Amazon will Hotelbuchungsportalen die Stirn bieten

Der Online-Versandhändler Amazon versucht sich im Hotelbuchungsgeschäft. Ein Branchenkenner sagt, ob das gut gehen kann und was eine Expansion nach Europa bringen würde.

Unterkünfte für Kurztrips in der Nähe: Amazon bietet nun auch Hotelbuchungen an.

Unterkünfte für Kurztrips in der Nähe: Amazon bietet nun auch Hotelbuchungen an. Bild: Screenshot Amazon.com

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Booking.com, HRS, Expedia & Co.: Im Internet tummelt sich eine Vielzahl von Hotelbuchungsplattformen. Der amerikanische Online-Versandhändler Amazon hat jetzt mit «Amazon Destinations» noch eine weitere lanciert. Ein kompletter Neuling im Hotelbuchungsgeschäft ist das Unternehmen allerdings nicht: Bisher waren Reiseschnäppchen bereits über den Internetmarktplatz Amazon Local im kleinen Rahmen buchbar. Der neue Service soll nun den Markt der Hotelbuchungsplattformen aufmischen.

Vorerst im Angebot – buchbar über Mobile-Apps und Desktop-Computer – sind Hotels nahe US-Metropolen, die vor allem für Wochenend- und Kurzreisen mit dem Auto reserviert werden können. Die Unterkünfte befinden sich in Südkalifornien, im Pazifischen Nordwesten sowie im Nordosten der USA. Flüge werden hingegen keine angeboten. Ziel sei es, schnell und einfach einen lokalen Kurztrip zu planen, wie Amazon-Sprecher Tom Cook gegenüber dem Reisebranchen-Newsportal Skift.com sagt. Mehr als 40 Prozent der inländischen Freizeitreisen seien Kurztrips mit einer bis drei Übernachtungen, die meisten davon an nahe gelegene, mit dem Auto erreichbare Orte. «Doch die Planung solcher Reisen ist arbeitsintensiv, weil oft nicht klar ist, wohin man gehen könnte», so Cook.

Viel tiefere Kommission

Im Gegensatz zu den grossen Buchungsportalen Booking.com & Co., die den teilnehmenden Hotels oft einen Bestpreiszwang auferlegen, lässt Amazon Destinations die Unterkünfte selber ihre Zimmerpreise festlegen. Zudem betragen die Kommissionen an den Vermittler nicht bis zu 50 Prozent, wie es bei den etablierten Plattformen in den USA der Fall ist. Amazon kassiert laut Skift.com eine Vermittlungsgebühr von rund 15 Prozent. Ein rentables Wirtschaften müsste damit möglich sein, sagt Roland Schegg von der Fachhochschule HES-SO Valais-Wallis in Siders auf Anfrage. Der Dozent erforscht am Institut für Tourismus die Hotelbuchungsplattformen.

Kann ein Portal wie Amazon Destinations überhaupt Erfolg haben unter so vielen Playern? Der Markt der Hotelbuchungsportale sei zwar in einem Konsolidierungsprozess, sagt Schegg. Trotzdem glaubt er, dass Amazon Destinations erfolgreich sein kann. Das Unternehmen sei weltweit sehr bekannt und generiere einen Riesentraffic. «Wenn also Kunden, die bei Amazon zum Beispiel Reisebücher bestellen, auf die buchbaren Hotels aufmerksam gemacht werden, beflügelt dies das Buchungsportal – und umgekehrt, wenn Leute bei einer Hotelbuchung auf entsprechende Reiseprodukte bei Amazon hingewiesen werden.» Das Ganze wird laut Schegg vereinfacht, weil die vielen Amazon-Kunden bereits ein Benutzerkonto besitzen.

Die Bekanntheit des Unternehmens allein reiche jedoch nicht, um das Buchungsportal erfolgreich zu betreiben, so Schegg. Auch das Hotelangebot selbst müsse stimmen. Dass Amazon Destinations Unterkünfte nahe US-Metropolen für vorwiegend Kurzaufenthalter anbietet, wertet der Branchenkenner als positiv: «Die Plattform testet ein Nischenangebot, das sich kaum mit demjenigen der grossen Buchungsportale beisst, die vorwiegend Hotels innerhalb der grossen Städte anbieten.»

«Direkte Konkurrenz für Booking.com»

«Amazon ist sehr gut im Verkaufen von Dingen, warum nicht auch von Hotelzimmern?», sagt Mike Taylor, Direktor des Ocean Place Resort & Spa in Long Branch, New Jersey, dessen Zimmer über Amazon Destinations buchbar sind. Dieser Service werde Booking.com direkt konkurrieren, so Taylor gegenüber Skift.com. Und Linda Monahan vom Ledges Hotel und Settlers Inn in Hawley, Pennsylvania, glaubt: «Angesichts von Amazons globaler Bekanntheit und des riesigen Kundenstamms wird das mein Hotelgeschäft definitiv ankurbeln.»

Die Konkurrenz scheint hingegen keine Angst vor dem neuen Mitbewerber zu haben – zumindest gegen aussen: Dara Khosrowshahi, CEO von Booking.com, hiess Amazon willkommen in der Branche. Er hielt jedoch fest, dass das Unternehmen noch eine Menge aufzuholen habe.

Ob zu den momentan buchbaren US-Hotels bei Amazon Destinations auch welche in Europa hinzukommen, ist noch nicht bekannt. Roland Schegg sieht jedoch Potenzial: «Wenn Amazon – anders als Booking.com & Co. – auch die europäischen Vertriebspartner nicht mit Bestpreisklauseln einschränkt und faire Kommissionen verlangt, dürfte es weniger Probleme geben, als die grossen Portale haben respektive hatten.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.04.2015, 13:16 Uhr

Artikel zum Thema

Amazon rutscht in die roten Zahlen

Der Onlinehändler verbuchte im ersten Quartal einen Verlust von 57 Millionen Dollar. Dafür präsentierte Amazon einen lukrativen Geschäftszweig. Mehr...

Amazon erhält Flugbewilligung

Der Onlinehändler will künftig seine Päckli mit Drohnen schneller zustellen können. Die Tests dazu wurden bislang im Ausland durchgeführt. Nun erteilte die US-Luftfahrtbehörde Amazon die Bewilligung für Testflüge. Mehr...

Amazon soll künftig Mehrwertsteuer bezahlen

Versandhandel Die Buchhändler sind erfreut. Der Bund bittet ausländische Online-Händler zur Kasse. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

History Reloaded 30 Jahre Winter nach dem Prager Frühling

Michèle & Friends Wenn Spiegel überflüssig werden

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...