Wer es also nicht auf die Einheitsliste der Migros Aare schafft, hat keine Chance. Nach welchen Kriterien die Personen für diese ausgewählt werden, ist nicht öffentlich. Allzu kritische Geister werden es wohl schwer haben. Die Migros-Aare-Statuten geben lediglich vor, dass die Genossenschaftsräte proportional zu den Mitgliederzahlen aus den Kantonen Bern, Solothurn und Aargau stammen müssen – und das die Mehrheit der Ratsmitglieder weiblich ist. Die Frauen-Regel stammt aus der Feder von Migros-Gründer Gottlieb und seiner Frau Adele Duttweiler, die ihr Unternehmen einst den Kundinnen und Kunden schenkten.

An diese Schenkung erinnerte der orange Riese letztes Jahr intensiv mit seiner Kampagne «Die Migros gehört den Leuten». Doch das Gedankengut der Duttweilers war in der Migros auch schon stärker verankert. So schrieben die Duttweilers in ihren 15 Thesen zur Migros: «Die Genossenschaftsräte müssen als oberste Hüter unseres Gedankengutes in Zukunft verstärkte Bedeutung erhalten.» Das ist offensichtlich nicht geschehen.

Adrian Bhend, Präsident des Genossenschaftsrats der Migros Aare, sagte dem Mitarbeitermagazin der Genossenschaft einmal: Die Ratsmitglieder seien sich bewusst, «dass sich ihre Rolle mit den Jahrzehnten verändert hat und sie die Migros nicht auf den Kopf stellen können».

Hier finden Sie das Wahlformular für den Genossenschaftsrat der Migros Aare.

Erstellt: 20.09.2019, 19:34 Uhr

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