Porträt

Auch die CS verpflichtet eine Star-Ökonomin

Wissenschaftlerin Iris Bohnet und der ehemalige Seco-Chef Jean-Daniel Gerber sollen in den Verwaltungsrat der Credit Suisse. Für die Grossbank ist es ein doppelter Coup – für die Beteiligten aber eine Gratwanderung.

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Wissenschaftliches Prestige steht keinem Unternehmen schlecht an – erst recht, wenn es in weiblicher Form und optisch attraktiv daherkommt. Dies hat nun auch die Schweizer Finanzindustrie realisiert. Nach Jahren der männlichen Dominanz auf der Teppichetage zeichnet sich dort ein Kulturwandel ab.

Den Anfang machte die UBS: Sie durfte im Februar den Zuzug von Beatrice Weder di Mauro in ihren Verwaltungsrat bekannt geben. Zusammen mit der Anwältin Isabelle Romy soll die Schweizer Ökonomin frischen Wind ins Gremium bringen. Die Ankündigung der UBS hinterliess einiges Echo, viele Medien lobten die Grossbank für den Schritt. Nun zieht die Credit Suisse offensichtlich nach – und schlägt die Ökonomin Iris Bohnet als neues Verwaltungsratsmitglied vor. An der Generalversammlung vom 27. April sollen die Aktionäre sie ins Aufsichtsgremium wählen.

Die bevorstehende Explosion

Der Streich der CS steht demjenigen der UBS in keiner Hinsicht nach: Gilt Weder di Mauro als einflussreiche Ökonomin in Deutschland, so spielt Bohnet in der Champions League der amerikanischen Ökonomen ganz vorne mit. Bohnet besetzt an der Kennedy School der Universität Harvard den Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik. Dass sich die Credit Suisse eine solche Persönlichkeit geangelt hat, hält Ökonomin Sita Mazumder für einen klugen Schritt: «Der Markt an Frauen, die in der Schweizer Wirtschaft oder Wissenschaft Karriere gemacht haben, ist noch nicht gross, aber am wachsen.» Die Luzerner Forscherin wundert sich, dass Banken nicht schon früher mit der Rekrutierung von Frauen für ihre Führungsgremien begonnen haben.

Auch für den Wirtschaftsprofessor Bruno S. Frey ist Bohnets Berufung ein Erfolg. Sogar einer aus persönlicher Sicht: Bohnet war in den Neunzigerjahren Assistentin an seinem Lehrstuhl an der Universität Zürich. Wie Frey selbst forscht auch Bohnet seither im Bereich von verhaltensökonomischen Fragen. In den USA veröffentlichte sie Arbeiten zur Entscheidungs- und Verhandlungstheorie, aber auch zur Geschlechtergleichstellung. Bei der Credit Suisse dürfte nicht nur dies, sondern auch ihre jüngste Arbeit auf Interesse gestossen sein: Sie trägt den Titel «Trust and Bargaining: How to Promote Trust in the Arab Middle East and in the United States».

Selbstsichere US-Frauen

Dass die Grossbank der Alleinkämpferin Noreen Doyle nun eine zweite Frau im Verwaltungsrat zur Seite stellen will, hält Frey für eine positive Entwicklung: «Die Schweiz hängt bei der Frauenvertretung in Unternehmen noch immer nach.» An Freys Lehrstuhl sind die Assistentinnen inzwischen in der Mehrzahl, auch der übergeordneten Wirtschaftsfakultät der Uni Zürich sind etwa 40 Prozent Frauen. «Es ist etwas am Explodieren», sagt Frey und zieht den Vergleich zur Frauenvertretung in der Politik. Lange hätten Frauen überhaupt nicht mitreden dürfen – heute zähle die Schweiz jedoch zu den fortschrittlichsten Ländern überhaupt.

Freys ehemalige Schülerin wuchs in Emmen auf und schloss ihr Ökonomiestudium 1997 ab. Danach reiste sie an die Universität von Berkeley in Kalifornien, bald fand sie in Harvard eine Stelle als Assistenzprofessorin. Bohnets Weg an der renommiertesten Universität der Welt führte steil nach oben; seit 2011 ist sie Dekanin der Wirtschaftsfakultät. Bohnets Lebenslauf ist mittlerweile sieben Seiten lang, über fünfzig wissenschaftliche Publikationen und zahlreiche Wissenschaftspreise sind darin aufgeführt. Die Zürcherin ist verheiratet und Mutter zweier Kinder.

Iris Bohnet ist also eine Fachkraft mit Schweizer Wurzeln und profunden Kenntnissen der USA. Da sie gleichzeitig eine Frau ist, stellt sie für die Credit Suisse also eine absolute Wunschkandidatin dar. Weniger wichtig scheint Frey, dass Bohnet kaum Berufserfahrung im Finanzgeschäft mitbringt: «Verwaltungsräte müssen eine breite Perspektive haben; Fachkräfte gibt es in der Bank bereits genug», sagt er. Seine ehemalige Assistentin beschreibt er als intelligent und durchsetzungsfähig – wobei sich letztere Eigenschaft erst in den USA so richtig ausgebildet hätte. «US-Frauen treten selbstsicherer auf als Schweizerinnen», sagt Frey. Das gesteigerte Durchsetzungsvermögen dürfte Bohnet auch im CS-Verwaltungsrat zugutekommen.

Ein Staatsdiener bei der Grossbank

Zusammen mit Bohnet soll ein weiterer Mann zur CS stossen, dessen Werdegang ausserhalb der Finanzindustrie liegt. Jean-Daniel Gerber, ehemaliger Direktor des Seco und seit kurzem Verwaltungsrat bei Lonza, wird den CS-Aktionären an der Generalversammlung ebenfalls zur Wahl vorgeschlagen. Weil gleichzeitig keiner der bisherigen Verwaltungsräte zurücktritt, würde das Gremium damit von 14 auf 16 Personen erweitert. Von ihnen stammen aktuell vier vom amerikanischen Kontinent, neun aus Europa und einer aus Arabien. Die Schweizer sind mit fünf Mitgliedern in der Minderheit.

Jean-Daniel Gerbers Zuzug sei vor diesem Hintergrund zu begrüssen, meint Rudolf Strahm. Der Ökonom und ehemalige Preisüberwacher attestiert der Grossbank aktuell wenig Sensibilität für die politischen Prozesse in der Schweiz. Umgekehrt profitiere auch die Öffentlichkeit: «Mit Jean-Daniel Gerber hat der Bund einen bekannten Ansprechpartner bei der Credit Suisse.» Bei der anstehenden Neuregulierung des Schweizer Finanzplatzes werde dieser Draht ins CS-Führungsgremium hilfreich sein, so Strahm.

Das Exempel Villiger

Gerbers neuer Job birgt indes auch Reputationsrisiken. Als loyaler Staatsdiener hat sich der ehemalige Seco-Chef einen ausgezeichneten Ruf erworben: 1973 begann Gerber als Schweizer Vertreter bei der WTO, später wurde er Diplomat in Washington, Exekutivdirektor bei der Weltbank und leitete das Bundesamt für Migration. «Gerber gilt als absolut kompetent und korrekt», sagt Rudolf Strahm in Einklang mit dem Wirtschaftsprofessor Bruno Frey. «Aber hat er in der Bank auch genügend Support, die öffentlichen Interessen bei der Credit Suisse zur Geltung zu bringen?»

Der Zürcher Wirtschaftsprofessor zweifelt seinerseits nicht daran, dass Gerber bei der Credit Suisse mit der nötigen Vehemenz auftreten wird. Dass Wechsel vom Bundes- zum Paradeplatz nicht immer glücklich verlaufen, zeigt allerdings das Beispiel von Kaspar Villiger. Als VR-Präsident der UBS erweckte der ehemalige Bundespräsident allzu oft den Eindruck, er lasse sich zu stark für die Interessen der Grossbank einspannen. «Villigers Glaubwürdigkeit ist angeschlagen», sagt Ökonom Rudolf Strahm heute. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.03.2012, 14:49 Uhr

Wahldividende für CS-Aktionäre

Die Credit Suisse schlägt an der Generalversammlung vom 27. April 2012 die beiden Schweizer Iris Bohnet und Jean-Daniel Gerber zur Wahl in den Verwaltungsrat für eine Amtsdauer von drei Jahren vor (siehe Text rechts). Die fünf bisherigen Mitglieder Walter B. Kielholz, Andreas N. Koopmann, Richard E. Thornburgh, John Tiner und VR-Präsident Urs Rohner werden ausserdem zur Wiederwahl vorgeschlagen, wie die Grossbank mitteilt.

Daneben beantragt der Verwaltungsrat auch die Erhöhung des genehmigten Kapitals, um die Ausgabe und Lieferung von maximal 50 Millionen neuen Namenaktien aus dem genehmigten Kapital an Aktionäre zu gewährleisten, die bei der beantragten Wahldividende den Bezug von Aktien wählen. Zudem soll Wandlungskapital im Umfang von höchstens 200 Millionen Aktien für die Ausgabe von weiteren verlustabsorbierenden Finanzmarktinstrumenten unter der Schweizer «Too big to fail»-Gesetzgebung geschaffen werden.

Wie bereits bekannt, soll für das Geschäftsjahr eine steuerfreie Ausschüttung in Höhe von 0,75 Fr. je Namenaktie nach Wahl entweder in Aktien oder in bar oder in einer Kombination davon (Wahldividende) ausgeschüttet werden. Der genaue Ausgabepreis soll am 8. Mai 2012 (vor Börsenbeginn) veröffentlicht werden.

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