«Über Nachhaltigkeit wird plakativ und ohne Inhalt diskutiert»

Bio-Suisse-Geschäftsführer Daniel Bärtschi nimmt im Interview Stellung, wie die Knospe gegen neue Herausforderer in Sachen Nachhaltigkeit positioniert werden soll.

Der traditionelle Bioanbau gerät durch neue Bemühungen in Sachen Nachhaltigkeit bei anderen Anbaumethoden unter Druck.

Der traditionelle Bioanbau gerät durch neue Bemühungen in Sachen Nachhaltigkeit bei anderen Anbaumethoden unter Druck. Bild: Keystone

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Die Bio-Knospe scheint mit einem Wahrnehmungsproblem zu kämpfen…
Wie kommen Sie darauf?

Sie versuchen mit einer neuen Kampagne, das Profil der Knospe zu schärfen…
Nach acht Jahren brauchte unsere Positionierung eine Auffrischung. Bio ist ein ganzes System, daran ändert sich nichts. Uns war wichtig, das Gleichgewicht zu betonen, das diesem System innewohnt. Zwischen Mensch, Tier und Natur.

Das klingt schwammig. Was soll das neue Knospen-Profil dem Konsumenten bringen?
Uns ist es wichtig, dass die Konsumenten wahrnehmen, wofür die Knospe steht. Wir wollen dafür sorgen, dass die einzelnen Bestandteile, die unser System ausmachen, besser zur Geltung kommen.

Es ist doch vor allem auch so, dass sich heute alle möglichen Produzenten die Nachhaltigkeit auf die Fahne schreiben und die Knospe dadurch Konkurrenz erhalten hat.
Dass mehr über Nachhaltigkeit gesprochen wird, finden wir grundsätzlich gut. Leider verlaufen die Diskussionen aber oft plakativ und ohne viel Inhalt.

Was spricht denn dagegen, dass andere, weniger restriktive Label, Bio günstiger und massentauglicher machen?
Wir finden andere Standards wie etwa EU-Bio nicht per se schlecht. Unsere Richtlinien garantieren aber einen Mehrwert, auch bei den verarbeiteten Lebensmitteln. Zwei Beispiele: Bei uns gilt als Voraussetzung, dass alle Zutaten eines Lebensmittels das Knospen-Niveau erfüllen. Zudem wird Flugfracht ausgeschlossen. Wir geben Effizienzgewinne gerne auch an Konsumenten weiter, aber werden sicher nicht hingehen und unsere Richtlinien aufweichen.

Es scheint aber, dass die Schweizer Bioproduktion mit diesen Voraussetzungen an Grenzen stösst. Es gelingt kaum, die Produktion auszuweiten, um die steigende Nachfrage zu befriedigen. Woran liegt es?
Es gibt jährlich 2 Prozent mehr Schweizer Biobetriebe, während die übrige Landwirtschaft um 2 Prozent abnimmt. Bei Eiern etwa gelingt es sehr gut, die Nachfrage zu erfüllen. Bei der Milch gibt es sogar eine leichte Überproduktion.

Es gibt einen Biomilchsee…
Nein, aber ein saisonales Überangebot, das wir mit Absatzpromotionen für Biomilch, aber auch für Biokäse ausgleichen.

Wie steht es um den Schweizer Eigenversorgungsgrad bei Gemüse und Getreide?
Beim Gemüse liegt er bei 60 Prozent, was ein sehr guter Wert ist. Beim Brotgetreide ist er mit 30 Prozent hingegen eher tief. Das heisst, dass 70 Prozent der Menge importiert werden müssen. Und bei Ölsaaten wie Raps oder Soja liegt der Importanteil sogar über 90 Prozent und der Eigenversorgungsgrad entsprechend unter 10 Prozent.

Wo sehen Sie das grösste Potenzial, die Produktion anzukurbeln?
Generell ist der Eigenversorgungsgrad von zwei Drittel und ein Drittel Import über alle Produkte hinweg sehr gut. Wir versuchen aber, vor allem in der Westschweiz noch mehr Betriebe auf Bio umzustellen. Neu haben wir in diesem Landesteil einen Mitarbeiter vor Ort, der sich darum kümmert.

Heute wird über Bio 3.0 gesprochen. Ein Versuch, um mehr Menge zu erzielen, ohne die Qualität und die Bio-Richtlinien zu verwässern. Allerdings ist noch vieles offen und in Diskussion. Was steht Ihrer Meinung nach im Vordergrund?
Die Investitionen in die Forschung und Innovationen. Ein ganz konkretes Beispiel: Wir müssen dafür sorgen, dass es genügend gute Gemüsesorten gibt für die Bioproduktion. Das ist heute nicht bei allen Gemüsen der Fall.

Die Migros verbessert bei eigenen Labeln wie Optigal und Terrasuisse durch den Bezug von Soja aus Italien statt Brasilien die Nachhaltigkeit und erzielt punkto Ökobilanz bessere Werte als Knospenprodukte. Wie reagieren Sie darauf?
Wir freuen uns, dass andere uns punkto Ökologie nacheifern. Schon 2014 haben wir beschlossen, die Sojaimporte aus Übersee zu reduzieren. Zudem beschränken wir uns nicht auf Flächeneffizienz; bei der Knospe sind andere Werte ebenso wichtig, wie etwa das Wohl der Tiere, möglichst wenig Pestizidrückstände oder ein tiefer Antibiotikaeinsatz – was zählt ist die Gesamtleistung.

Erstellt: 04.09.2015, 20:11 Uhr

Daniel Bärtschi ist Geschäftsführer von Bio Suisse, der Produzentenorganisation hinter dem Knospen-Label.

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