Ärzte sollen Arzneien nur noch mit Rezept abgeben

Mit dieser Regel wollen Politiker die Wahlfreiheit der Patienten verbessern. Die Ärzte sind empört.

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Ein Patient geht mit einer Mittelohrentzündung zu seinem Hausarzt. Dieser stellt die Diagnose und verschreibt ihm Medikamente. Bis hierhin ist der Vorgang in der ganzen Schweiz derselbe. Wer nun aber in der Westschweiz oder in den Kantonen Aargau oder Basel-Stadt wohnt, erhält von seinem Arzt ein Rezept und muss damit in eine Apotheke gehen, um an die Medikamente zu kommen. In den übrigen Kantonen, so auch in Zürich, erhält der Patient die Arznei direkt in der Praxis seines Hausarztes. In den Kantonen Bern und Graubünden werden Mischformen der beiden Varianten angewandt: In ländlichen Gebieten, wo es kaum Apotheken gibt, kommt der Arzt zum Zug, in urbaneren Gegenden ist der Gang in die Apotheke nötig.

Bis jetzt muss der Arzt, der seinem Patienten Medikamente verkaufen will, kein Rezept ausstellen. Dies soll sich nun mit der Anpassung des Heilmittelgesetzes ändern. Politiker von links bis rechts wollen mit der Rezeptpflicht die Wahlfreiheit der Patienten stärken. Muss der Hausarzt, der Medikamente direkt in der Praxis abgibt, ein Rezept ausstellen, kann der Patient künftig sein Arzneimittel auch in der Apotheke beziehen.

Riesiges Sparpotenzial

Wahlfreiheit ist aber nur ein Ziel der Reform. «Wir wollen die Ärzte mit der Rezeptpflicht dazu bewegen, Medikamente bewusster und zurückhaltender zu verschreiben», sagt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel. Würden sich die Ärzte disziplinierter verhalten, könnten enorme Einsparungen erzielt werden. «Laut Schätzungen werden pro Jahr nicht benötigte Medikamente im Wert von bis zu 500 Millionen Franken in die Apotheken zurückgebracht», sagt Humbel.

Bei den Ärzten ist der Unmut gross. «Die geplante Gesetzesänderung ist eine Katastrophe», sagt Sven Bradke, Geschäftsführer der Vereinigung Ärzte mit Patientenapotheke. «Wir rechnen mit Mehrkosten für das Gesundheitssystem von 100 bis 150 Millionen Franken.» Das Ausstellen der Rezepte soll über den Ärztetarif Tarmed abgerechnet werden. Die Abgabe der Medikamente wird dagegen über die Marge abgegolten, die der Arzt bei jeder verkauften Packung behalten darf. Jürg Schlup, Präsident der Ärzteverbindung FMH, teilt Bradkes Kritik. Mit der Rezeptpflicht werde das Gesundheitssystem und folglich der Prämienzahler unnötig belastet. Dem widerspricht Dominique Jordan, Präsident des Apothekerverbands Pharmasuisse. Ohne ein Rezept werde die Wahlfreiheit eingeschränkt. Er spricht von einer Geiselnahme der Patienten: Es gebe Ärzte, die sich auch auf Nachfrage weigerten, ein Rezept auszustellen, sagt Jordan.

Erleichterung für Apotheker soll Ärztemangel kompensieren

Die Politiker zeigen sich von den Mehrkosten von bis zu 150 Millionen Franken überrascht. «Die Summe zeigt nur, wie viel die Ärzte mit der Medikamentenabgabe verdienen», sagt SP-Nationalrätin Bea Heim. Ruth Humbel von der CVP nimmt die Befürchtungen der Ärzte zwar ernst. Sie plädiert aber dafür, dass das Ausstellen eines Rezepts über die Marge bei der Medikamentenabgabe abgegolten wird.

Die Rezeptpflicht ist nicht die einzige Bestimmung, die im Rahmen der Gesetzesrevision für hitzige Diskussionen sorgt. Neu sollen Apotheker mehr Möglichkeiten haben, Medikamente abzugeben, gerade auch dann, wenn diese eigentlich rezeptpflichtig wären. Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch aussieht, ist gewollt. Die Politik will mit dieser Erleichterung für Apotheker dem Ärztemangel entgegentreten. Ist ein Patient für ein bestimmtes Arzneimittel auf ein Rezept angewiesen, sein Hausarzt aber nicht erreichbar, dann bleibt nur der Gang in ein Spital. Künftig soll der Apotheker in gewissen Fällen in die Bresche springen können.

Die Ärzteschaft sieht dies kritisch. «Die Notfallabgabe von rezeptpflichtigen Medikamenten ist heute bereits möglich, dafür braucht es keine Gesetzesänderung», sagt FMH-Präsident Schlup. Der Gesetzgeber wolle hier aber mehr. «Ich frage mich jedoch, ob die Apotheker dazu in der Lage sind.» Die Erarbeitung einer Diagnose sei nicht Teil ihrer Ausbildung. Jordan vom Apothekerverband widerspricht. Die klinische Pharmazie gehöre seit sechs Jahren zur Grundausbildung. Es gehe jedoch nicht um eine Diagnose. «Wir wollen leichte von schweren Fällen trennen und so das Gesundheitssystem entlasten.»

Erstellt: 18.04.2014, 23:51 Uhr

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Umstrittene Rabatte

Verbot sorgt für Verwirrung

Die von Ärzten, Apothekern und Spitälern ausgehandelten Rabatte beim Einkauf von Medikamenten sind seit Jahren ein Politikum. Das Heilmittelgesetz soll das strittige Thema nun klarer regeln. Davon kann jedoch keine Rede sein. «Ich brauche einen Juristen, um die entsprechende Passage im Gesetz richtig zu interpretieren», sagt Jürg Schlup, Präsident der Ärzteverbindung FMH.

Um was geht es? Die Mehrheit in der Gesundheitskommission des Nationalrats will überhöhte Rabatte verbieten. Allerdings sind «handelsübliche Abgeltungen» weiterhin erlaubt. Je nachdem, wie dieser Begriff interpretiert werde, könnten darunter eben auch Rabatte verstanden werden, sagt Schlup. Damit laufe man Gefahr, dass letztlich die Gerichte entscheiden müssten, was damit gemeint sei, sagt Dominique Jordan, Präsident des Apothekerverbands. Er fordert, dass Rabatte in Zukunft offengelegt werden.

Umstritten ist zudem, was mit den Rabatten geschehen soll. Der Bundesrat schlägt vor, dass diese den Patienten oder Krankenkassen weitergegeben werden sollen. Dies will eine Mehrheit in der Gesundheitskommission kippen. Damit verbliebe einzig eine Regelung im Krankenversicherungs­gesetz, welche die Weitergabe der Rabatte verlangt. Allerdings wird diese Bestimmung seit Jahren nicht durchgesetzt (der TA berichtete). Ärzte, Apotheker und Krankenkassen wollen, dass ein Teil der Rabatte an die Patienten weitergegeben wird. Der andere Teil soll bei den Einkäufern der Medikamente bleiben, damit diese einen Anreiz haben, Rabatte mit den Pharmafirmen auszuhandeln. Ob sich diese Regelung im Nationalrat durchsetzen wird, ist fraglich.

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