Swisscom will Kunden mit «SMS 2.0» zurückholen

Der SMS-Nachfolger RCS soll eine Alternative zu Whatsapp und Messenger sein. Der Dienst funktioniert aber nicht auf allen Geräten.

Erfolg ungewiss: Der neue Dienst RCS läuft derzeit nicht auf iPhones. Foto: Christof Schürpf (Keystone)

Erfolg ungewiss: Der neue Dienst RCS läuft derzeit nicht auf iPhones. Foto: Christof Schürpf (Keystone)

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In Albanien und Rumänien ist die «SMS 2.0» bereits im Einsatz, ausgerechnet im Mobilfunkland Schweiz jedoch nicht. Das soll sich nun ändern. Die Swisscom hat vor, den Nachfolger der klas­sischen Kurztextnachricht im ­laufenden Jahr einzuführen. Gemeint ist Rich Communication Services, kurz RCS.

Mit der neuen Technologie können die Nutzer unter anderem Gruppenchats durchführen, Videoanrufe tätigen, Fotos verschicken und mobile Bezahlungen abwickeln. Die Anwendung ersetzt die bisherige Nachrichtenfunktion, mit der normalerweise SMS versendet werden.

Der grösste Schweizer Telecombetreiber vermarktet den SMS-Ersatz als Alternative zu Angeboten wie Whatsapp und Messenger, die gratis sind und beide zum sozialen Netzwerk Facebook gehören. Diese Dienste haben den Mobilfunkanbietern weltweit das lukrative Geschäft mit den kostenpflichtigen Kurzbotschaften weitgehend zerstört. Beispiel Swisscom: Zu den besten Zeiten um die Jahrtausendwende setzte der staatsnahe Betrieb mit SMS einen dreistelligen Millionenbetrag um. Heute ist der Versand von SMS innerhalb der Schweiz in den monatlichen Abonnements inbegriffen und wird nicht mehr zusätzlich abgerechnet.

RCS ist der Versuch der internationalen Mobilfunkindustrie, die Privatkunden davon abzuhalten, die Anwendungen der branchenfremden Konkurrenz zu nutzen. Für diese Nutzer dürfte der neue Service weiterhin kostenlos sein, im Fall der Swisscom als Teil eines Gesamtpakets für eine monatliche Gebühr.

Jagd auf Firmenkunden

Neue Einnahmequellen ergeben sich hingegen mit Firmenkunden. Die Swisscom und der Online-Brillenhändler Visilab testen derzeit einen automatisierten Kundendienst, der auf RCS beruht. An der diesjährigen Mobilfunkmesse in Barcelona zeigten beide Firmen, wie das funktionieren kann. Brillenträger können den QR-Code auf einem Katalog scannen und werden dann an einen «Plauder-Roboter» weitergeleitet, der bei Kundenfragen behilflich ist. Der weltweite Industrieverband der Mobilfunkanbieter schätzt, dass der Markt für solche Anwendungen bis zum Jahr 2021 knapp 75 Milliarden Franken ausmachen könnte.

Branchenkenner wie Ralf ­Beyeler vom Online-Vergleichsdienst Moneyland äussern allerdings Zweifel, ob sich RCS gegen die kostenlose Konkurrenz behaupten kann. «Ich sehe wesentliche Nachteile», sagt Beyeler. «Einer davon ist die Verfügbarkeit des neuen Dienstes.»

Whatsapp und Messenger funktionieren auf allen Smartphones und mit allen Mobilfunkanbietern, deshalb haben sie sich hierzulande gut etabliert. «Das iPhone jedoch unterstützt die neue Technologie derzeit nicht», sagt Beyeler. Damit würden in der Apple-Hochburg Schweiz 40 Prozent aller Mobilfunknutzer von der Swisscom ausgeschlossen.

Sunrise und Salt warten ab

Weiter ist unklar, wie Sunrise und Salt zu RCS stehen. Solange einzig die Swisscom den SMS-Nachfolger anbietet, können ihn lediglich die 6,5 Millionen Mobilfunkkunden des blauen Riesen untereinander nutzen. Die 3,5 Millionen Nutzer der zwei Mitbewerber bleiben unerreichbar.

Sunrise beobachte neue Funktionen und Trends laufend, teilt das Unternehmen mit. Eine mögliche Lancierung von RCS werde geprüft, heisst es weiter. Einen Termin nennt Sunrise nicht. Salt wollte keine Auskunft geben. Ursprünglich wollte die Swisscom den SMS-Nachfolger im Verlauf von 2018 einführen. Das Unternehmen begründet die Verzögerung mit «Erweiterungen im Standard und technischen Weiterentwicklungen».

In den Jahren zuvor hatte sich die Swisscom auf die Entwicklung eines eigenen Angebots zu Whatsapp und Messenger konzentriert, das im Gegensatz zu RCS aber nicht auf einem offiziellen Standard basierte. Weil die Messaging-App mit dem ­Namen iO nur 1,7 Millionen Mal heruntergeladen wurde, stellte das Unternehmen den Betrieb von iO im Sommer 2017 ein.

Den Grundstein für RCS legte der weltweite Industrieverband der Mobilfunkanbieter bereits im Jahr 2007. Doch erst der Durchbruch von Whatsapp vier Jahre später und die sich abzeichnenden Umsatzeinbussen zwangen die Branche dazu, die Entwicklung der neuen Technologie ernsthaft vorwärtszutreiben. Den mehrjährigen Vorsprung der Internetkonzerne aus den USA aufzuholen, erweist sich deshalb als schwierig. Bis jetzt haben weltweit 76 Mobilfunkanbieter RCS lanciert, darunter der britische Konzern Vodafone und die französische Orange.

Das laufende Jahr gilt als Schicksalsjahr für den SMS-Nachfolger: 59 weitere Betreiber wollen in den kommenden zwölf Monaten nachziehen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.04.2019, 21:23 Uhr

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