Auch Fiat Chrysler hat Abgase manipuliert

Die US-Umweltbehörde ermittelt gegen den Konzern wegen Betrugsverdachts. Über 100'000 Fahrzeuge sind betroffen.

Wie viele Modelle betroffen sind, ist unklar: Fiat-Werk in Ohio. Foto: Ty Wright (Bloomberg)

Wie viele Modelle betroffen sind, ist unklar: Fiat-Werk in Ohio. Foto: Ty Wright (Bloomberg)

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Die diebische Freude war Sergio Marchionne anzusehen, als er vor genau einem Jahr eine Presserunde auf der Detroiter Automesse dazu nutzte, um ordentlich über die Kollegen von Volkswagen herzuziehen. Mit seinen Betrügereien beim Abgasausstoss habe der VW-Konzern das Vertrauen der Kunden in Dieselmotoren geradezu «zerhämmert», sagte der wortgewaltige Chef des italienisch-amerikanischen Autobauers Fiat Chrysler (FCA), der seit Jahren mit der Volkswagen-Spitze im Clinch liegt. Schuld an dem Schlamassel sei aber nicht die Antriebstechnik. Schuld seien diejenigen, «die die Regeln nicht einhalten».

Seit diesem Donnerstagabend besteht der begründete Verdacht, dass Marchionnes eigenes Unternehmen zur selben Kategorie gehört wie VW. Nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA sind in FCA-Dieselfahrzeugen Steuergeräte entdeckt worden, die dafür sorgen, dass die Wagen deutlich zu hohe Mengen an Stickoxiden ausstossen. Die EPA und ihr kalifornisches Pendant Carb haben deshalb ein formelles Ermittlungsverfahren gegen den Konzern eingeleitet. FCA drohen demnach ebenfalls Schadenersatzzahlungen und Geldstrafen – bei VW sind bislang rund 22 Milliarden Dollar zusammengekommen.

Ein «schwerer Verstoss»

Betroffen sind rund 104 000 SUV und Pick-ups vom Typ Jeep Grand Cherokee und Dodge Ram 1500 mit 3-Liter-Dieselmotoren. Laut EPA wurden in den Autos mindestens acht Abgassteuergeräte, sogenannte AECD, entdeckt, deren Existenz FCA verschwiegen hatte. Der Einbau solcher AECD ist nicht grundsätzlich verboten. Er kann vielmehr verhindern, dass in extremen Situationen, etwa an steilen Bergen, der Motor durch die auf Hochtouren laufende Abgasreinigung beschädigt wird. Für einen kurzen Moment sind dann überhöhte Schadstoffemissionen erlaubt. Die Verwendung der Geräte und der zugrunde liegenden Software muss einzeln beantragt und genehmigt werden. Passiert das nicht, können EPA und Carb eine AECD als «defeat device», also als Betrugssoftware, einstufen. Exakt das war bei VW passiert.

EPA-Vizechefin Cynthia Giles warf FCA einen «schweren Verstoss» gegen die Umweltgesetze der USA vor. Der Konzern müsse jetzt darlegen, wozu er die Steuergeräte eingebaut habe und warum es sich nicht um eine verbotene Abschaltvorrichtung handle. «Bis heute ist das FCA nicht gelungen», sagte Giles. Um welchen Wert die AECD den Stick­oxidausstoss der Wagen erhöhten, wird den Angaben zufolge noch untersucht. Bisher wurden nur die Modelljahre 2014 bis 2016 überprüft. Es ist also denkbar, dass sich die Zahl der betroffenen PKW noch erhöhen wird. Vorangegangen war bereits ein Streit zwischen Fiat und dem deutschen Kraftfahrtbundesamt (KBA). Das KBA hatte dem Konzern vorgeworfen, in Dieselfahrzeugen verbotene Abschalteinrichtungen eingebaut zu haben. Zuletzt bekam FCA jedoch Schützenhilfe aus der italienischen Politik: Das Transportministerium in Rom erklärt, es gebe bei Fiat dafür «keine Anhaltspunkte».

Die gestern erhobenen Vorwürfe der EPA wies FCA zurück. Man sei «enttäuscht» über das Vorgehen der Behörde, erklärte das Unternehmen, das jetzt offenbar auf den neuen US-Präsidenten und Klimawandelskeptiker Donald Trump setzt: FCA, so hiess es, werde im Sinne einer raschen Lösung mit den Behörden kooperieren – nach dem Regierungswechsel.

Bei Fiat Chrysler Automobiles Switzerland konnte am Donnerstagabend niemand Angaben zur angeblich eingebauten Software machen. Vom Jeep Grand Cherokee wurden in der Schweiz seit 2014 knapp 4000 Stück verkauft. Wie viele davon mit einem Dieselmotor betrieben werden, geht aus der Statistik des Branchenverbands Auto-Schweiz nicht hervor. Fahrzeuge der Marke Dodge tauchen in der Statistik nicht namentlich auf.

Die Aktie von Fiat Chrysler stürzte nach Bekanntwerden der Vorwürfe zeitweise um bis zu 18 Prozent ab.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2017, 22:25 Uhr

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