Thiam erkauft sich Wachstum mit hohem Risikoappetit

Die Credit Suisse vergibt mehr Kredite an reiche Kunden. Analysten sind besorgt.

Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam legte diese Woche positive Zahlen vor, doch die Kreditqualität wirft Fragen auf. Foto: Bloomberg/Getty Images

Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam legte diese Woche positive Zahlen vor, doch die Kreditqualität wirft Fragen auf. Foto: Bloomberg/Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Tidjane Thiam konnte einem leidtun. Diese Woche präsentierte der Credit-Suisse-Chef überraschend gute Geschäftszahlen für das dritte Quartal. Doch das Interesse galt nicht dem deutlich gesteigerten Gewinn, sondern der Beschattungsaffäre um seinen abtrünnigen Geschäftsleitungskollegen Iqbal Khan.

Dabei bot das präsentierte Zahlenmaterial spannende Einblicke. Nach mühseligen Umbaujahren zeigt sich, dass die Credit Suisse unter Thiam deutlich Fahrt aufnimmt und immer näher zur Lokalkonkurrentin aufschliesst. Mit 1,1 Milliarden Franken erzielte die Bank nur noch rund 200 Millionen Franken weniger Vorsteuergewinn als die wesentlich grössere UBS.

Gleichzeitig zeigen die Zahlen auch, dass die gestiegenen Gewinne zum Teil mit zunehmenden Bilanzrisiken erkauft sind. Und zwar in jenen Bereichen der Grossbank, wo man sie am wenigsten vermuten würde: in der Abteilung internationale Vermögensverwaltung und in der Region Asien. Erstere wurde bis diesen Sommer von Iqbal Khan geführt.

26 Prozent höhere Krediteinnerhalb von drei Jahren

Das erhöhte Risikoprofil der Bank ist bereits ins Visier von Finanzanalysten geraten. Die Londoner Bankspezialisten des Bankhauses Berenberg schreiben in einer Analyse zum Quartalsabschluss, dass sie die Bemühungen der Credit Suisse, die Risiken in der Investmentbank herunterzufahren, zwar begrüssen würden, aber gleichzeitig «ein wenig besorgt» über das Wachstum in der Abteilung internationale Vermögensverwaltung und in Asien seien.

Dazu muss man wissen: Als Tid­jane Thiam im Sommer 2015 das Zepter der Bank übernahm, setzte er verstärkt auf die Vermögensverwaltung und den Ausbau der Asienaktivitäten. Wie schon bei der UBS sollte das Geschäft mit reichen Privatkunden zur neuen Paradedisziplin der Bank werden. Damit wollte er ein Zeichen setzen: Weg vom kapitalintensiven Investmentbanking hin zum vermeintlich risikolosen Private Banking. Angesichts der damals herrschenden strukturellen Probleme des Investmentbankings war dieser Strategieentscheid einleuchtend, wenn auch mit gigantischen Abschreibern verbunden.

Die Erträge in der Vermögensverwaltung kletterten zwischen 2015 und 2018 stetig nach oben. Aber in noch grösserem Umfang erhöhten sich in dieser Periode die vergebenen Kredite an reiche Kunden, nämlich um 26 Prozent. In den Augen der Analysten von Berenberg bietet genau diese Entwicklung Anlass zu Sorge. Die Finanzanalysten sind der Meinung, dass das «Wachstum auf Kosten des Risikos» erzielt wird.

Im Berenberg-Bericht wird die gestiegene Risikobereitschaft bei der Credit Suisse durch eine weitere Kennzahl untermauert: die sogenannten risikogewichteten Aktiven. Bei dieser Grösse handelt es sich um einen errechneten Wert, der den Risikogehalt der Aktiven einer Bank bestimmt. So hat eine Staatsanleihe mit AAA-Kreditrating ein tieferes Risiko als ein mit Wertpapieren gesicherter Lombardkredit einer Privatperson.

Die risikogewichteten Aktiven schnellten zwischen 2015 und 2018 in der internationalen Vermögensverwaltung und in Asien von 34 auf 54 Milliarden Franken hoch. Gemäss Berenberg gehen 14 Prozent dieses Anstiegs auf eine Verschlechterung der Kreditqualität zurück. «Das ist der Grund, warum wir uns Sorgen über gewisse Risiken machen, welche die CS auf ihre Bilanz nimmt», schreiben die Berenberg-Analysten. Der Bericht zeigt auf einen Schwachpunkt der Strategie von Thiam und des inzwischen zur UBS übergelaufenen Iqbal Khan: Das Wachstum in der Vermögensverwaltung wird mittels grosszügiger Kreditlinien geschaffen.

Politik der Notenbanken spieltder Credit Suisse in die Hände

Anderseits dreht sich im Bankwesen alles um das erfolgreiche Management von Risiken. Bisher kann man der Credit Suisse nicht vorwerfen, sie habe die Risiken nicht im Griff. Im Gegenteil: Die Rechnung ging für die Bank auf. Die Politik der Notenbanken spielt ihr dabei in die Hände. Diese versorgen die Märkte weiterhin mit billigem Geld, was die Aktien in immer neue Höhen treibt. Selbst aufkommende Rezessionsängste können die positive Entwicklung auf den Aktienbörsen nicht trüben. Solange die Kurse steigen, geht das Spiel für die reichen Kunden munter weiter und damit auch für die Credit Suisse.

Die Gefahren im Private Banking und in Asien stehen einem domestizierten Investmentbanking gegenüber. Die einstige Problemsparte Global Markets wurde unter Thiam deutlich verkleinert. Die risikogewichteten Aktiven schrumpften seit 2015 um die Hälfte. Trotzdem konnte die Abteilung den Gewinn im abgelaufenen Quartal mehr als verdoppeln, von 365 auf 914 Millionen Dollar. Die risikogewichteten Aktiven erhöhten sich dabei nur marginal von 59 auf 61 Milliarden Dollar. Das zeigt: Die Problemzonen einer Bank können sich über die Jahre stark verschieben.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 02.11.2019, 19:27 Uhr

Artikel zum Thema

«Ein Schweizer soll die Credit Suisse führen»

Für den früheren CS-CEO Oswald Grübel macht die Bank in der aktuellen Krise keine gute Figur. Mehr...

Topmanager der Credit Suisse greift PR-Mann an

Eklat in der Zürcher Kronenhalle: Der Schweiz-Chef der Bank und ein PR-Berater gerieten sich wegen Iqbal Khan in die Haare. Mehr...

CS-Mitarbeiter geraten in den Fokus der Ermittler

Die Staatsanwaltschaft ermittelt in der Beschattungsaffäre der Credit Suisse gegen Privatdetektive wegen mehrerer Delikte. Es geht auch um Beihilfe dazu. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Willkommen auf dem E-Bauernhof

Im Jahr 2050 gilt es, 9,8 Milliarden Menschen zu ernähren. Somit muss bis dann die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 70 Prozent erhöht werden.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Fliegende Körner: Ein Bauer erntet Reis auf einem Feld in Nepal. (15. November 2019) A farmer harvests rice on a field in Lalitpur, Nepal November 15, 2019.
(Bild: Navesh Chitrakar ) Mehr...