40 Minuten zum Lichttanken – der Fall Migros trifft die ganze Branche

Wer am Arbeitsplatz kein natürliches Licht sieht, muss das gemäss Gesetz kompensieren können. Der Entscheid des Zürcher Verwaltungsgerichts könnte weitreichende Folgen haben.

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Das Migros-Personal im Untergeschoss des Zürcher Hauptbahnhofs soll pro Tag 40 Minuten bezahlte Pause erhalten, um «Licht zu tanken». Durch den Entscheid des Zürcher Verwaltungsgerichts fallen bei der Migros zusätzliche Lohnkosten von rund 750'000 Franken an. Gesundheitsschutz sei Sache des Arbeitgebers und gehe zu seinen Lasten, schreibt das Gericht. Es stützte sich bei seinem Entscheid auf das Arbeitsgesetz und die dazugehörende Verordnung.

Bleibt der Entscheid stehen, könnte das weitreichende Folgen haben: Nicht nur in Bahnhof- und Flughafenshoppings oder Einkaufszentren arbeiten viele ohne Sicht ins Freie – auch in Spitälern, Lagerhäusern oder Archiven ist dies der Fall. Doch nirgends brennt das Thema so unter den Nägeln wie im Detailhandel, wo Fenster oft gar nicht erwünscht sind. Dort hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) 2009 ein Merkblatt mit konkreten Massnahmen für die Branche ausgearbeitet.

Ein Fenster im Lager reicht

Eine solche Massnahme sind sogenannte Kontaktfenster. «Kann das Personal in einem Nebenraum oder beim Gang ins Lager ab und zu einen Blick ins Freie werfen, ist das bereits genug», sagt Peter Meier, Leiter des Arbeitsinspektorats des Kantons Zürich. Operationsschwestern und Angestellte in Archiven, die im Untergrund arbeiten, kommen darum meist nicht in Clinch mit dem Gesetz. «Das ist auch im Einkaufszentrum Sihlcity der Fall, wo viele Läden im rückwärtigen Bereich Fenster haben», sagt der Stadtzürcher Arbeitsinspektor Peter Meier. Anders sei die Situation im Shop-Ville am HB: «Das Personal hat keine Chance, Tageslicht zu sehen.»

Eine zweite Massnahme sind wechselnde Arbeitsplätze. Nachdem der Firma Zahnarztzentrum.ch die Einrichtung von unterirdischen Praxisräumen verboten worden war, erarbeitete sie ein Rotationsprinzip, das den Zahnärzten ermöglichte, zumindest zeitweise mit Sicht ins Freie zu arbeiten. Auch das lässt sich am Bahnhof nicht umsetzen.

Der Arbeitgeber schuldet dem Arbeitnehmer laut Meier einen gesunden Arbeitsplatz – und das beinhaltet Tageslicht. «Ist das nicht möglich, braucht es kompensatorische Massnahmen», so Meier. In einer Wegleitung zum Gesetz schreibt das Seco darum unter anderem bezahlte Pausen vor – mindestens 40 Minuten pro Tag. Strittig ist, ob ein Gang ins Freie, der nur mit Bewilligung des Vorgesetzten möglich ist, ebenfalls ausreicht. Im Fall der Migros hat dies das Gericht verneint. Eine für den Flughafen Zürich vom Seco und dem kantonalen Amt für Arbeit ausgearbeitete Regelung sieht dies aber ausdrücklich vor.

Gesetz lässt vieles offen

Das ist nicht der einzige offene Punkt. Das Gesetz legt zwar fest, dass der Arbeitgeber etwas tun muss, falls seine Angestellten kein Tageslicht sehen – aber es definiert nicht was. Es gibt dem Seco die Kompetenz, Richtlinien zu erlassen – aber erlaubt den Firmen, davon abzuweichen. Deshalb ist bislang nicht klar, ob die Forderung des Seco nach vollständig bezahlten Pausen überhaupt durchgesetzt werden kann. «Das müsste letztlich das Bundesgericht entscheiden», sagt Roland Müller, Experte für Arbeitsrecht und Professor an der Uni St. Gallen.

Arbeitsrechtler und -inspektoren wären über eine Klärung froh. Zumal man dann auch über alternative Massnahmen diskutieren könnte, die den Arbeitnehmern vielleicht mehr brächten. Eine Variante wäre laut Müller, die gesetzlich verankerte unbezahlte Pause auf Kosten des Arbeitgebers zu verlängern, damit der Arbeitnehmer mit der Zeit wirklich etwas anfangen könnte. Eine Alternative sind Videoinstallationen mit Webcams – virtuelle Fenster zur Aussenwelt. Zwar ohne Tageslicht, dafür mit mehr Aussicht als nur auf die nächste Hauswand. Ähnlich, wie wenn früher in Gebirgsbunkern die Wände bemalt wurden.

Ob die Migros das aktuelle Urteil bis vor Bundesgericht weiterzieht, ist noch nicht entschieden. Einerseits würde ein Urteil in letzter Instanz Rechtssicherheit für alle Branchen schaffen. Andererseits hätte es für den Detailhandel weitreichende Folgen, wenn das Bundesgericht den aktuellen Entscheid stützen würde. Entsprechend nervös ist die Branche: Weder Migros noch Coop wollen sich derzeit zum Thema Tageslicht äussern.

Erstellt: 09.10.2013, 08:13 Uhr

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