Ab 6.20 Uhr von Zürich nach Kreta, abends zurück in der Limmat

Helvetic Tours hat für wenig Geld Tagesausflüge nach Griechenland beworben. «Peinlich, unsympathisch, ungeil», bloggte ein Kritiker.

Eben mal für einen Blitzurlaub nach Griechenland: Sonnenaufgang am Flughafen Heraklion auf Kreta. Foto: iStockphoto

Eben mal für einen Blitzurlaub nach Griechenland: Sonnenaufgang am Flughafen Heraklion auf Kreta. Foto: iStockphoto

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«Sie müssen am Morgen zwar früh los, aber dafür sind sie noch vor dem Mittag dort», verspricht der Verkäufer am Telefon. «Dann geniessen Sie das Wasser, die Sonne, das Essen. Wie in den Ferien. Und trotzdem sind Sie noch am gleichen Abend wieder zurück in Zürich.» Die Rede ist nicht von einer Reise ins Tessin oder an den Gardasee – sondern von einem Tagesausflug auf eine griechische Insel. Das Angebot nennt sich «Ein Tag am Meer», ist von Helvetic Tours und wird maximal eine Woche im Voraus gebucht. Kostenpunkt: 125 Franken. Also etwa gleich teuer, wie eine 1.-Klass-Tageskarte der SBB.

«Der Flieger geht morgens um 6.20 Uhr, gegen 10 Uhr landen Sie auf der Insel», sagt der Verkäufer. Jeweils mittwochs geht es nach Kreta, donnerstags nach Kos. «Und denken Sie dran, Sie fliegen nur mit Handgepäck. Damit entfällt auch das lästige Warten beim Gepäckband», sagt der Verkäufer. Die Rückflüge sind um 18.05 Uhr (ab Kos) oder um 19 Uhr (ab Kreta). Und er rät: «Buchen Sie auf keinen Fall den Transfer an den Strand und zurück. Das kostet 75 Franken und lohnt sich nicht. Nehmen Sie ein Taxi.»

«Peinlich und unsympathisch»

Lanciert hat Helvetic Tours das Produkt Mitte Mai. Einen Monat später, am 16. Juni, wurde es erstmals auf Facebook beworben – was mehrere Blogger aufmerksam machte. Mindestens einer kritisierte den Reiseveranstalter scharf. Jeremy Kunz von Reisewerk.ch schrieb: «Als Firma sollte sich Helvetic Tours tierisch schämen (...). Peinlich, unsympathisch, ungeil.» Auch der WWF ärgerte sich über «das ‹Tagesreisli›». WWF-Schweiz-Sprecher Fredi Lüthin bezeichnet es als «jenseits von Gut und Böse».

Auf seiner Website wirbt der Reise­veranstalter damit, dass er «unternehmerische Eigenverantwortung» übernimmt und sich «somit für einen nachhaltigen Tourismus einsetzt». Das Unternehmen geht sogar noch weiter: Weil der Tourismus zur weltweiten Emission von Treibhausgasen und damit zum Klimawandel beitrage, «kompensiert Helvetic Tours den Klimaeffekt eigener Geschäftsflüge».

Was dann passierte, ist unklar

Deshalb kommt Blogger Kunz zum Schluss: «Die Firma predigt Wasser und trinkt Wein.» Ihm gegenüber dämpft Helvetic Tours die Vorwürfe ab: Es handle sich bei dem Angebot nur um eine «sehr geringe Anzahl» von Flugplätzen, die «sehr kurzfristig verfügbar» seien. Das Ziel des Angebots: «Die Flugauslastung zu verbessern.» Dem Unternehmensziel, nachhaltigen Tourismus zu fördern, widerspreche das nicht.

Das war am 18. Juni. Was dann passierte, ist unklar. Nur Stunden nachdem das Unternehmen mit dem Blogger Kontakt hatte, ist das Angebot vom Internet verschwunden. Heute sagt Helvetic Tours, das Angebot sei aufgrund der einsetzenden Hochsaison ohnehin nicht mehr zwingend gewesen. Gleichzeitig sei es «intern und vereinzelt extern bei Kunden aus ökologischen Gründen auf Kritik» gestossen. So habe es «unterschiedliche Meinungen» gegeben, ob ein Flugzeugsitz leer bleiben soll, wenn der Flug ohnehin durchgeführt wird, sagt Peter Brun, Kommunikationschef des Kuoni-Konzerns, zu dem Helvetic Tours gehört. Am Ende habe man entschieden, das Angebot entspreche nicht den ökologischen Ansprüchen des Konzerns. «Deshalb wurde entschieden, das Angebot einzustellen.» Per 19. Juni.

Ein Fehler im System

Auf Facebook allerdings blieb die Werbung stehen – inklusive einer Telefonnummer, über die man das Angebot weiterhin buchen konnte. Zumindest bis letzten Freitag, als Tagesanzeiger.ch/Newsnet sich telefonisch beraten liess. Warum das Angebot im Internet nicht mehr zu finden ist, wusste der Verkäufer nicht: «Das hat man uns nicht gesagt.» Zwar werde das Angebot jetzt nicht mehr so häufig nachgefragt, aber er verkaufe es ab und zu. Brun bestätigt: «Die Nachfrage war vorhanden.» Dass das Angebot aber nach dem 19. Juni noch buchbar war, sei einem Fehler im System geschuldet. «Das ist ärgerlich, und wir werden intern entsprechend die Abläufe prüfen.»

Unabhängig der Umstände kommentierte Blogger Kunz den Meinungsumschwung mit einem «Herzliche Gratulation». Und Lüthin vom WWF sagt: «Es freut uns deshalb sehr, dass Kuoni das Angebot wieder eingestellt hat.» 16 Prozent der Schweizer Klimabelastung gingen auf das Konto des Flugverkehrs.

Am Samstag, einen Tag nachdem Tagesanzeiger.ch/Newsnet bei der Pressestelle angeklopft hatte, verschickte Helvetic Tours ein internes Mail mit folgender «Sprachregelung»: «Das Angebot hatten wir mal als kurzfristige Aktion. Ist aber seit längerem bereits nicht mehr im Angebot.»

Erstellt: 07.07.2014, 23:24 Uhr

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