1 Rappen pro Puppe – Undercover in Chinas Spielzeugfabriken

Die Geschenke schon besorgt? In vielen asiatischen Fabriken herrschen katastrophale Zustände – besonders in der Zeit vor Weihnachten.

Bis zu 175 Überstunden müssen Mitarbeiter in chinesischen Spielzeugfabriken leisten: Schlafende Arbeiterinnen in der Fabrik Wah Tung.

Bis zu 175 Überstunden müssen Mitarbeiter in chinesischen Spielzeugfabriken leisten: Schlafende Arbeiterinnen in der Fabrik Wah Tung. Bild: Solidar Suisse

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Die Puppe singt auf Knopfdruck, sie kann mit in die Badewanne, und das Highlight: Schüttelt man sie hin und her, glitzert ihre Schwanzflosse. Die Ariel-Figur von Disney dürfte dieses Jahr unter vielen Weihnachtsbäumen liegen. Weniger funkelnd sind die Bedingungen, unter denen das Spielzeug «Disney’s Princess Sing & Sparkle Ariel Doll» hergestellt wird.

Eine Arbeiterin in der chinesischen Fabrik Wah Tung, in der die Figur produziert wird, bearbeitet am Tag rund 1800 bis 2500 Stück dieser Puppe. Sie arbeitet 26 Tage im Monat und verdient in dieser Zeit umgerechnet rund 435 Franken. Die Ariel-Puppe wird derweil auf Amazon für rund 35 Franken verkauft und ist auch in die Schweiz lieferbar. Für jede Puppe, an deren Herstellung sie beteiligt ist, erhält die Arbeiterin einen Rappen. Insgesamt sind rund 75 Arbeiterinnen an diesem Herstellungsprozess beteiligt - es fliessen also insgesamt 75 Rappen des Verkaufswerts an die Arbeiterinnen.

Druck auf Arbeiterinnen gestiegen

Hinzu kommt, dass die Zustände in den chinesischen Fabriken, in denen die Puppen und andere Spielwaren für den Weltmarkt und auch für die Schweiz produziert werden, sich im Vergleich zu den Vorjahren teilweise massiv verschlechtert haben. Das zeigt ein neuer Bericht der Non-Profit-Organisation Solidar Suisse. «Die Schere zwischen den besseren und den schlechteren Fabriken ist dieses Jahr extrem aufgegangen», sagt Simone Wasmann, Kampagnenverantwortliche Faire Arbeit. Besonders sei der Druck auf die Arbeiterinnen gestiegen, mehr Produkte herzustellen. Nur so könnten viele auf einen Lohn kommen, der zum Überleben reiche.

Erschöpfte Mitarbeiter in der Kantine der Jetta-Fabrik:

In Zusammenarbeit mit China Labor Watch hat die Organisation für ihren Bericht zwei verdeckte Ermittlerinnen in die vier chinesischen Fabriken Lovable, Wah Tung, Herald und Jetta entsandt. Diese produzieren für alle grossen Spielwarenmarken, vor allem für die US-Unternehmen Hasbro, Disney und Mattel. Neu wurden mit Lovable und Wah Tung auch zwei Fabriken untersucht, die für die deutschen Hersteller Ravensburger, Schleich und Simba Dickie herstellen. Alle grossen Schweizer Händler im Spielzeugbereich, also Migros, Coop, Manor und Franz Carl Weber, verkaufen Produkte aller genannter Hersteller.

175 Überstunden und giftige Stoffe

Die geheimen Ermittler heuerten als Mitarbeiter in den Fabriken an, zeichneten die Bedingungen genau auf und interviewten andere Arbeiter. Die Untersuchung ergab insgesamt 23 Verstösse gegen das chinesische Arbeitsrecht. Besonders gravierend waren die Verstösse in den Fabriken, die für die deutschen Hersteller produzieren. Letztes Jahr lag die maximale Anzahl monatlicher Überstunden bei den untersuchten Fabriken noch bei 140.

Dieses Jahr mussten Arbeiterinnen in der Wah-Tung-Fabrik, die für Simba Dickie produziert, bis zu 175 Überstunden im Monat leisten – viele davon unbezahlt. In der Hochsaison im Sommer, wenn also das Spielzeug für das Weihnachtsgeschäft produziert wird, erhielten Mitarbeiter hier nur einen einzigen Ruhetag. Im Schnitt machten die Arbeiterinnen und Arbeiter in allen vier untersuchten Fabriken über 80 Überstunden pro Monat – obwohl das chinesische Arbeitsrecht maximal 36 Überstunden erlaubt.

Hinzu kommen Gesundheitsrisiken. In vielen Werkstätten werden Verdünner, Lösungsmittel und Leime eingesetzt, welche die Haut irritieren und die Nasenschleimhäute reizen. Es fehlt an Sicherheitstraining und Schutzausrüstung.

Arbeiter stellen Plastiktiere in der Fabrik Lovable her:

In der chinesischen Spielwarenindustrie sei zudem Benzol noch immer sehr verbreitet, sagt Wasmann von Solidar Suisse. Benzol ist ein hochgiftiger Stoff, der in Lösungsmitteln, Leimen und Farben verwendet wird. Akute Vergiftungen führen zu Herzrhythmusstörungen und Atemlähmung, chronische Vergiftungen können zu Leukämie führen. «Alternativen sind vorhanden, kosten aber meistens mehr», so Wasmann.

Produktionsquoten erhöhen

Grund für den steigenden Druck auf die Arbeiter ist Solidar Suisse zufolge vor allem der steigende Druck der Industrie auf die Fabriken. «Die Markenunternehmen wie Hasbro, Disney und Mattel verlangen, dass die Spielzeugfabriken ihre Produktionsquoten erhöhen. Sie zahlen den Fabriken aber nicht mehr für die grösseren Mengen», so Wasmann. Unter konkurrierenden Fabriken erhalte meist jene mit den niedrigsten Kosten die meisten Aufträge. «Wenn die Fabriken die Kosten nicht im Herstellungsprozess senken können, wälzen sie dies auf die Arbeiterinnen und Arbeiter ab», schreibt Solidar Suisse.

8 bis 10 ArbeiterInnen werden in Wah Tung in karge Schlafsäle gepfercht:

Hinzu kommt, dass es Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern an Beschwerdemechanismen fehlt. Im Vergleich zu anderen Produktionsländern wie Vietnam, Indien oder Indonesien gibt es in China kein Streikrecht. In den Fabriken gegründete Gewerkschaften sind zumeist nutzlos.

Mehr Transparenz

Obwohl es vor allem in der Verantwortung der Hersteller wie Disney, Mattel und Hasbro liege, für eine Verbesserung der Zustände in den Fabriken zu sorgen, sei es auch vonseiten der Schweizer Händler wichtig, sich für mehr Transparenz für die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten einzusetzen, sagt Kampagnenleiterin Wasmann. «Es kann doch nicht sein, dass ich als Konsumentin nicht sicher sein kann, dass mein Produkt nicht mit Menschenrechtsverletzungen erstellt wurde.» Zudem sollte ein grösserer Anteil des Verkaufspreises eines Produkts den Arbeitern zukommen.

Die Schweizer Händler verweisen auf Nachfrage auf ihre eigenen Nachhaltigkeits- und Sozialstandards. «Wir verlangen von allen unseren Markenartikelherstellern die Einhaltung unserer Richtlinie nachhaltige Beschaffung, welche die Einhaltung hoher sozialer Standards gewährleistet», sagt Coop-Sprecherin Alena Kress. Bei den Eigenmarken überprüfe Coop die Einhaltung der Standards regelmässig in Form von Sozial-Audits. Man werde die Studienergebnisse prüfen und mit den Markenartikelherstellern Kontakt aufnehmen.

Zustände nicht akzeptabel

Die Konkurrentin findet deutlichere Worte: «Für die Migros sind solche Zustände nicht akzeptabel.» Die Kontrollen der Arbeitsbedingungen in den Fabriken liege in der Verantwortung der Markenhersteller. Man werde diesen Themen aber nachgehen und mit den Herstellern das Gespräch suchen, so Sprecherin Alexandra Kunz.

Im Bereich Sozialstandards liege der Fokus der Migros auf den Eigenmarken. Bei den Fremdmarken stehe man aber «in regelmässigem Austausch mit den Markenherstellern». «Wir verlangen auch von ihnen, dass sie ihre Verantwortung gegenüber den Arbeiterinnen und Arbeitern ihrer Produzenten wahrnehmen und die entsprechenden Anforderungen umsetzen», so Kunz. Sie verweist darauf, dass die meisten Spielwarenmarken mit dem ICTI-Ethical-Toy-Programm arbeiteten. Die Migros überprüfe stichprobenhaltig, ob ihre Bedingungen in den Fabriken umgesetzt würden.

Der Spielwarenhändler Franz Carl Weber teilt zusätzlich mit, vorwiegend mit Grossisten und Schweizer Lieferanten zusammenzuarbeiten und dadurch den grössten Teil des Sortiments über Schweizer oder europäische Unternehmen zu beziehen. Auch beruft sich Franz Carl Weber darauf, dass die grossen Marken den Bestimmungen der ICTI unterliegen würden. «Wir vertrauen dabei auf die Kontrollsysteme dieser international anerkannten Organisation und darauf, dass die Arbeitsbedingungen laufend kontrolliert und wo nötig konsequent korrigiert werden», so Geschäftsführer Yves Burger. Die Aussagen von Solidar Suisse werde man aber prüfen und mit den Lieferanten umgehend in Kontakt treten.

«Wissen nicht, wo Spielwaren hergestellt wurden»

Manor gibt an, mit keinem der vier von China Labor Watch untersuchten Fabriken zusammenzuarbeiten. Der Händler beziehe die Spielwaren über deren Importeur aus der Schweiz. «Die Spielzeuglieferanten unterschrieben alle drei Jahre ein Compliance Agreement, in welchem sie sich verpflichteten, Manors Richtlinien einzuhalten», so Sprecherin Sofia Conraths. Manor sei zudem seit diesem Jahr Mitglied von amfori BSCI, einer Unternehmens-Initiative zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in globalen Lieferketten.

Für Wasmann von Solidar Suisse sind die Massnahmen der Schweizer Händler nicht ausreichend. «Selbst wenn Händler nicht direkt mit den untersuchten Fabriken zusammenarbeiten, können sie nicht mit Sicherheit sagen, dass sie keine Produkte dieser Fabriken im Regal haben.» Und: «Auch wenn die Händler Produkte von europäischen Herstellern oder über europäische Distributionssysteme beziehen, wissen sie nicht, wo die Spielwaren ursprünglich hergestellt wurden», so Wasmann.

Sich auf Labels wie amfori BSCI oder ICTI zu beziehen, sei ebenfalls nicht genug. Labels seien ein Schritt in die richtige Richtung, «aber nur, wenn diese auch halten, was sie versprechen», so Wasmann. «Die Labels führen meistens Audits und oberflächliche Interviews durch, entweder angekündigt oder unangekündigt. Diese spiegeln aber selten die effektiven Zustände wider.» Bei Undercover-Recherchen erfahre man deutlich mehr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2018, 08:45 Uhr

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