Angeschlagenes Blockchain-Start-up kann Anlegern Geld zurückzahlen

Nach dem Wirbel um Envion zeichnet sich deren Liquidation ab. Anleger sollen Geld erhalten.

Envion wollte Container bei Stromproduktionsanlagen aufstellen, um überschüssige Energie günstig zu nutzen. Foto: PD

Envion wollte Container bei Stromproduktionsanlagen aufstellen, um überschüssige Energie günstig zu nutzen. Foto: PD

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Selten liegen steiler Aufstieg und tiefer Fall so nahe beieinander. Ende 2017 startet das in Zug ansässige Blockchain-Start-up Envion furios: Innerhalb eines Monats sammelt es 100 Millionen Dollar. Es sollten Container produziert werden, die nahe bei Stromkraftwerken platziert und dort günstig überschüssige Energie nutzen, um Kryptowährungen zu schürfen. Envion verspricht eine sagenhafte Rendite von bis zu 161 Prozent. Pro Jahr. Mehr als 30000 Anleger folgen weltweit dem Lockruf, angestachelt durch den Hype um Kryptowährungen und Blockchain-Start-ups. Eine Welt, in der tatsächlich einige Leute schon viel Geld verdient, aber auch verloren haben.

Kaum ist das Kapital geäufnet, kommt es Mitte Januar zum ersten Streit zwischen Gründern und Geschäftsführung. Er eskaliert derart, dass das operative Geschäft stillsteht. Das technische Know-how liegt bei den Gründern, Geschäftsleitung sowie Verwaltungsrat führen die Buchhaltung und treffen relevante Entscheide. So blockieren sie sich gegenseitig. Die beiden Parteien werfen sich einerseits illegale Bereicherung und andererseits den Versuch einer feindlichen Firmenübernahme vor. Es kommt zu Klagen, auch von Anlegern. Im Sommer folgt der vorläufige Tiefpunkt: Die Finanzmarktaufsicht (Finma) übernimmt die Kontrolle. Und nun deutet vieles darauf hin, dass das vielversprechend gestartete Start-up bald liquidiert wird.

Anleger befürchten schon seit Monaten das Schlimmste. Ihre Anteile sind noch ein Bruchteil des ursprünglichen Verkaufspreises wert: Der Nennwert eines Anteils liegt bei einem Dollar. Laut Coinmarketcap.com wird ein Anteil derzeit für weniger als vier Cents gehandelt. In verschiedenen Ländern berichteten deshalb Medien von herben Verlusten. Tatsächlich verlieren jene Geld, die ihre Anteile zu einem schlechten Preis verkauft haben. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Wer immer noch Anteile besitzt, kann mit einer grösseren Rückzahlung rechnen.

Vorhandenes Vermögen

Wie verschiedene Quellen bestätigen, sind die einbezahlten Gelder noch weitgehend vorhanden. Bei der liechtensteinischen Privatbank Frick ist der grösste Teil in Dollar deponiert, bei Bitcoinsuisse befinden sich Kryptowährungen. Zusammen ergibt das aktuell einen Gegenwert von 50 Millionen Dollar. Um das Risiko eines Kurszerfalls zu reduzieren, wechselte Envion Kryptozahlungen in Dollar. Dieser Entscheid erweist sich aufgrund des Kurszerfalls in den vergangenen Monaten als Glücksfall für die Anleger.

Über weitere Werte verfügen die Gründer. Hier werden Zahlen zwischen 10 und 14 Millionen Dollar in Kryptowährungen genannt.

Envion ist ein Blockchain-Start-up. Die Blockchain ist eine Art dezentrale Datenbank, die neben Kryptowährungen vielerlei Handelsgeschäfte ermöglichen kann. Der Verkauf der Anteile – sogenannte Token – erfolgte über die Blockchain. Diese Platzierung wird Initial Coin Offering (ICO) genannt. Token können verschiedene Funktionen haben. Bei Envion war geplant, 75 Prozent des Gewinns an die Token-Inhaber auszuschütten.


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Mit dem ICO hat Envion 86 Millionen Token veräussert. Viele davon mit Rabatten. Bei einem Preis von durchschnittlich 80 Cents ist mit einem Volumen von 68 Millionen Dollar zu rechnen. Die Differenz zwischen Einzahlungen und vorhandenen Werten beträgt also rund 8 Millionen Dollar. Demnach können die Anleger davon ausgehen, dass ein grosser Teil ihrer Einlagen noch vorhanden ist. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte ist, dass es noch mehr Token gibt, deren Rechtsansprüche unklar sind. Zu den von Investoren gezeichneten Token sollten 5 Prozent an Envion selbst, 10 Prozent als Entschädigung an die Gründer und 2 Prozent im Rahmen eines Werbeprogramms an Blogger und weitere Personen gehen. Weitere 12,6 Millionen Token wurden im Rahmen eines Vorverkaufs mit grösseren Rabatten platziert. Die Geschäftsleitung wirft den Gründern vor, zusätzliche Token ohne Genehmigung geschaffen zu haben. Unbestritten ist: Dank vorteilhafter Kurse waren vorübergehend Werte von rund 100 Millionen Dollar vorhanden.

Nun droht Liquidation

Die Wirtschaftsprüfer PWC und BDP lehnten beide ab, als Revisionsstelle von Envion einzuspringen, weil sie nicht Zugang zu Daten des ICO erhielten. Ohne Daten lässt sich der Verdacht auf betrügerische Manipulationen nicht ausräumen. Die Gründer bestätigen, dass sie Daten zurückbehalten haben, um eine feindliche Übernahme durch die Geschäftsleitung zu verhindern.

Ohne Revisionsstelle entsteht ein Organmangel. So wäre die Platzierung der Token nur mit einer Banklizenz erlaubt. Der Verdacht auf eine fehlende Bewilligung ist auch der Grund, weshalb die Finma eingeschritten ist. Nun bleiben drei Optionen: Erstens eine Banklizenz beschaffen, was allein schon aufgrund des langwierigen Verfahrens unrealistisch ist. Zweitens eine Revisionsstelle einsetzen – die dafür notwendige Lösung der Blockade zeichnet sich allerdings nicht ab. Und drittens die Liquidation.

Das Zuger Handelsregisteramt ist aufgrund des Organmangels bereits beim Kantonsgericht Zug vorstellig geworden. Das Gericht setzte Envion eine Frist, um eine Revisionsstelle zu benennen. Diese ist am 13. September abgelaufen. Demnächst entscheidet das Gericht über die Liquidierung. Laut Auskunft von Behörden ist dies Formsache, wenn keine Lösung gefunden worden ist. Verstreicht eine weitere vierwöchige Frist ungenutzt, wird das Konkursamt Zug damit beauftragt, die Envion AG zu liquidieren. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 28.09.2018, 22:32 Uhr

Chronologie

15. Dezember 2017
Start des Initial Coin Offerings (ICO). Envion sammelt zum damaligen Kurs in einem Monat 100 Millionen US-Dollar.

17. Januar 2018
Während China-Reise und Verhandlungen mit möglichen Herstellern kommt es zum ersten Streit zwischen Geschäftsleiter Matthias Woestmann und den Gründern um Michael Luckow. Der Kontakt bricht für mehrere Tage ab. Woestmann nennt als Grund für das entstandene Misstrauen eine fragwürdige Finanztransaktion der Gründer.

27. Januar
Woestmann teilt den Gründern mit, dass er das Aktienkapital der Envion AG erhöht hat. Das war möglich, weil Woestmann zu diesem Zeitpunkt aufgrund einer vertraglichen Vereinbarung auch die Anteile der Gründer verwaltet. Die Zahl der Aktien erhöht er von 150000 auf 390000. Damit sinkt der Anteil der Gründer von 81 auf 31 Prozent. Woestmann rechtfertigt die Machtübernahme mit «Unregelmässigkeiten» beim Verkauf von Token an Investoren, was Luckow bis heute bestreitet. Pikant dabei: Mit Thomas van Aubel, einem Freund Woestmanns, erhält ein Wirtschaftsanwalt über 61 Prozent Anteile, der bereits in feindliche Firmenübernahmen (Balda, Q-Cells) involviert war.

21. Juni
Das Landgericht Berlin verbietet in einem Urteil Woestmann und van Aubel, Anteile von Envion an Dritte zu verkaufen. Zudem entscheidet es, dass Woestmann und van Aubel nur noch mit Zustimmung der Gründer massgebliche Geschäfte tätigen dürfen. Das Vorgehen im Zusammenhang mit der Kapitalerhöhung und der damit verbundenen Änderung der Mehrheitsverhältnisse kritisiert das Gericht in scharfen Worten als «sittenwidrig» und «besonders verwerflich». Woestmann und van Aubel fechten das Urteil an.

19. Juli
Die schweizerische Finanzmarktaufsicht (Finma) übernimmt die Kontrolle über Envion und setzt als Untersuchungsbeauftragten das Anwaltsbüro GHR ein. Die Finma will damit Anleger schützen und prüfen, ob Envion Bewilligungspflichten vernachlässigt hat. Die erwähnten Akteure stammen zwar alle aus Berlin. Der Firmensitz des Blockchain-Start-ups Envion befindet sich aber in Zug, weshalb die Finma zuständig ist.

13. September
Eine Frist des Kantonsgerichts Zug läuft ab. Es hatte die Envion AG aufgefordert, das Problem mit der fehlenden Revisionsstelle zu lösen.

«Was bleibt, ist ein Scherbenhaufen»

«Wer wenig hat, beginnt zu träumen – und Fehler zu machen», sagt ein Anleger, der nicht namentlich genannt werden will. Der heute 51-jährige IT-Fachmann lebte sechs Jahre in der Schweiz. Nach der Scheidung zog er nach Litauen. Er investierte 20000 Franken seiner Schweizer Ersparnisse in Token von Envion. Schon bald stellte er fest, dass Envion kritische Fragen unterdrückt. Im Juni wurde klar, dass das operative Geschäft blockiert ist. Nun engagiert er sich in einer Investorengruppe, welche die Verantwortlichen verklagen will. Was bleibt? «Ein Scherbenhaufen, belogene Investoren, die Erkenntnis, dass Kryptogeschäfte immer noch Wildwest sind, und die Hoffnung, dass Gerichtsverfahren endlich Klarheit bringen.» (ki)

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