Hintergrund

Argentiniens Verzweiflungstat

Die argentinische Regierung kämpft gegen den stärksten Währungszerfall der letzten zwölf Jahre. Die angekündigten Massnahmen wirken laut Ökonomen nur kurzfristig – bestenfalls.

Schlechte Aussichten für die argentinische Wirtschaft: Eine Frau geht in Buenos Aires an einer Wechselstube vorbei.

Schlechte Aussichten für die argentinische Wirtschaft: Eine Frau geht in Buenos Aires an einer Wechselstube vorbei. Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Überraschend hat die argentinische Regierung gestern angekündigt, ab Montag die Devisenkontrollen zu lockern. Die Massnahmen gaben Kabinettschef Jorge Capitanich und Wirtschaftsminister Axel Kiciloff bei einer Pressekonferenz bekannt. Ökonomen werten den Entscheid als Verzweiflungstat und als Anzeichen, dass sich die wirtschaftliche und finanzielle Lage im südamerikanischen Land rapide verschlechtert. Von Mittwoch auf Donnerstag war der argentinische Peso nach offiziellem Wechselkurs gegenüber dem amerikanischen Dollar zeitweise um 20 Prozent eingebrochen, was die Zentralbank zu Stützungskäufen im Umfang von 100 Millionen Dollar veranlasste. Noch nie seit dem Staatsbankrott 2002 hatte die einheimische Währung binnen so kurzer Zeit derart dramatisch an Wert verloren. Auf dem Schwarzmarkt kostete der Dollar kurzfristig gar über 13 argentinische Pesos, 63 Prozent mehr als gemäss offiziellem Kurs.

Die Jahresinflation übersteigt in Argentinien 25 Prozent, und das Vertrauen der Bevölkerung in die eigene Währung ist aufgrund traumatischer Erfahrungen in der Vergangenheit gering. Deshalb horten viele ihre Ersparnisse am liebsten in Dollar. Kurz nach ihrer Wiederwahl im Oktober 2011 begann Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, den drohenden Zerfall der einheimischen Währung durch Devisenkontrollen zu bekämpfen. Wer Dollar kaufen wollte, brauchte eine Bewilligung des Steueramtes, welche die Behörde nach undurchsichtigen Kriterien erteilte und oft ohne Begründung verweigerte. Da die Hürden für den Erwerb von Devisen ständig höher wurden, blieb der Bevölkerung nichts anderes übrig, als sich auf dem Schwarzmarkt einzudecken. Der so genannte Parallelkurs liegt heute dreimal höher als im Oktober 2011, während der offizielle Dollarkurs allein seit Jahresbeginn um 34 Prozent gestiegen ist. Die Devisenreserven der Zentralbank sind seit 2011 von 48 Milliarden Dollar auf 29 Milliarden geschmolzen, dem tiefsten Wert seit acht Jahren.

Importeure verkaufen nichts mehr

Um den Run auf Schwarzmarkt-Dollars zu bremsen, soll ab Montag der Erwerb von legalen Devisen für Privatpersonen erleichtert werden. Eine Bewilligung des Steueramtes braucht es aber nach wie vor. Ausserdem sinkt die Gebühr, welche die Regierung beim Kauf von Flugtickets oder bei der Bezahlung per Kreditkarte im Ausland erhebt, von 35 auf 20 Prozent. Die Massnahme wird den ohnehin bedrohlich tiefen Devisenbestand der Zentralbank weiter sinken lassen. Ausserdem befürchten Experten, dass die Computersysteme der Steuerbehörde unter dem Ansturm der an Dollar interessierten Kundschaft zusammenbrechen könnten. Die Währungsturbulenzen haben einige Importeure veranlasst, den Verkauf ihrer Produkte vorläufig auszusetzen. Im Moment sei es schlicht unmöglich, einen Preis in argentinischen Pesos festzulegen. Die Massnahme betrifft vor allem Autos, Medizinalgeräte und elektronische Haushaltsgeräte.

Die Mehrheit der Ökonomen ist sich einig, dass die gestern angekündigten Massnahmen bestenfalls kurzfristig wirken. Um Währungszerfall und Devisenschwund zu stoppen, müsste die Regierung Argentiniens das ökonomische Grundübel bekämpfen: Die Inflation. Dies bedingt allerdings, zunächst einmal deren Höhe anzuerkennen. Stattdessen wird das statistische Amt seit Jahren angewiesen, die Teuerung durch statistische Tricks und Manipulationen des Warenkorbs auf die Hälfte hinunterzurechnen. Ohne drastische Zügelung der expansiven staatlichen Ausgabenpolitik, die das Budgetdefizit auf 6 Prozent des Bruttoinlandproduktes hochgetrieben hat, ist die Inflation wohl nicht mehr in den Griff zu bekommen. Die sich gegenwärtig vollziehende Abwertung des argentinischen Pesos wird sie wegen der Verteuerung von Importgütern zunächst sogar noch anheizen.

«Das Konsumfest ist zu Ende»

«Solange Eigentumsrechte missachtet und die Spielregeln immer wieder willkürlich geändert werden, solange Unsicherheit herrscht, welche Massnahme die Regierung morgen trifft, ist es unmöglich, das Misstrauen in den argentinischen Peso zu überwinden», schreibt ein Kommentator der angesehenen Zeitung «La Nación.» Und fügt hinzu: «Das Konsumfest ist zu Ende. Es ist der Moment gekommen, um die Rechnung zu bezahlen. Und wie immer beim Zerfall eines populistischen Systems wird sie an den Lohnempfängern hängen bleiben.»

Die massiven Währungsturbulenzen in Argentinien wirkten sich vor allem auf den spanischen Börsenindex Ibex aus, in dem mehrere im südamerikanischen Land tätigen Konzerne schwergewichtig quotiert sind – etwa die Bank Santander oder das Telekomunternehmen Telefónica. Der Ibex verlor gestern 3.6%.

Neben dem argentinischen Peso stehen auch andere Währungen sowie Aktien von Schwellenländern unter Druck, was gestern an den Weltbörsen zu teilweise deutlichen Kursverlusten führte. Die Entwicklung setzte bereits im vergangenen Sommer ein, als die Marktteilnehmer erwarteten, die amerikanische Zentralbank werde ihre Käufe von Staatsanleihen zurückfahren. Die Aussicht auf höhere Zinsen liess damals Kapital von den aufstrebenden Märkten in die Vereinigten Staaten fliessen. Laut einer Analyse der Zeitung «Finanz und Wirtschaft» haben die gestrigen Einbrüche allerdings weniger mit steigenden Langfristzinsen zu tun, als vielmehr mit der abnehmenden Risikotoleranz der Investoren.

Erstellt: 25.01.2014, 11:39 Uhr

Artikel zum Thema

Kirchners Argentinien missfällt Nachfahren von Schweizern

Viele Schweizstämmige bewirtschaften in Argentinien noch heute dasselbe Land wie ihre Vorfahren. Mit der Umverteilungspolitik der Präsidentin haben sie ihre Mühe. Mehr...

Streikt die Polizei, kommen die Plünderer

Argentinien wird von sozialen Unruhen erschüttert. Zum Entsetzen der Öffentlichkeit versuchen Polizisten, durch Erpressung höhere Löhne durchzusetzen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...