«An der Heimbasis ist das sehr peinlich»

Ein Swiss-Flug fällt aus, weil die Airline keinen Ersatz für einen kranken Piloten findet. Die Panne zeigt, wie knapp das Unternehmen an Personal ist.

Swiss-Flug blieb am Boden: Flugzeuge am Zürcher Flughafen (Archivbild).

Swiss-Flug blieb am Boden: Flugzeuge am Zürcher Flughafen (Archivbild).

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Die Fluggesellschaft Swiss strich am Samstagabend einen Flug nach São Paulo, weil sie keinen Ersatz für einen erkrankten Piloten fand. 218 Passagiere mussten die Nacht unverhofft in Zürich verbringen, wie «20 Minuten» heute berichtete. Als Grund nennt die Airline, dass man zurzeit die angestauten Ferienguthaben der Piloten abbaue und darum wenig Personal zur Verfügung habe. Die Pikett-Mitarbeiter, die in jedem Einsatzplan für unvorhergesehene Fälle eingeteilt sind, seien bereits anderweitig aufgeboten worden.

«Dass so etwas an der Heimbasis passiert, ist schon sehr peinlich», sagt der Luftfahrtexperte Cord Schellenberg. An Aussenstationen könne es eher passieren, dass für erkrankte Besatzungsmitglieder kein Ersatz gefunden werden könne – und es käme auch immer mal wieder vor. «In Zürich aber müsste es gelingen, jemanden aufzutreiben, der einspringt.» Natürlich brauche es dafür ein aussergewöhnliches Engagement der Angestellten. «Doch wenn die Stimmung in der Belegschaft gut ist, klappt das üblicherweise.»

Ferien angehäuft

Weder die Swiss noch die Pilotengewerkschaft Aeropers nehmen zu dieser Aussage Stellung. Tatsache ist, dass die Airline in den letzten fünf Jahren stark gewachsen ist und mit einem grundsätzlichen Piloten-Mangel zu kämpfen hat – mit der Folge, dass die Piloten stark belastet sind. Sie haben in den letzten drei Jahren über 30 Mannjahre Ferien angehäuft.

Über die Gründe für den Personalmangel sind sich Swiss und Aeropers – die seit einem Jahr über einen neuen Gesamtarbeitsvertrag streiten – uneinig. Die Gewerkschaft argumentiert, die heutigen Arbeitsbedingungen bei Swiss seien für den potenziellen Nachwuchs nicht mehr attraktiv, was sich in der sinkenden Zahl der Anmeldungen für die Pilotenausbildung zeige. Aeropers fordert in den GAV-Verhandlungen entsprechend bessere Löhne und planbare Erholungs- und Ferienzeiten.

«Für die Rekrutierung hilft die jetzige Situation sicher nicht»

Die Airline hingegen sieht den Personalmangel als natürliche Folge des starken Unternehmenswachstums der letzten Jahre. «Wir hinken mit der Ausbildung hinterher», sagt Sprecher Jean-Claude Donzel. Dass der Pilotenberuf bei der Swiss nicht mehr länger attraktiv sei, stimme nicht. «Für dieses Jahr verzeichnen wir eine grosse Zahl von Bewerbungen.» Die Anmeldungen für die Grundausbildung seien letzes Jahr zurückgegangen, weil der Bund seine Subventionen gestrichen habe. Bereits fertig ausgebildete Captains kann die Airline nicht einstellen – die Berufung erfolgt wie bei den meisten europäischen Fluggesellschaften nach der Anzahl der Anstellungsjahre.

Donzel will den Ausfall am Samstagabend nicht mit dem Streit um einen neuen GAV in Verbindung bringen. Vielmehr sei die Einsatzplanung bei 420 täglichen Flügen und in der Ferienzeit komplex, da könne es selten zu Ausfällen kommen. «Die jetzige Situation hilft aber sicher nicht», sagt Donzel. «Wir hätten gerne eine Entspannung.» Besorgte Fluggäste beruhigt Donzel: «Es ist ganz sicher nicht so, dass in den nächsten Monaten regelmässig Flüge ausfallen werden.»

Aeropers hat am Freitag bekannt gegeben, dass sie einen Vermittlungsvorschlag des Einigungsamtes des Kantons Zürich nicht akzeptiert. «Wir wollen, dass nicht mehr geplaudert und Zeit verloren wird», sagt Aeropers-Sprecher Thomas Steffen. «Wir wollen, dass unsere Forderungen umgesetzt werden.» Über einen Streik, den die Gewerkschaft als letztes Mittel angekündigt hat, will Steffen «noch nicht» reden. Aeropers werde in den nächsten Wochen entscheiden, wie es im GAV-Streit weitergeht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.06.2011, 13:21 Uhr

Cord Schellenberg ist Vize-Präsident des Luftfahrt-Presse-Clubs, eines Verbandes der deutschen Luftfahrt-Journalisten. Er arbeitet als Journalist, aber auch als Medienberater, unter anderem für den Hamburger Flughafen.

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