1600 Franken für eine Woche fasten

Detox-Kuren liegen im Trend. Und die Bereitschaft, für den Verzicht viel Geld auszugeben, steigt unerlässlich. Warum überhaupt?

«Gesundheit ist heute nicht mehr nur die Abwesenheit von Krankheit – sondern ein Lifestyle»: Fasten als Erlebnis. Foto: iStock

«Gesundheit ist heute nicht mehr nur die Abwesenheit von Krankheit – sondern ein Lifestyle»: Fasten als Erlebnis. Foto: iStock

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Das traditionelle Fondue chinoise am Weihnachtsabend ist verputzt, die Weihnachtsguetsli grösstenteils auch. Die Glühweine sind ausgetrunken und der Champagner zu Neujahr geköpft. Zurück bleiben (im besten Fall) schöne Erinnerungen an die Festtage. Und beim einen oder anderen ein paar Kilo mehr auf den Hüften.

Im Januar müssen die zusätzlichen Pfunde dann wieder runter. Dass Fitnesscenter zu Jahresbeginn eine Welle an Neuanmeldungen verzeichnen, ist bekannt. Doch nicht nur der Sport soll die Hüften wieder schlank werden lassen. Auch das Fasten oder sogenannte Detox-Kuren liegen im Trend. Das zeigen die Absatzzahlen von entsprechenden Produkten.

«Im Bereich Fasten und Detox verzeichnen wir jährlich ein Wachstum von rund 15 Prozent.»Marie-Theres Chaloupek

Wer fastet, verbietet sich das Essen. Erlaubt sind nur Tees und manchmal Säfte – was den entsprechenden Anbietern zugute kommt. «Im Bereich Fasten und Detox verzeichnen wir jährlich ein Wachstum von rund 15 Prozent», sagt Marie-Theres Chaloupek von Sonnentor, einem Bio-Tee- und Kräuter-Anbieter, der seine Produkte auch in der Schweiz vertreibt. Seit einigen Jahren sei das Thema schon Anfang Januar aktuell. Der Trend halte dann bis zum Sommeranfang an, «das zeigt sich auch in den Verkaufszahlen». Anbieter von Saftkuren berichten ebenfalls, dass die Nachfrage derzeit gross ist.

Es wird nicht nur kräftig gefastet, sondern auch viel darüber geschrieben. Laut Alfredo Schillirò, Sprecher des Buchhändlers Orell Füssli Thalia AG, war Fasten über die letzten Jahre im Buchhandel immer präsent. Im ersten Halbjahr 2018 habe es aber bei den Verlagen «spürbar mehr Neuerscheinungen zu diesem Thema» gegeben. Der ganz grosse Trend letztes Jahr sei das sogenannte Intervallfasten gewesen: dabei wird zwischen Zeiten des normalen Essens und des Fastens gewechselt – zum Beispiel acht Stunden pro Tag normal gegessen, die restlichen 16 Stunden verzichtet.

Eine Woche nichts essen kostet 1100 bis 1600 Franken

Viele integrieren solche Fastenwochen in den Alltag und ziehen sie allein durch. Es geht aber auch radikaler: indem man sich gleich ganz abmeldet und in einem Hotel zur Fastenwoche eincheckt. Einige Anbieter in der Schweiz haben sich auf dieses Konzept spezialisiert, bieten etwa Fastenwandern an, Fasten und Meditieren oder Fasten und Schweigen. Eine von ihnen ist Ida Hofstetter, die seit 15 Jahren «Fasten – Wandern – Wellness»-Wochen organisiert. Sie habe letztes Jahr deutlich mehr Fastende begleitet als die Jahre zuvor, sagt Hofstetter. «Und Stand heute habe ich schon überdurchschnittlich viele Anmeldungen fürs neue Jahr.»

Die Fastenwochen, die Ida Hofstetter in Drei- und Viersternhotels anbietet, kosten zwischen 1100 und 1600 Franken für acht Tage. «Nichts essen und dafür noch bezahlen?», fragt die zertifizierte Fastenleiterin auf ihrer Website rhetorisch.

Interesse dank Forschungsergebnissen?

Das Angebot möge auf den ersten Blick teuer erscheinen. Im Preis inbegriffen seien aber zusätzliche Leistungen wie Sport- und Wellnessangebote, Darmreinigungen, täglich geführte Wanderungen, Ernährungs- und Gesundheitsvorträge oder ein 24-Stunden-Pflegedienst.

Hofstetter führt das Interesse an ihrem Angebot auf Forschungsergebnisse zurück, die zeigten, wie gesund das Fasten sei. Und auf die stressgeplagte Gesellschaft. «Immer mehr Menschen suchen nach Wegen, um zur Ruhe zu kommen.» Vor allem Jüngere wollten abschalten, vom Smartphone wegkommen. Bei Älteren spiele die Gesundheit oder das Abnehmen eine wichtige Rolle.

Cleveres Marketing macht Verzicht erstrebenswert

Christine Schäfer vom Gottlieb-Duttweiler-Institut sieht noch einen weiteren Grund für das boomende Geschäft mit dem Verzicht: eine clevere Vermarktung. Das Fasten und Entgiften seien mittlerweile Teile der «Experience Economy» geworden.

Der Verzicht auf Nahrung als Erlebnis also, das sich verkaufen lässt. «Über soziale Medien können solche Erlebnisse dann schnell verbreitet werden.» Tatsächlich: Wer auf Instagram den Hashtag «#detox» eingibt, findet 13,5 Millionen Beiträge. Da werden Vorher-Nachher-Bilder gezeigt, Rezepte geteilt und Tipps gegeben.

Der Trend passt laut Schäfer gut in die heutige Zeit: «Vor allem in den westlichen Gesellschaften verliert die Religion an Bedeutung. Da ein Bedürfnis nach Halt und Sinn weiterhin besteht, suchen wir in der Beschäftigung mit dem Essen einen Ersatz.» Gleichzeitig setze sich die Einstellung durch, dass sich durchs Essen – oder den Verzicht darauf – die Gesundheit fördern lasse. «Und Gesundheit ist heute nicht mehr nur die Abwesenheit von Krankheit. Sondern ein Lifestyle.»

* Dieser Artikel erschien am 6. Januar 2019 in der SonntagsZeitung.

Erstellt: 08.01.2019, 14:06 Uhr

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