6 Franken für zweieinhalb Minuten telefonieren

Die Schweizer Telecomanbieter sagen, ihre Roaming-Tarife seien das Resultat eines harten Wettbewerbs. Das Gegenteil sei der Fall, sagen Comparis und 19 Ständeräte.

Wer von Europa aus in die Schweiz telefoniert, muss bei Schweizer Anbietern viel bezahlen: Eine Teilnehmerin am WEF benutzt ihr Smartphone. (21. Januar 2015)

Wer von Europa aus in die Schweiz telefoniert, muss bei Schweizer Anbietern viel bezahlen: Eine Teilnehmerin am WEF benutzt ihr Smartphone. (21. Januar 2015) Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Die Standardtarife für die Nutzung von Handys im Ausland sind sehr hoch, insbesondere bei Orange und Sunrise. Das sind die Tarife, die Kunden bezahlen, wenn sie im Ausland das Smartphone aus der Tasche nehmen und loslegen. «Es ist stossend, dass Schweizer Kunden zum Beispiel für einen Zweieinhalbminutenanruf aus Spanien in die Schweiz 6 Franken bezahlen müssen», sagt Handytarif-Experte Ralf Beyeler vom Vergleichsportal Comparis. Der Kunde eines deutschen Anbieters bezahlt für den gleich langen Anruf von Spanien nach Deutschland rund 60 Rappen. Das ist ein Zehntel. Die Swisscom verlangt zwar weniger als ihre Konkurrenten, nämlich ab April 1.35 Franken für den gleichen Anruf. Doch auch dieser Tarif ist mehr als doppelt so hoch wie der deutsche.

Solch hohe Preisunterschiede stellte auch der Bundesrat im Fernmeldebericht vom November fest. Dennoch entschied sich das Parlament am Montag gegen eine vom Staat verfügte Obergrenze zur Senkung der Auslandtarife. Der Ständerat lehnte zwei entsprechende parlamentarischen Vorstösse von SP und SVP mit 23 zu 19 Stimmen ab. Das Anliegen zu Fall brachten CVP-Ständeräte und Teile der FDP und SVP.

Ein «klares Marktversagen»

Sie stellten sich gegen den Beschluss der eigenen Kommission. Diese hatte nach vierjährigem Findungsprozess eine Zustimmung empfohlen. Erstens seien «im Hinblick auf das Roaming schon lange Preissenkungen angekündigt worden, aber nicht im versprochenen Umfang erfolgt». Zweitens lohnten sich «insbesondere neue Angebote wie Flatrate-Tarife nur für Vielnutzer, weshalb Preissenkungen nicht pauschal beziffert werden können». Und drittens lasse sich «nicht mehr rechtfertigen, in dieser Frage den Marktkräften zu vertrauen», nun solle «der Druck erhöht werden».

Comparis-Experte Beyeler bestätigt die Einschätzung der Kommission: «Bei den Roamingtarifen haben wir ein klares Marktversagen.» Anders könne man sich nicht erklären, warum Orange und Sunrise «seit über zehn Jahren die gleich hohen Standardtarife für Gespräche aus Europa in die Schweiz verlangen». Bei Sunrise sind es 1.70 Franken pro Minute, bei Orange je nach EU-Land 1.70 oder 2 Franken pro Minute. «Der Rückblick zeigt: Sunrise und Orange zocken die Kunden ab. Trotz politischem Druck.» Einzig Swisscom habe auf die politischen Forderungen reagiert und die ­Roaminggebühren nicht nur für ein paar wenige, sondern für alle Kunden gesenkt: seit 2007 von 1.50 Franken pro Minute auf inzwischen 45 Rappen.

«Horrende 1000 Franken»

Den Gesinnungswechsel bewirkt hat wahrscheinlich Swisscoms Preisinitiative für Roaming-Dienste von Mitte Feb­ruar. Insbesondere Halter von Flatrate-Abos, die bei Swisscom Infinity heissen, profitieren ab April von Inklusive-Nutzung im Ausland. Es gibt eine Flat­rate pro Tag, und man hat pro Abo eine bestimmte Anzahl Tage, die man im Ausland nutzen kann. Beyeler lobt: «Es ist ein sehr guter Schritt. Insbesondere auch, da das System einfach verständlich ist. Es wird das Roaming beflügeln.»

Offen ist, ob auch Sunrise und Orange nachziehen. Laut Beyeler sei die Strategie von Orange und Sunrise klar: Sie senken die Preise, aber nur für die Kunden, die vor einer Auslandreise eine Option bestellen. Die breite Masse der Kunden profitiert hingegen von keinerlei Preissenkung. Eine Ausnahme sei das Internet. Die Preise seien im Standardtarif so extrem hoch gewesen, dass sie diese Preise senken mussten.

Ein Beispiel: 1 Gigabyte Daten (was rund zwei Stunden Spielfilm entspricht) kostet im Standardtarif der meisten Sunrise-Abos über 15'000 Franken. Mit den Freedom-Abos seien es «immer noch horrende 1000 Franken». Wenn der Kunde ein 1 Gigabyte Daten als Paket bestellt, bezahlt er 98 Franken. Anders gesagt: Wenn Gelegenheitsnutzer einen zahlbaren Tarif wollen, müssen sie eine Option kaufen. Dies gilt auch für Telefonate. Ein Orange-Kunde bezahlt für einen Zweieinhalbminuten-Anruf aus Spanien in die Schweiz mit der Orange-Go-Europe-Option 60 Rappen. «Die Strategie, dass es einigermassen faire Preise nur gibt, wenn man vorher eine Option kauft, ist stossend», sagt Beyeler.

Intransparente Preispolitik

Offen ist, was ausländische Anbieter für Anrufe oder die Internetnutzung von den Schweizer Anbietern verlangen. Laut Bundesrat sei dieser Schweiz-Zuschlag zwei- bis dreimal höher als Tarife unter EU-Anbietern. Der Zuschlag entziehe sich der Schweizer Gesetzgebung. «Dafür bräuchte es einen bilateralen Vertrag mit der EU», sagte Bundesrätin Doris Leut­hard gestern. Ein solcher sei aber wegen der offenen EU-Frage unrealistisch. Beyeler sagt, man kenne die Wahrheit nicht. «Das Ganze ist sehr intransparent. Die Politik müsste von den Anbietern Zahlen einfordern», sagt er. «Solange sie keine Zahlen liefern, müssten sie die EU-Regeln übernehmen.»

Swisscom entgegnet, die Marktkräfte hätten «sehr wohl» gespielt. Die Swisscom habe die Roamingpreise «in den letzten Jahren mehrfach teils massiv» gesenkt, auch beim Standardtarif. Sunrise beruft sich auf Leuthard, bei Roamingpreisen sei man von Ausland abhängig.

Orange beteuert, man böte «konkurrenzfähige Tarife auf einem preislich attraktiven Niveau». Bei gewissen Europa-Abos liege man tiefer als die Swisscom. Die Roamingtarife sänken weiter. «Die Konkurrenz ist gross, und der Wettbewerb spielt. Die Roamingtarife sind ein wichtiges Differenzierungsmerkmal», verteidigt Sprecherin Therese Wenger das Angebot diverser Preispakete. Die Forderungen parlamentarischer Vorstösse seien «bereits erfüllt» worden. «Die Preise wurden kontinuierlich gesenkt und Roamingangebote geschaffen, welche Telefonieren und SMS in Europa zu Tarifen der Schweiz ermöglichen.»

Tatsache bleibt: Es braucht viel, bis ein Konsument herausfindet, welches Angebot das günstigste ist. Die Differenzierung des Angebots wird in der Theorie als klassisches Hinderungsmittel für Wettbewerb propagiert.

Erstellt: 09.03.2015, 23:49 Uhr

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