1000 Kilo pro Mensch - die Erde wird zum Plastik-Planeten

Erstmals haben Wissenschaftler erfasst, wie viel Plastik jemals hergestellt worden ist. Die Ergebnisse erschüttern.

Endlagerstätte für Plastikmüll: Ein junger Philippiner sucht auf einem Fluss in Manila nach Verwertbarem.

Endlagerstätte für Plastikmüll: Ein junger Philippiner sucht auf einem Fluss in Manila nach Verwertbarem. Bild: Cheryl Ravelo/Reuters

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Plastik ist praktisch, sauber, enorm vielseitig, lange haltbar und als Massenprodukt relativ günstig herzustellen. Dank dieser Eigenschaften sind Kunststoffe seit Beginn ihrer Fertigung im industriellen Massstab in den 1950er-Jahren das von Menschen entwickelte Material mit dem stärksten Wachstum, abgesehen von Stahl und Zement. Doch das vorwiegend aus Erdöl hergestellte Material hat einen gravierenden Nachteil: Es ist nicht biologisch abbaubar. Und damit ein ungelöstes Problem der Menschheit.

Umso mehr mag erstaunen, dass erst jetzt eine Analyse erschienen ist, die weltweit Zahlen zur Produktion, Wiederverwertung und Entsorgung von Kunststoffen zusammengetragen hat. Laut der im Wissenschaftsmagazin «Science Advance» publizierten Studie dreier US-Wissenschaftler wurden zwischen 1950 und 2015 rund 8,3 Milliarden Tonnen Kunststoff produziert – macht gut 1 Tonne pro Kopf der Weltbevölkerung. Die Hälfte hiervon stammt aus den letzten 13 Jahren. Was aber am meisten frappiert: Von diesen über 8 Milliarden Tonnen sind zuletzt noch lediglich ungefähr 2,5 Milliarden Tonnen oder 30 Prozent genutzt worden – der ganze Rest von 6,3 Milliarden Tonnen belastet unseren Planeten in der einen oder anderen Form als Abfall. Mit dieser Menge liesse sich ein Land von der Grösse Argentiniens zumüllen, wie die Studienautoren festhielten.

Minimales Kunststoff-Recycling

Doch es kommt noch schlimmer. Nur der geringste Teil des ungenutzten Plastiks – 600 Millionen Tonnen oder 9 Prozent – ist laut der Studie weltweit recycliert worden. Die Autoren haben noch etwas tiefer «gegraben» und dabei feststellen müssen, dass 90 Prozent des recyclierten Kunststoffs nur ein einziges Mal recycliert worden sind. Die Idee von einem Kreislauf aus Nutzung, Verwertung und Wiederverwertung ist beim Kunststoff nicht in Ansätzen erkennbar. Während die USA mit ihrer Reyclingrate nicht über den globalen Mittelwert hinauskommen und seit 2012 keine Fortschritte erzielt haben, erreichten Europa und China 2014 mit Wiederverwertungsanteilen von 30 Prozent respektive 25 Prozent die höchsten Werte. Dass die Amerikaner diesbezüglich derart stark hinterherhinken, hat die Studienautoren überrascht.

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Kritiker sehen aber auch die Plastikhersteller in der Verantwortung. Würden Aspekte des Recyclings schon bei der Herstellung von Kunststoffprodukten stärker beachtet, könnten zum Beispiel Flaschen bis zu 20-mal wieder gebraucht werden, behaupten sie. Dass sich diese Möglichkeit zur Eindämmung des Abfallberges nicht stärker nutzen lasse, liege schlicht an der unzulänglichen konstruktiven Ausgestaltung dieser Produkte. Ausgehend von der heutigen Entwicklung, dürfte nach Expertenschätzungen erst im Jahr 2060 mehr Kunststoff recycliert als in den Abfall geworfen werden.

Müllberge und ihre Folgen

Und was ist mit dem nicht wieder verwerteten Kunststoff geschehen? 900 Millionen Tonnen oder 12 Prozent sind im beobachteten 65-Jahreszeitraum verbrannt worden; dies ist letztlich die einzige Form zur Vernichtung von Kunststoff. Auch in dieser Hinsicht sind Europa und China den USA weit voraus: Werden dort bis zu 40 Prozent des Plastikmülls so aus dem Verkehr gezogen, sind es in Übersee nur 16 Prozent. Allerdings setzt die Verbrennung von Plastik hohe Standards für die Luftreinhaltung voraus. Denn nur so kann sichergestellt werden, dass geeignete Luftfilter in den Verbrennungsanlagen die Emission giftiger Chemikalien verhindern.

Doch der weitaus grössere Teil des Kunststoffmülls – 4,9 Milliarden Tonnen oder 60 Prozent des jemals produzierten Plastiks – lagert kontrolliert oder unkontrolliert irgendwo auf der Erde oder im Meer. Unter der Sonnenbestrahlung zersetzt sich das Material über die Jahre in Kleinstpartikel im Millimeter- oder Mikrometerbereich. Mit den Auswirkungen des im Meer schwimmenden «Mikroplastiks» – insbesondere wie er allmählich in die Nahrungskette des Menschen gelangt –, haben sich Wissenschaftler in jüngerer Zeit verstärkt befasst. Die längerfristigen Folgen für die Beschaffenheit unserer Böden, die aus langfristigen Plastikablagerungen resultieren können, sind hingegen noch kaum erforscht worden.

«Diskussion in Gang bringen»

Gemäss der Studie werden bis 2050 mehr als 13 Milliarden Tonnen an Kunststoffabfällen über den Planeten verteilt sein. «Unser Mantra ist: Man kann nicht bewältigen, was man nicht messen kann», sagte einer ihrer Autoren, Roland Geyer, kürzlich gegenüber «BBC News». «Deshalb war unsere Idee, die Daten zusammenzutragen, ohne dass wir der Welt sagen, was zu tun sei. Es ist uns nur darum gegangen, eine echte Diskussion in Gang zu bringen.» Zugleich sei damit die Hoffnung verbunden, den Lesern der Analyse zumindest eine leise Ahnung vom Ausmass und den absehbaren Dimensionen des Plastikmüllproblems zu vermitteln. Selbst die drei Studienautoren waren nach eigener Aussage schockiert gewesen, als sich die Grössenordnungen ihrer Recherchen über den weltweiten Verbrauch und die Entsorgung von Kunststoff abzuzeichnen begannen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.07.2017, 13:08 Uhr

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