7 Fragen zur Zurich-Krise

Wie schlimm steht es um den Finanzkonzern wirklich? Was hat Martin Senn falsch gemacht? Antworten zur Krise bei der Zurich.

Ausgewachsene Führungskrise: Leere Stühle im obersten Management und nun kein Ersatz für den per sofort abgesetzten CEO Martin Senn.

Ausgewachsene Führungskrise: Leere Stühle im obersten Management und nun kein Ersatz für den per sofort abgesetzten CEO Martin Senn. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Die Zurich-Versicherung, eine der global führenden Assekuranzkonzerne, muss sich neu aufstellen. Unter dem alten CEO Martin Senn, der heute das Unternehmen verlassen hat, ist der Multi in eine tiefe Krise geraten. Es ist nicht auszuschliessen, dass die Zurich von aggressiven Investoren in den kommenden Monaten ins Visier genommen wird. Hinter den Kulissen geht um, dass die Einzelteile des Traditionsunternehmens wertvoller sein könnten als das Ganze.

Hat Zurich ein Führungs-Problem?
Klar ist, der Finanzkonzern braucht rasch eine starke Führung. Zurich-Chef Martin Senn (58) muss seinen Platz räumen, ohne dass ein Nachfolger bereitsteht. Präsident Tom de Swaan, der als neuer CEO agiert, ist lediglich eine Interimslösung. Zum zweiten Mal innerhalb von nur 2 Jahren steckt die Zurich somit in einer ausgewachsenen Führungskrise. Im Sommer 2013 war der Vorgänger von de Swaan, Josef Ackermann, per sofort vom Präsidentenamt bei der Zurich zurückgetreten, nachdem der damalige Finanzchef nach Vorwürfen gegen die Zurich-Führung aus dem Leben geschieden war.

Wie überraschend kommt Senns Rücktritt?
Der Rücktritt von Senn kommt nicht überraschend – aber doch früher als von vielen erwartet. Es gingen zwar bereits Informationen um, wonach via internationalen Headhunter bereits Nachfolger evaluiert würden. Doch innerhalb des Zurich-Personals sei nicht mit einer Absetzung noch im alten Jahr gerechnet worden, sagt ein Manager am Hauptsitz des Versicherers.

Warum muss Senn wirklich gehen?
Unmittelbarer Auslöser für Senns Absetzung, die per sofort erfolgt, waren die schlechten Zahlen im dritten Quartal. Der Gewinn sackte um 80 Prozent ab. Vor allem die tiefe Krise im wichtigen Standbein der Sachversicherungen kam offen zum Vorschein. Zum wiederholten Mal hatte das Unternehmen zu aggressiv Versicherungen verkauft, mit Tarifen, welche die Risiken zu wenig abdeckten. Das führte zu einem dreistelligen Abschreiber im Haftpflichtgeschäft für Baufirmen in den USA. Das Gleiche war kurz zuvor bei amerikanischen Autoversicherungen passiert. Und vor 3 Jahren hatte die Zurich die Haftpflichtrisiken in Deutschland unterschätzt. Damals musste sie eine halbe Milliarde im Nachhinein bereitstellen.

Hat Senn Fehler gemacht?
Zurich-Chef Senn reagierte mit Aktivismus. Er baute die Konzernleitung um, zuletzt im Spätsommer, als er den Chef der Sparte Lebensversicherungen, Kristof Terryn, zum neuen Verantwortlichen für den Bereich General Insurance kürte. Weil für Terryn intern kein valabler Ersatz gefunden werden konnte, musste der Manager die beiden wichtigsten Geschäftsbereiche der Zurich als One-Man-Show führen. Dies war umso problematischer, als Terryn die frisch übernommene Sparte Sachversicherung sanieren und dafür einen Plan erarbeiten musste.

Wo steht der Verwaltungsrat?
Spätestens da musste dem Verwaltungsrat unter Präsident Tom de Swaan, einem Holländer mit langer Karriere im Banking, klar geworden sein, dass die Zurich neben ihren Problemen im Business auch eine Führungskrise hatte. Unter Martin Senn hatten zahlreiche Spitzenkräfte das Unternehmen verlassen. Für Schlagzeilen sorgte Anfang 2014 der Abgang des früheren Armeeausbildungschefs Ulrich Zwygart. Der langjährige Verbündete von Josef Ackermann, der vom Schweizer zur Deutschen Bank geholt worden war, war bei Senn in Ungnade gefallen und verliess das Schiff. Ein Jahr zuvor hatte eine hohe Frau im Zurich-Management, die Amerikanerin Ann Haugh, das Unternehmen verlassen. Sie war Stabschefin von Martin Senn. Nach nur einem Jahr war sie weg.

Wie schlimm steht es um Zurich?
Rote Zahlen bei den Sachversicherungen, leere Stühle im obersten Management – und jetzt kein Ersatz für den CEO-Job: Die Zurich droht zum nächsten grossen Krisenfall in der Schweizer Unternehmenslandschaft zu werden. Kein Wunder, versuchte Präsident und Ad-interim-Konzernchef de Swaan an einer heutigen Informationskonferenz die Wogen zu glätten. Senn habe «in den letzten beiden Jahren eine Transformation eingeleitet, die das Unternehmen noch kundenorientierter, effizienter und erfolgreicher machen wird», wird de Swaan in einer Mitteilung der Zurich zitiert. Auch betont das Unternehmen, dass es damit rechne, seine «finanziellen Ziele für 2014 bis 2016 zu erreichen oder zu übertreffen».

Steht ein neuer Umbau an?
Die optimistische Botschaft nach aussen kontrastiert mit Stimmen aus dem Innern der Zurich. Laut einer Quelle würden mehrere Hundert Stellen vom Hauptsitz in der Limmatstadt ins Ausland verschoben. Dabei geht es offensichtlich um qualitativ hochstehende Jobs, die von gut ausgebildeten Leuten besetzt seien. Die «Handelszeitung» schrieb letzte Woche von 70 Stellen, die im Inland wegfallen würden. Die Zurich liess diese Zahl im Raum stehen. Wenn es nun aber tatsächlich Hunderte sind, die der Auslagerung nach Polen oder in andere günstigere Länder zum Opfer fallen, dann steht die Zurich vor einem nächsten Grossumbau.

Erstellt: 01.12.2015, 12:21 Uhr

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