Analyse

Auch die Kleinen zocken

Vasella, Dougan – sie sind die Buhmänner der Nation. Einzelfälle, sagen die Vertreter der Wirtschaft. Weit gefehlt: Millionengehälter sind längst die Regel.

Verdiente 2012 mehr als CS-Chef Brady Dougan: Ernst Tanner, Konzernchef bei Lindt & Sprüngli.


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Seit gestern wissen wir, dass Brady Dougan, Chef der Credit Suisse, für das vergangene Geschäftsjahr eine Gesamtvergütung von 7,77 Millionen Franken zugesprochen worden ist. Es waren auch schon mehr, 22 Millionen etwa im Jahr 2007. Da scheint sich so etwas wie Bescheidenheit bemerkbar zu machen.

Bescheidenheit? An die 47'400 Mitarbeitenden zahlt der Konzern insgesamt 11,6 Milliarden Franken an Löhnen aus. Im Durchschnitt sind das knapp 245'000 Franken. Mit andern Worten: Dougan wiegt so viel wie 32 durchschnittliche CS-Angestellte. Robert Shafir, zuständig für das Amerika-Geschäft, erhielt mit 10,6 Millionen Franken gar so viel wie 43 Durchschnittsleute der Bank. Müsste die CS die 1:12-Initiative der Jungsozialisten umsetzen, müssten sich Shafir und Dougan mit weniger als 3 Millionen Franken begnügen, wobei die Initiative nicht vom Durchschnitts-, sondern vom Tiefstlohn in einem Unternehmen ausgeht.

Erfolgreich sind nur die Chefs

Dougans Vergütung wurde im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel aufgestockt. Es sei ihm gelungen, das Unternehmen für die Zukunft zu positionieren, lautet die Begründung. Die Gesamtvergütung für die 47'000 Mitarbeitenden ging dagegen leicht zurück. Merke: Für die Erfolge sind allein die Chefs verantwortlich. Dougan hat sich längst den Ruf eines Oberabzockers erarbeitet. Er gehört zu jener Gilde, von der sich selbst Freisinnige und Vertreter von Economiesuisse zu distanzieren pflegen – mit der Einschränkung, er sei sein Einzelfall. Noch nicht gesagt haben sie uns, wie viele Einzelfälle es braucht, bis der Einzelfall kein Einzelfall mehr ist.

Da ist Ernst Tanner. Wer möchte etwas Negatives sagen über den sympathischen, eloquenten und vor allem erfolgreichen Chef des süssesten aller Schweizer Unternehmen – Lindt & Sprüngli? Mit 6,9 Millionen Franken liess sich der Mann für das vergangene Jahr entgelten. Rechnet man die Wertschriften statt zum Steuer- zum Marktwert, sind es gar über 9 Millionen Franken. Faktisch verdiente Tanner im letzten Jahr also mehr als Dougan. Die Grossverdiener pflegen zur Rechtfertigung ihrer Vergütung auf die Grösse und Komplexität der von ihnen geführten Unternehmen hinzuweisen. Gemessen an der Bilanzsumme ist Lindt & Sprüngli (2,6 Milliarden Franken) neben der Credit Suisse (924 Milliarden) ein Klacks. Der Schokoladehersteller hat 8157 Vollzeitstellen, die Credit Suisse sechsmal mehr. Und doch verdient der kleine Tanner mehr als der grosse Dougan.

Da ist auch Monika Ribar, die Frau, die in einer anspruchsvollen Branche in wirtschaftlich garstigen Zeiten den Logistikkonzern Panalpina führen muss. Mit einem Verlust von 70 Millionen Franken war das vergangene Jahr ein Debakel. Die Aktie ist auf Tauchgang. Dafür wurde die Chefin wohl mit einer mehr als halbierten Vergütung bestraft, erhielt aber immer noch eine knappe Million. Auch hier gibt es einen Merksatz: Manager von börsenkotierten Schweizer Gesellschaften – nicht nur Banker – haben auch in desaströsen Jahren ihre Million auf sicher.

Es wimmelt von Einzelfällen

Panalpina und Lindt & Sprüngli zählen zu den mittelgrossen Gesellschaften an der Schweizer Börse. Zwei Einzelfälle. Man kann in diesem Segment Banken herauspicken – etwa Vontobel oder EFG International. Beide zahlen ihren Konzernchefs über 3 Millionen Franken. Zwei Einzelfälle. Man kann die Höchstvergütungen der Versicherer Baloise (2,4 Millionen) oder Helvetia (1,4 Millionen) nehmen. Zwei Einzelfälle. Es gibt ferner die Einzelfälle Kaba (1,9 Millionen) oder Implenia (1,6 Millionen). Und es gibt die Kleinen unter den ganz Grossen: Clariant, Barry Callebaut, OC Oerlikon oder Schindler. Ihre Chefs verdienen zwischen 4 und 6 Millionen Franken. Längst surfen auch die mittelgrossen Unternehmen im Land im Windschatten der ganz Grossen. Es gibt sie nicht, die Einzelfälle. Millionengagen sind die Regel, nicht die Ausnahme. Wenn das der aufbegehrende Mittelstand erst realisiert, können die Jungsozialisten den Prosecco kühl stellen.

Erstellt: 23.03.2013, 09:40 Uhr

Name Firma Betrag (Mio. CHF)

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