«Ich weiss nicht, ob man in der Schweiz so viele Näherinnen findet»

Calida-Firmenchef Reiner Pichler im Interview über Swissness, kompostierbare Unterwäsche und die Zukunft des Shoppings.

Seit knapp einem Jahr erhältlich: Kompostierbare T-Shirts von Calida. (Archivbild) Bild: Calida

Seit knapp einem Jahr erhältlich: Kompostierbare T-Shirts von Calida. (Archivbild) Bild: Calida

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Beim Namen Calida kommen wohl den meisten Schweizern direkt die Pyjamas mit dem speziellen Bund in den Sinn. Stört Sie das?
Nein! Es ist doch toll, dass jeder Schweizer irgendwann mal einen Calida-Pyjama besessen hat oder einen besitzt. Ich sehe das als grossen Vorteil unserer Marke.

Aber ein wirklich cooles Image ist das ja nicht.
Ich weiss nicht – vielleicht ist genau sowas ja bald wieder cool. Aber klar: Es ist natürlich wichtig, dass wir die Marke immer weiter modernisieren. Nicht nur, weil wir neue Zielgruppen erschliessen wollen, sondern auch weil unsere bestehende Zielgruppe sich entwickelt.

Und wie entwickelt sich diese bestehende Zielgruppe?
Die Kunden leben anders. Ich gebe ihnen ein Beispiel: Neulich war ich im Fitnessstudio und neben mir trainierte einer, der war 83. Ich bin gerade so mitgekommen. Frauen und Männer um die 60 gehen heute ins Fitness, achten auf ihre Ernährung, kleiden sich auch moderner. Dem müssen wir Rechnung tragen.

Aber egal wie fit die Leute sind, ewig lebt auch diese Zielgruppe nicht. Was tun Sie, um die junge Zielgruppe für sich zu gewinnen?
Wir haben ein neues, junges Designteam und eine neue Designchefin, die den Bereich neu ausrichtet – eingeleitet war vieles aber auch schon von ihrer Vorgängerin. Gerade bei den Millennials spielt aber das Thema Nachhaltigkeit auch eine sehr wichtige Rolle.

Über Nachhaltigkeit reden gerade alle Unternehmen sehr gern. Oft ist das aber auch nur Marketing…
Wenn man es mit Nachhaltigkeit ernst meint, muss es Teil der Unternehmenskultur sein. Sonst ist das auch schnell durchschaubar. Bei uns ist es Teil der Kultur. Ich glaube, dass Calida heute eines der nachhaltigsten Unternehmen im Wäschebereich ist. Am nachhaltigsten ist es nämlich, Produkte mit einem langen Lebenszyklus zu produzieren. Wir sind das Gegenteil von Fast Fashion. Ich glaube, darin liegt auch die Zukunft – in Produkten, die lange halten. Heute ist etwa ein Calida-Tanktop für Mädchen super modern. Wenn man es mit den richtigen Accessoires kombiniert, ist das ein Top, das nicht nur eine Saison getragen wird. Zudem wurde es auch nachhaltig produziert.

Was genau heisst «nachhaltig produziert»?
Wir produzieren unter dem Label «made in green». Alle unsere Produkte sind zertifiziert. Kunden können das prüfen: Wir haben an unseren Produkten QR-Codes, die es ermöglichen, die komplette Lieferkette nachzuverfolgen. Einen nächsten Schritt gehen wir, indem wir kompostierbare Kleidung produzieren.

Und das wollen die Kunden? Wie viele kompostierbare Kleider haben sie schon verkauft?
Gestartet hat alles letztes Jahr mit einem T-Shirt. Da gab es noch keine nennenswerten Verkaufszahlen, wir haben 10'000 bis 15'000 T-Shirts verkauft. Jetzt haben wir aber eine ganze Linie: Shirts, Pyjamas, Sweatshirts. Ich kann mir vorstellen, dass wir mittelfristig 20 bis 25 Prozent unseres Gesamtvolumens kompostierbar produzieren werden.

Finden Kunden das nicht komisch? Bei Kompost denkt man immer direkt an Zersetzung.
Klar gibt es solche Diskussionen. Es kommen Fragen auf wie «Zerfällt es am Leib?». Das ist natürlich nicht so. Ein Blogger kam mal bei uns vorbei und testete das. Wir gruben das T-Shirt richtig ein. Es dauert fünf Monate, bis sich so etwas im Kompost zersetzt.

Wie wichtig ist Ihnen fürs Markenimage die Swissness?
Gerade, wenn sich viel im virtuellen Raum abspielt, ist es wichtig, dass man seine Wurzeln behält und authentisch ist. Und Calida ist ein Schweizer Unternehmen «born in Switzerland».

«Made in Switzerland» sind Ihre Produkte allerdings nicht mehr.
Ich sage mal «erdacht in Switzerland».

Vor etwa drei Jahren gab es sogar einmal heftige Kritik an den Produktionsbedingungen in Ihrer Fabrik in Asien.
Wir hatten mal einen Ausflug nach Asien, der aber sehr schnell beendet wurde. Für Calida ist es wichtig, dass wir exzellente Qualität bieten. Über Stoffe, die wir zu 100 Prozent in Deutschland, Österreich und der Schweiz beziehen, aber auch die Produktion. Wir produzieren mittlerweile alles in Europa. Das meiste in unserem eigenen Werk in Ungarn.

Dass Sie wieder in der Schweiz produzieren, ist ausgeschlossen?
Ja. Ich weiss nicht mal, ob man in der Schweiz so viele Näherinnen finden würde.

Wir reden bisher hauptsächlich über die Wäschemarke Calida. Aber zu Ihrem Unternehmen gehören noch andere Unternehmen – etwa die Outdoor-Marken Lafuma und Oxbow. Was haben Campingmöbel mit Ihrem Kerngeschäft zu tun?
Wir haben in den letzten Jahren aus den verschiedensten Bereichen hinzugekauft. Meine Aufgabe war es, die Marken zu restrukturieren, sie wieder in die Wachstumsphase zu führen und sie profitabel zu machen. Jetzt wachsen alle Marken und sind profitabel und wir können uns an die Fokussierung machen. Wir werden Teile unseres Portfolios verkaufen, aber auch neues hinzukaufen.

Und was wollen Sie loswerden?
Im Fokus beim Verkauf steht der Outdoor/Surfbereich. Hinzukaufen würden wir im Kerngeschäft, der Wäsche. Da muss es einfach eine gute Ergänzung sein. Nochmal dasselbe hinzuzukaufen, macht wenig Sinn.

Gerade im Bekleidungsbereich mischen viele kleinere Hersteller den Markt auf. Sind das mögliche Kaufobjekte?
Wir gucken uns immer auch kleinere Firmen an. Wir haben ja auch 2017 schonmal mit Reich Online Services eine kleine Firma hinzugekauft. Allerdings ging es da eher darum, unseren Bereich E-Commerce anzukurbeln.

Und hat sich das gelohnt?
Letztes Jahr sind wir im E-Commerce 42 Prozent gewachsen. Der Markt wuchs mit 10 Prozent. Auch dieses Jahr erwarten wir ein Wachstum von 20 Prozent. Das haben wir auch dieser Akquisition zu verdanken. Es ist ein kompetentes Team, welches unsere Teams in den Divisionen ideal ergänzt hat.

Wieviel machen denn Online-Verkäufe bei Ihnen momentan aus?
Aktuell generieren wir zwölf Prozent unserer Umsätze über unsere eigenen Online-Shops. Nimmt man Verkäufe in anderen Kanälen wie Globus Online oder Amazon hinzu, sind es fast 20 Prozent. Tendenz steigend.

Heisst das, Calida wird bald keine eigenen Läden mehr haben?
Die Zukunft liegt sicher im Geschäft auf verschiedenen Kanälen. Wichtig wird sein, Vorteile von Online und stationärem Handel zu kombinieren. Ich glaube schon, der Trend geht wieder zurück in Richtung persönlichem Kontakt. Aber wenn man im Laden ist und ein Negligé in einer anderen Farbe will, als die Vorrätige, dann muss es möglich sein, dass man das am nächsten Tag nach Hause geliefert bekommt.

Also gibt es nun in 10 Jahren mehr oder weniger Calida-Läden?
Ich glaube, es bleibt in etwa gleich. Wir werden immer unser Store-Portfolio überprüfen, aber es gibt sicher keine grossen Schliessungsaktionen.

Sie klingen insgesamt ziemlich allumfassend optimistisch. Macht Ihnen auch irgendwas Sorgen?
Die aktuelle Lage der Weltwirtschaft mit ihren Währungsschwankungen ist sicherlich etwas, auf das wir achten müssen. Aber: Wir machen seit 3 Jahren unsere Hausaufgaben, wachsen stärker als der Markt und mehr als die Mitbewerber. Selbst wenn es schwierig wird, sind wir dadurch noch in einer guten Position und werden auch in den kommenden Jahren stärker als der Markt wachsen. Unser mittelfristiges EBIT-Ziel ist auf 8 Prozent angesetzt, was in der Branche überdurchschnittlich hoch ist.

Für Unruhe sorgte vor einiger Zeit zumindest noch die Besitzerfamilie Kellenberger, die rund einen Drittel der Aktien hält. Ein Verkauf stand im Raum. Dann entschied man sich doch dagegen. Wie sieht es heute aus?
Die Familie hat seit Bestehen des Unternehmens die Anteile. Sie haben zwar einmal darüber nachgedacht, sie zu verkaufen. Aber aktuell besteht absolut kein Verkaufsinteresse. Ganz im Gegenteil. Ich habe guten Kontakt zur Familie und bin im ständigen Austausch mit ihnen.

Erstellt: 30.08.2019, 20:47 Uhr

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