Als Duo nicht kompatibel

Einen Monat nach dem Suizid von Swisscom-Chef Carsten Schloter steht Verwaltungsratspräsident Hansueli Loosli im Fokus. Was lief zwischen den beiden Ausnahmetalenten schief?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es muss die wohl grösste berufliche Krise im Leben des erfolgsverwöhnten Hansueli Loosli sein. 30 Jahre lang arbeitete er sich im Detailhandel hoch, führte Coop bis ganz an die Spitze, stand kaum je in der Kritik. Das Verwaltungsratspräsidium bei der Swisscom hätte sein Ritterschlag werden sollen – die Anerkennung seiner Leistungen und Fähigkeiten über den Detailhandel hinaus.

Und dann das. Spätestens seit die «Bilanz» geschrieben hat, dass Carsten Schloter kurz davor war, die Swisscom zu verlassen, steht das Verhältnis zwischen dem vor einem Monat verstorbenen Swisscom-Chef und seinem Verwaltungsratspräsidenten im Fokus. Und auch wenn niemand Loosli die Schuld am Suizid des 49-Jährigen geben würde, steht doch die Frage im Raum: Was lief schief zwischen den beiden Ausnahmetalenten?

Gar nichts, heisst es bei der Swisscom. «Es wurden sicher Themen kontrovers diskutiert, und Carsten Schloter und Hansueli Loosli waren bestimmt nicht immer einer Meinung. Aber das gehört dazu», sagt Urs Schaeppi, Interimschef der Swisscom und langjähriger Weggefährte Schloters. «In meiner Wahrnehmung gab es keinen solchen Konflikt zwischen den beiden.» Auch ein zweiter Weggefährte, Ueli Dietiker, jahrelang Schloters Finanzchef, sagt: «Ich habe persönlich nie eine Situation erlebt, in der eine Diskussion eskaliert wäre oder man Spannungen zwischen den beiden gespürt hätte.»

Loosli stützte Schloter stark

Laut Dietiker, der heute in der Geschäftsleitung von Swisscom Schweiz ist, hat Loosli Carsten Schloter sogar den Rücken gestärkt, als sich das Unternehmen in der grössten geschäftlichen Krise der Ära Schloter befand: Ende 2011 musste die Swisscom 1,6 Milliarden Franken auf der italienischen Breitbandtochter Fastweb abschreiben. «Carsten hat den Abschreiber sehr persönlich genommen – und auch an sich selbst gezweifelt. Hansueli Loosli hat ihn persönlich sehr stark gestützt und ihm das Vertrauen in sich selbst zurückgegeben.»

Und trotzdem muss es hinter den Kulissen gebrodelt haben. In Schloters Umfeld war bekannt, dass er sich an Looslis Art gerieben hat. Unter dessen Vorgänger Anton Scherrer genoss Schloter im Geschäft maximale Freiheit. Loosli hingegen wollte mitreden. Das sagt auch Interimschef Schaeppi: «Hansueli Loosli interessiert sich für Themen, er fragt nach. Aber nicht, um jemanden zu kontrollieren, sondern weil er es verstehen möchte.» Das im Unterschied zu Anton Scherrer, der laut Schaeppi ganz anders führte.

Wer Loosli kennt, den erstaunt das nicht. Als ausgebildeter Buchhalter und Treuhänder ist er es gewohnt, die Kontrolle zu haben. Das war schon bei Coop so. Ein Problem war das aber nie, sagt Jürg Peritz, der 20 Jahre mit Loosli gearbeitet hat und als stellvertretender Coop-Chef im engsten Kontakt mit ihm stand. «Selbstverständlich ist er nicht der Mann des Laisser-faire und der präsidialen Distanz. Er will das Geschäft kennen, wissen, wo die Risiken, Chancen und Herausforderungen liegen.» Er habe seine Rolle wohl anders gesehen als sein Vorgänger. Und Peritz stellt die Frage: «Haben wir nicht genügend Firmenkrisen und -katastrophen erlebt, wo man sich fragen musste, ob denn der Verwaltungsrat nichts mitbekommen hatte von allem?» Ein anderer langjähriger Wegbegleiter Looslis bei Coop ergänzt: «Controlling ist ihm bei allem wichtig. Und das ertragen nicht alle gleich gut.»

Als Duo nicht kompatibel

Hat Loosli sich also zu stark eingemischt? Oder hatte Schloter, der von sich selbst sagte, als Kind keine Autoritäten ertragen zu haben, schlicht ein Problem mit der plötzlichen Konkurrenz durch den aktiven Präsidenten?

Beides. Das sagt einer, der sowohl mit Loosli als auch mit Schloter zu tun hatte. «Loosli wollte nicht nur mitreden, sondern dreinreden. Schloter passte das gar nicht.» Es sei von Anfang an eine Konstellation gewesen, die nicht gut kommen konnte, erzählt er. «Wenn zwei, die beide brutal ehrgeizig und dominant sind, aufeinanderprallen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es kracht.»

Kommt hinzu: Coop hatte Loosli über die Jahre nach seiner Vorstellung umgebaut, bei der Swisscom traf er auf eine Unternehmenskultur und -struktur, die nicht so einfach zu kontrollieren war. «Da waren andere Hebel gefragt.» Am Ende war das Problem wohl eine Frage der Chemie: Jeder für sich waren die beiden Manager extrem erfolgreich. Gemeinsam waren sie nicht kompatibel. Wie wenn man zwei Raubtiere, die jahrelang erfolgreich ihr eigenes Revier verteidigten, plötzlich ins gleiche Gehege steckt.

«Da kann er schon mal laut werden»

Das sieht man sogar bei der Swisscom so: Wenn es irgendwo einen Nährboden für einen Konflikt gab, dann bei den persönlichen Befindlichkeiten. Swisscom-Interimschef Schaeppi etwa sagt: «Ich persönlich schätzte Hansueli Looslis pragmatische Art. Er denkt schnell und ist direkt. Andere mögen das als zu direkt und kurz angebunden empfinden.» Und Ex-Finanzchef Dietiker sagt: «Von ihrer Art her kann ich mir schon vorstellen, dass die zwei ab und zu auf persönlicher Ebene aneinandergeraten sind.»

Schloter hat sensibel reagiert, Loosli ging auf dessen Kritik nicht ein? Ein langjähriger Wegbegleiter spricht Loosli diese Fähigkeit tatsächlich ab. «Mit Kritik hat Loosli Mühe, vor allem bei Kritik an seiner Person. Da kann er schon mal laut werden.» Zumindest was die Sachebene betrifft, widerspricht Peritz, Ex-Marketingchef bei Coop: «Ich habe Hansueli Loosli noch nie laut erlebt, und ich habe genügend sachliche Auseinandersetzungen mit ihm geführt. Er hatte seine Überzeugung, liess sich von guten Argumenten aber auch umstimmen.»

Konflikt nicht in Sachfragen

Diese Einschätzung teilt auch Schaeppi: «Falls es Probleme gab zwischen Carsten und Hansueli Loosli, dann hat sich das nicht auf die Swisscom ausgewirkt.» Ähnlich lautet die offizielle Medienmitteilung der Swisscom zum Konflikt: «Die Zusammenarbeit des Verwaltungsrates mit Carsten Schloter war sachbezogen und von gegenseitigem Respekt geprägt. Meinungsverschiedenheiten wurden auf der Sachebene zwischen Verwaltungsrat und Konzernchef bereinigt.»

Hat Loosli überhaupt wahrgenommen, wie sehr Schloter sich an ihm rieb? Die «Bilanz» thematisierte bereits Anfang Jahr erstmals die Misstöne zwischen Loosli und Schloter – was auch innerhalb der Swisscom für Diskussionen sorgte. Offiziell stellte sich Schloter allerdings hinter Loosli. Nur: «Loosli geht das Gespür für zwischenmenschliche Empfindungen ab», sagt ein Wegbegleiter. Er könne zwar auf Menschen zugehen und sei eine bodenständige Natur, aber Emotionales sei nicht seine Stärke. Ein anderer Wegbegleiter sieht in Loosli zumindest «keinen Gefühlsmenschen».

«Er engagierte sich über das übliche Mass hinaus»

Auch hier widerspricht Peritz: «Hansueli Loosli ist ein Mensch mit Herz und hoher Sensibilität, er hat auch seine weichen Seiten. In den persönlichen Gesprächen, die er alle 14 Tage mit seinen engsten Mitarbeitern führt, konnte ich Probleme und Schwierigkeiten offen diskutieren. Er wollte wissen, wie es mir ging und wo ich Hilfe brauchte. Seine Empathie ist ausgeprägt: Er spürte es, wenn es mir mal nicht gut ging oder wenn die Probleme mir über den Kopf zu wachsen drohten. Ich habe Hansueli Loosli mit Tränen in den Augen erlebt, in Situationen, in denen er kaum sprechen konnte. Ich habe ihn erlebt, als ein Geschäftsleitungsmitglied einen Hirninfarkt erlitt. Loosli besuchte ihn alle zwei Wochen im Spital und engagierte sich weit über das übliche Mass hinaus.»

Unabhängig davon, was zwischen Loosli und Schloter schiefgelaufen ist – die Swisscom-Spitze stellt sich vor ihren Präsidenten. «Hansueli Loosli hat unternehmerisches Flair, ein gutes Gefühl fürs Geschäft und ist extrem vorwärts orientiert», sagt Schaeppi. «Er gewichtet Chancen stärker als Risiken. Ich erlebe die Zusammenarbeit als sehr konstruktiv, pragmatisch und lösungsorientiert.» Und Ueli Dietiker sagt: «Weder Carsten Schloter noch Hansueli Loosli haben mich je enttäuscht. Loosli geniesst mein volles Vertrauen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2013, 09:54 Uhr

Bildstrecke

Mögliche Schloter-Nachfolger

Mögliche Schloter-Nachfolger Die Suche nach einem neuen Chef läuft: Die Chancen von Übergangschef Urs Schaeppi stehen gut.

Bildstrecke

Rückblick auf das Leben von Carsten Schloter

Rückblick auf das Leben von Carsten Schloter Der 49-jährige Swisscom-CEO Carsten Schloter ist tot.

Bildstrecke

Die Beerdigung von Carsten Schloter

Die Beerdigung von Carsten Schloter In Freiburg nehmen Familie, Freunde und Bekannte an der Trauerfeier Abschied vom verstorbenen Swisscom-Chef Carsten Schloter.

Artikel zum Thema

Schloter wollte die Swisscom verlassen

Der verstorbene Chef des Schweizer Telecomkonzerns, Carsten Schloter, war laut einem Bericht im Gespräch mit Headhuntern. Mehr...

Wer schlägt eigentlich beim CEO-Burn-out Alarm?

Hintergrund Der verstorbene Carsten Schloter litt offenbar unter Schlafstörungen. Während normale Mitarbeiter Hilfe holen können, stehen die obersten Chefs alleine da. Was Experten als Lösung vorschlagen. Mehr...

Schloter litt unter Schlafstörungen

Der verstorbene Swisscom-Chef Carsten Schloter hatte offenbar ein Burn-out. Er konnte während Wochen nicht schlafen, liess sich aber nicht medizinisch behandeln. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Blogs

Von Kopf bis Fuss Drei Zutaten für entspannte Weihnachten

Tingler Warten bei Tiffany

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Haben sich an ihren Lebensraum angepasst: Vier ausgewachsene Antilopen und ein Junges laufen in der Wüste Rub Al-Khali in Saudiarabien über den trockenen Boden. (19. Dezember 2018)
(Bild: VALDRIN XHEMAJ) Mehr...