Hintergrund

Algen statt Erdöl

Der Solarchemie gehört die Zukunft. Die Firma Solazyme stellt Öl auf pflanzlicher Basis her und fabriziert daraus Kosmetika, Butterersatz, aber auch Seife und Treibstoff. Die Firma könnte zum Hoffnungsträger der jungen Wissenschaft werden.

Öl auf pflanzlicher Basis wird eine grosse Zukunft prophezeit: Chemikerin bei Solazyme.

Öl auf pflanzlicher Basis wird eine grosse Zukunft prophezeit: Chemikerin bei Solazyme. Bild: PD

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Beim Wort Erdöl denken die meisten Menschen fast automatisch an Benzin und Diesel. Doch nicht nur Autos benötigen Öl, auch rund 90 Prozent aller chemischen Produkte werden auf Erdölbasis hergestellt. Das funktioniert wie folgt: Das schwarze Gold wird gecrackt, will heissen in seine Grundelemente zerlegt und wie Legosteine neu zusammengesetzt. Daraus kann man fast alles machen: Farben, Klebstoffe, Backofenreiniger, Textilien und Pharmaprodukte. Von den rund 90 Millionen Fass Erdöl, die weltweit täglich verbraucht werden, fallen etwa 20 Millionen Fass in den Bereich Chemie.

Es geht aber auch anders und viel sanfter. In den USA haben Jonathan S. Wolfson und Harrison F. Dillon soeben ein Anti-Aging-Mittel namens Algenist vorgestellt. Es verzögert den Alterungsprozess der Haut. Wie in dieser Branche üblich, ist Algenist sehr teuer. Ein 30-Milliliter-Fläschen kostet 79 Dollar. Aber es ist mehr als Luxus für alternde Millionärsgattinnen, es könnte zum Hoffnungsträger einer jungen Wissenschaft werden: der Solarchemie.

Riesiges Potenzial

Die Herstellerfirma Solazyme ist eine Art Garagenfirma, wie sie im Silicon Valley schon lange gang und gäbe sind. Wie einst bei Google oder Apple ist das Potenzial riesig. Die «New York Times» schreibt: «Die Hoffnung besteht, dass Solazyme es schafft, im Geschäft zu bleiben, und bald Öle herstellen wird, die eine Vielzahl von Funktionen erfüllen können – die Haut befeuchten oder Butter und Eier im Backprozess ersetzen. Der nächste Schritt besteht darin, riesige Mengen von erneuerbarer Energie herzustellen, und zwar zu einem Preis, der es mit den fossilen Brennstoffen aufnehmen kann.»

Wolfson und Dillon arbeiten mit Algen. Öle auf pflanzlicher Basis werden eine grosse Zukunft prophezeit. Das amerikanische Energiedepartement geht davon aus, dass bereits 2015 rund 300 Millionen Liter pflanzliches Öl für die Energieproduktion verwendet werden. In Brasilien will Solazyme zusammen mit dem Amt für Landwirtschaft und dem Nahrungsmittelgiganten Bunge eine Fabrik bauen, in der Algen mit Zucker gefüttert werden und so über 100 Millionen Liter Öl produzieren, das für die Herstellung von Seife und anderen Produkten verwendet werden kann.

Petrochemie überholt

Auch im Mutterland der Chemie, in Deutschland, wird Solarchemie zu einem Thema. In diesem Frühjahr hat Hermann Fischer ein Buch unter dem Titel «Stoffwechsel» veröffentlicht. Der mit vielen Preisen ausgezeichnete promovierte Chemiker hat eine eigene Firma, in der rund 40 Mitarbeiter Naturfarben, Putzmittel, Lacke und Klebstoffe auf pflanzlicher Basis herstellen. Fischer ist überzeugt, dass Petrochemie wissenschaftlich überholt ist. «Die einfachen Bausteine der Petrochemie sind überaus banal», sagt er. «Eiweissstoffe, Harze und Wachs sind viel komplexere Stoffe als Ethan und Benzol.»

Warum setzt die traditionelle Chemie nach wie vor auf Erdöl? «Erdöl ist – was chemische Zwecke betrifft – praktisch gratis», sagt Fischer. Daher gibt es ein unglaublich starkes, wirtschaftliches Interesse an der Petrochemie.» Die Situation der Solarchemie vergleicht Fischer mit der Situation der IT in den 80er-Jahren. «Steve Jobs war einst ein Hippie», sagt er. «Inzwischen ist Apple das wertvollste Unternehmen der Welt geworden und ein Business mit all den dazugehörenden Schattenseiten.»

Erstellt: 01.07.2013, 19:46 Uhr

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