Und, wo geht’s denn hin?

Die Reiselust der Schweizerinnen und Schweizer wächst. Davon profitieren auch die klassischen Reisebüros.

Am Boden der Talfahrt angekommen: Reisebüros legten im letzten Jahr wieder zu.

Am Boden der Talfahrt angekommen: Reisebüros legten im letzten Jahr wieder zu. Bild: Keystone

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Bei den Schweizer Reisebüros freut man sich über einen leichten Aufschwung. Auch wenn dieser bescheiden ausfällt und der Wettbewerbsdruck hoch bleibt. 2017 ist der durchschnittliche Umsatz pro Reisebüro um 3,3 Prozent auf 2,84 Millionen Franken gestiegen. Damit scheint die jahrelange Talfahrt der Branche Boden gefunden zu haben, wie der Schweizer Reise-Verband meldet. Im Jahr 2000 gab es noch über 3700 Reisebüros in der Schweiz. Die Attentate vom 11. September 2001 sowie der Strukturwandel durch das Internet führten in der Folge zu einer Halbierung der Filialen.

Beim Schweizer Reise-Verband ist man «knapp zufrieden» mit dem Geschäftsgang 2017, wie Geschäftsführer Walter Kunz an einer Medienveranstaltung in Zürich erklärte. Die Reingewinnmarge (Reingewinn in Prozent des Umsatzes) der Reisebüros konnte auf bescheidenen 1,1 Prozent gehalten werden, wie eine Umfrage des Verbands und der Universität bei 335 Mitgliedern ergab. Einem durchschnittlichen Reisebüro mit drei Mitarbeitern und einem Umsatz von rund 2,8 Millionen Franken bleibt dabei noch ein Reingewinn von gegen 30’000 Franken.

Mehrheit bucht am Computer

Während es vor zwanzig Jahren noch unerlässlich war, seine Ferien oder Geschäftsreise in einer Filiale von Kuoni, Hotelplan & Co. zu buchen, läuft das Geschäft heute mehrheitlich über den Heimcomputer der Kundinnen und Kunden ab. 71 Prozent aller Reisenden buchen über das Internet. Nur noch rund 23 Prozent begeben sich in ein Reisebüro. Diese Zahlen stammen aus einer repräsentativen Umfrage von Allianz Partners Schweiz, dem Reise-Verband sowie dem Institut Link. Wer heute noch ins Reisebüro geht, dem ist die Beratungsqualität wichtig; 69 Prozent der Befragten gaben dies als ausschlaggebendes Kriterium an. Bei einer Umfrage vor vier Jahren lag der Wert noch bei 74 Prozent. Auch die Bedeutung der Kriterien persönliche Beziehungen und Lage des Reisebüros haben seit 2015 abgenommen – und zwar von 43 auf 38 Prozent und von 38 auf 24 Prozent.

Die Reisetätigkeit der Schweizerinnen und Schweizer ist ungebrochen hoch. 85 Prozent aller Befragten unternehmen jährlich mindestens einmal pro Jahr eine private Reise mit mindestens drei auswärtigen Übernachtungen. 2017 wurde rund 3 Prozent mehr als noch im Vorjahr gereist. Die meisten Personen verbringen ihre Ferien und Ausflüge nach eigenen Plänen und einem selbst zusammengestellten Programm. Rund 68 Prozent gaben an, ihre Reisen individuell zu gestalten, während ein Viertel lieber Pauschalreisen bucht.

Angst vor Terror nimmt ab

Die Angst vor Unruhen und Terror hat bei den Schweizer Reisenden im letzten Jahr klar abgenommen. Nur noch 43 Prozent geben dies als ein Sicherheitsproblem an, das sie bei der Berücksichtigung ihrer Destination berücksichtigen. Im Vorjahr lag der Wert in der Befragung noch bei 51 Prozent. Bestätigt wird dies auch durch die wieder wachsenden Gästezahlen in Ländern wie Ägypten oder Tunesien. 49 Prozent der Befragten sehen «Unfall» bei den Risiken an erster Stelle, während 42 Prozent der Reisenden sich am meisten über «Verspätungen», die sie in den Ferien selber erlebten, ärgerten.

Klage gegen Skywork geprüft

Die Pleite der Berner Fluggesellschaft Skywork Ende August traf auch etliche Reisebüros – vor allem im Raum Bern. Max E. Katz, Präsident des Reise-Verbandes, drückte seinen Ärger darüber aus, dass das Bundesamt für Zivilluftfahrt sowie die Skywork-Manager bereits Tage zuvor wussten, dass es zum Grounding kommen wird. «Trotzdem hat man weiterhin Tickets verkauft», sagte Katz, «weil man offensichtlich noch den Rückflug der Fussballmannschaft Young Boys durchführen wollte.» Erst nach diesem Flug wurde der Betrieb der Airline eingestellt. In den letzten Tagen vor der Pleite seien aber nochmals Tickets für 30'000 Franken verkauft worden. Gerade für kleinere Anbieter sei der von der Airline nicht gedeckte Ausfall der bereits bezahlten Tickets schlimm. Beim Reise-Verband prüfte man deshalb eine Klage. «Wir hätten gerne geklagt, um diesen Präzedenzfall von einem Gericht prüfen zu lassen, aber wir mussten es aus Kostengründen sein lassen», sagte Katz. Die Auslagen für eine Klage hätten die Schadenssumme von 30'000 Franken wohl überstiegen. Katz schätzt den gesamten Schaden der Skywork-Pleite für die Reisebüros auf gegen eine halbe Million Franken.

Zweifel am Projekt Swiss Skies

Angesprochen auf die Pläne für eine Schweizer Langstrecken-Billig-Airline, erklärte Verbandspräsident Katz: «Das Projekt Swiss Skies wird es schwierig haben. Ich habe grosse Zweifel, dass so etwas funktioniert.» Nur schon die erforderlichen 100 Millionen Dollar Startkapital seien schwierig aufzutreiben. Christian Laesser, Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St. Gallen, meinte dazu: «Die Aviatikbranche ist sehr zyklisch, und wir befinden uns derzeit in einem mehrjährigen Aufwärtszyklus.» Da sei es nicht aussergewöhnlich, dass es Projekte für eine neue Airline gebe. Man könne sich aber die Perspektiven des Vorhabens Swiss Skies beim Fall, dass es mit der Branche wieder einmal südwärts gehe, gut selber vor Augen halten, erklärte Laesser. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.09.2018, 14:20 Uhr

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