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4-Millionen-Franken-Geschäft mit der Hoffnung

Novartis stellt ein neues Medikament gegen einen seltenen Gendefekt vor, das Millionen kostet. Politiker sollten gegen eine solche Preisgestaltung vorgehen.

Ein fünfjähriges Kind, das an spinaler Muskelatrophie leidet. Foto: Getty Images
Ein fünfjähriges Kind, das an spinaler Muskelatrophie leidet. Foto: Getty Images

Wie ein Spieler im Casino hat Novartis Anfang November eine Zahl in die Runde geworfen: vier Millionen Franken. Es ist der Einsatz, um einem schwer behinderten Kind zu helfen, eine Zahl, die einen erst mal leer schlucken lässt. So viel will der Basler Pharmariese für ein neues, auf Gentherapie beruhendes Medikament verlangen. Es würde Babys helfen, die mit spinaler Muskelatrophie geboren wurden. Der Gendefekt führt unbehandelt vor dem zweiten Geburtstag zum Tod, aber eine einmalige Spritze dieses Wundermedikaments, so schätzt Novartis, kann den Kindern 13 Jahre bei guter Gesundheit schenken.

Sind vier Millionen für 13 Jahre immer noch exorbitant viel Geld? Das ist die Frage, mit der sich nun Ethiker, der Bund und Krankenversicherer beschäftigen müssen. Es ist eine schwierige Debatte, denn wer die zu erwartende Lebenszeit mit monetären Argumenten verknüpft, bewegt sich auf ethisch heiklem Terrain. So stellte der Medizinethiker Michael Romanens in «20 Minuten» klar, es sei falsch, hier nur die Kostenfrage zu stellen, es gehe doch um die geschenkten Lebensjahre. Die spinale Muskelatrophie sei zudem eine seltene Krankheit mit nur einer Handvoll Fällen, die Allgemeinheit werde also nur gering belastet.

Doch Romanens Argumentation greift zu kurz. Es geht hier auch um eine Grundsatzfrage. Im vorliegenden Fall wäre die extrem teure Therapie für die Allgemeinheit vielleicht verkraftbar. Vermutlich war das genau das Kalkül von Novartis, um eine solche Preisgestaltung für künftige Mittel vorzubereiten. In naher Zukunft dürften auch für andere Leiden spektakuläre Therapien entwickelt werden. Dann wird sich die Frage verschärft stellen: Wie viel soll in einem auf Solidarität beruhenden Gesundheitssystem eine medizinische Therapie kosten dürfen? Darf man sie limitieren?

Ein Kostenrahmen wäre sinnvoll

Das Bundesgericht hat sich mit dieser Frage auch schon beschäftigt und ist zum Schluss gekommen, dass Therapien, die ein Leben verlängern können, nicht mehr als 100'000 Franken im Jahr kosten dürfen. Das heisst zwar nicht, dass ein Lebensjahr 100'000 Franken wert sein soll, aber es beziffert sinnvollerweise einen Kostenrahmen, über den man sich verständigen kann.

Ethisch gesehen ist jedes Leben unendlich viel wert. Im Kontext des Gesundheitssystems wird die Rechnung komplizierter. Geld ist ein beschränktes Gut – wenn wir den Preis dieses Medikaments zu zahlen bereit sind, wird das Geld dann nicht an anderer Stelle fehlen? Wäre es nicht sinnvoller, in Therapien zu investieren, von denen viele Menschen profitieren, als sehr seltene, aber sehr teure Krankheiten abzudecken mit dem Argument, dass sie eben sehr selten sind?

Preise bei Krebstherapien um Faktor 25 gestiegen

Das Schweizer Gesundheitssystem wächst unkontrolliert, nicht zuletzt auch wegen überhöhter Medikamentenpreise. In der Krebstherapie etwa hat sich der Preis für Medikamente in 25 Jahren um den Faktor 25 verteuert. Doch Experten sagen klar, dass die Medikamente deshalb nicht 25-mal besser sind. Ihr Preis steht in keinem Verhältnis zu ihrem Erfolg oder den Herstellungskosten. Verlangt wird er trotzdem. Warum? Weil der Preis gezahlt wird.

Wie wirksam die 4-Millionen-Franken-Spritze ist, wissen wir nicht. Es gibt keine Langzeitstudien dazu, sondern nur die Versprechen von Novartis. Bevor es diese Studien gibt, sollten Gesundheitspolitiker sich gegen eine solche Preispolitik wehren.

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