700 Milliarden Dollar an Wert vernichtet

Angeführt von Technologie- und Biotechaktien befinden sich die US-Börsen auf Talfahrt. Investoren fürchten sich vor zu stolzen Bewertungen und geringeren Wachtumsaussichten.

Der Nasdaq Biotechnologie Index hat seit Jahresanfang fast 20 Prozent an Wert eingebüsst. Der Technologieindex Nasdaq verlor in der gleichen Zeit 7 Prozent.


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Stellen Sie sich vor, Sie haben 1000 Dollar investiert und Sie erhalten 14 Monate später 1930 Dollar zurück. Wer Anfang 2013 in den USA Biotechaktien kaufte und diesen Februar wieder verkaufte, konnte sehr viel Geld verdienen. Seit dem Höchststand hat jedoch eine scharfe Korrektur eingesetzt. Seit dem 25. Februar hat der US-Biotechindex 19 Prozent eingebüsst, allein gestern Donnerstag verlor er
5 Prozent. Wenig besser erging es den amerikanischen Technologieaktien, die im Index Nasdaq zusammengefasst sind. Dieser verlor 3 Prozent, was dem stärksten Minus seit November 2011 entspricht.

«Viele Aktien haben stratosphärische Bewertungen erreicht», sagt Randy Frederick, Chefhändler des Onlinebrokers Charles Schwab. Nun würden die Anleger realisieren, dass die langfristigen Erwartungen sich möglicherweise nicht erreichen liessen, sagte Frederick der Nachrichtenagentur Reuters. Die Technologiebörsen hätten im letzten Jahr einen guten Lauf gehabt, sagt Tom Caldwell, Chef des gleichnamigen kanadischen Vermögensverwalters. «Alle glaubten, sie seien schlau, wenn sie am Boom partizipieren würden. Das ist immer tödlich.»

Korrektur, aber kein Absturz

Hiesige Experten sehen die Lage weniger dramatisch. «Die Profite der letztjährigen Rally werden jetzt ins Trockene gebracht», sagt Alfred Scheidegger, Chef des Zürcher Risikokapitalgebers Nextech Venture Invest. «Ich glaube, dass es sich nicht um einen länger anhaltenden Absturz, sondern um eine Korrektur handelt.» Nun seien die Bewertungen wieder auf einem vernünftigen Niveau, sagt Scheidegger, der mit seiner Firma in Onkologie-Biotechfirmen investiert.

Einzelne Biotechaktien sind gestern um 12 bis 18 Prozent eingebrochen. Dazu gehört etwa die Firma Alnylam, an der Novartis mit rund sechs Prozent beteiligt ist. Alnylam forscht an der sogenannten Ribonukleinsäure-Interferenz (RNAi). Diese ist ein natürlicher Mechanismus, mit dem der Körper Gene abschalten kann, und der in Therapien für schwer behandelbare Krankheiten wie Atemwegs- und Stoffwechselkrankheiten sowie Krebs genutzt werden kann.

Aber auch bekanntere Namen wie Facebook, Tesla Motors oder «House of Cards»-Produzent Netflix verloren gestern alle rund fünf Prozent. Aus Angst vor einem tieferen Gewinnwachstum, vor zu hohen Bewertungen und zu optimistischen Investoren haben Anleger ihre Investments massenhaft abgestossen. Amerikanische Aktien haben in der vergangenen Woche 700 Milliarden Dollar an Wert verloren.

Schweizer Biotechaktien ebenfalls korrigiert

In der Schweiz kommen Biotechaktien ebenfalls unter Druck. So hat etwa Basilea seit Anfang Jahr 13 Prozent verloren. Die Zürcher Cytos und die in Italien beheimatete Newron mussten Einbussen von 6 bis 7 Prozent hinnehmen. Technologieaktien wie Ascom, Logitech oder Kudelski konnten dagegen seit Jahresbeginn zulegen, heute Freitag können sich die drei Titel aber dem Abwärtstrend nicht entziehen.

Der hohen Zahl an Börsengängen von US-Biotechfirmen habe die Korrektur noch keinen Abbruch getan, sagt Scheidegger. Allerdings sei es denkbar, dass nun gewisse Firmen ihre Pläne wegen der sinkenden Kurse verschieben würden.

Die Branche ist erwachsen geworden

Die hohen Bewertungen und der nun einsetzende Absturz erinnern an die Blase, die Anfang der Nullerjahre platzte. Damals waren sowohl Technologie- als auch Biotechaktien betroffen. Alfred Scheidegger glaubt aber nicht, dass sich dieses Szenario wiederholen wird.

Die Biotechbranche habe sich seither professionalisiert. Früher habe schon ein Forschungskonzept ausgereicht, um an die Börse zu gehen. Heute müsse ein Unternehmen ein Produkt vorzeigen können oder zumindest über ein potenten Wirkstoffkandidat verfügen, der das Potenzial habe, in naher Zukunft von den Behörden zugelassen zu werden.

Zudem sei die Wissenschaft heute substanziell weiter fortgeschritten. Anfang der 2000er-Jahre sei das Genom entschlüsselt worden. «Jedoch wusste man damals nicht so genau, was man mit diesen Daten anfangen soll», sagt Scheidegger. «Inzwischen verstehen wir die Funktion einiger Gene, die damals entschlüsselt worden sind.» Dadurch könnten die Firmen wesentlich bessere Medikamente entwickeln. «Dennoch ist das Risiko eines Ausfalls gross.»

Erstellt: 11.04.2014, 13:05 Uhr

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Die Technologie- und Biotechaktien in den USA rauschen in die Tiefe

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