Audi stellt mit Windstrom Gas her

Der Autoproduzent speichert erneuerbare Energie. Und fördert den Absatz von gasbetriebenen Autos.

Sucht nach Möglichkeiten, Gasfahrzeuge umweltfreundlich und kostengünstig zu betreiben: Automobilhersteller Audi. Foto: Reuters

Sucht nach Möglichkeiten, Gasfahrzeuge umweltfreundlich und kostengünstig zu betreiben: Automobilhersteller Audi. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Noch fahren erst wenige gasbetriebene Autos auf unseren Strassen. Wenn es nach der Gaswirtschaft und der Automobilindustrie geht, wird sich das ändern. Beide Branchen suchen nach Möglichkeiten, Gasfahrzeuge umweltfreundlich und kostengünstig zu betreiben. Sie sind überzeugt, dass ihnen die Energiewende dabei hilft.

Der deutsche Automobilhersteller Audi betreibt in Werlte im Bundesland Niedersachsen eine Pilotanlage für die Herstellung von Methangas mit Windstrom. Methan ist der Hauptbestandteil von Erdgas. Künstlich gewonnen wird es mit dem Elektrolyseverfahren unter nachträglicher Zugabe von CO2.

In der Pilotanlage in Werlte werden die Wassermoleküle mit der chemischen Formel H20 in Wasserstoff H und Sauerstoff O aufgespalten. Der Sauerstoff wird an die Luft abgegeben. Der Wasserstoff wird in die Methanisierungsanlage geleitet. Dort wird ihm CO2 aus einer Biogasanlage zugeführt. Es entsteht Methan, das ins öffentliche Gasnetz eingespeist wird.

Günstige Ökobilanz

Gemäss den Berechnungen von Hermann Pengg, dem Projektleiter der Audi-Anlage in Werlt, sinkt die CO2-Belastung eines Autos so gegenüber einem Benzinauto auf weniger als ein Drittel. Dabei berücksichtigt er die Gesamtbelastung von der Herstellung des Autos über die Produktion des Brennstoffs bis zu dessen Verbrauch. Die Ökobilanz falle deshalb günstig aus, weil das Methan mit CO2 aus Bioabfällen und überschüssigem Windstrom produziert werde, sagt Pengg anlässlich einer Besichtigungstour mit Schweizer Journalisten und Vertretern des Verbands der Schweizer Gasindustrie. Die Umwandlung von nicht speicherbarem Ökostrom in speicherbares Gas diene der Energiewende. Das ins Netz eingespeiste Methan könne neben Gasfahrzeugen auch in Gasheizungen und Gaskraftwerken verwendet werden.

Dank der riesigen Speicher- und Durchleitungsmöglichkeiten im deutschen Gasnetz könnte das Grundproblem der deutschen Energiewende gelöst werden: die Diskrepanz zwischen dem Stromüberschuss im Norden und der Stromknappheit im Süden des Landes. Der Bau neuer Hochspannungsleitungen für den Stromtransport stosse auf ­Widerstand und dauere viele Jahre. Aus Windstrom hergestelltes Methan könne dagegen problemlos durch die bestehenden Gasleitungen nach Süden trans­portiert werden.

Pengg geht davon aus, dass in einigen Jahren in Norddeutschland sehr viele Methanisierungsanlagen stehen werden – allerdings nur dann, wenn die Abgaben für das Stromnetz abgebaut werden. Die Audi-Anlage kauft heute Windstrom, wenn der Preis an der Strombörse unter 3 Cent pro Kilowattstunde liegt. Dazu kommt die Ökostromabgabe gemäss dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) von 6,24 Cent. Zusammen mit weiteren Abgaben kostet 1 Kilowattstunde 20 Cent (umgerechnet 25 Rappen). Bei diesem Preis kann das Methan laut Pengg nicht kostendeckend produziert werden. Bei einem Wegfall der EEG-Abgabe würde die Gewinnschwelle erreicht. Pengg verweist auf die paradoxe Situation, dass die EEG auf der einen Seite die Produktion von Windstrom subventioniert und auf der anderen Seite die Speicherung ­unrentabel macht.

Versuche auch in der Schweiz

Auch in der Schweiz sind Politik, Forschung und Gaswirtschaft an Power to Gas interessiert. Der grünliberale Thurgauer Nationalrat Thomas Böhni fordert in einer Motion den raschen Ausbau dieser Technologie. Swissgas ist an einer Pilotanlage in Falkenhagen im deutschen Bundesland Brandenburg beteiligt. Diese speist seit letztem August mit Ökostrom hergestellten Wasserstoff ins öffentliche Gasnetz ein. Das Haushalt- und Industriegas darf bis zu 2 Prozent Wasserstoff enthalten. Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich und die Energie 3600 AG (ehemals Erdgas Zürich AG) machen bei der Methanisierungsanlage Electrochaea in Dänemark mit. In der Aarmatt in Zuchwil SO läuft ebenfalls ein Projekt für die Herstellung von Methan aus Wind- und Solarstrom.

Besonders engagiert bei der Erforschung sind neben der Empa und der ETH die Fachhochschulen Nordwestschweiz und Rapperswil. Bei letzterer sind bereits mehrere Arbeiten zu diesem Thema verfasst worden.

«Es ist wichtig, dass wir bei der Entwicklung dieser Technologie dabei sind und Erfahrungen sammeln können», sagt Peter Graf, Energiespezialist bei den St. Galler Stadtwerken. Er hofft, dass in den kommenden Jahren weitere Pilotprojekte starten werden. Effektiv benötigt werde die Power-to-Gas-Technik in der Schweiz aber erst in fünfzehn bis zwanzig Jahren. Heute gebe es in der Schweiz noch keinen Überfluss an Ökostrom. Zudem verfüge die Schweiz im Gegensatz zu Norddeutschland über Wasserkraftwerke und insbesondere grosse Pumpspeicherwerke, welche die Schwankungen im Stromangebot ausgleichen könnten. Allerdings werde es für die Schweiz möglicherweise interessant sein, künstlich hergestelltes Methan aus Nordeuropa zu beziehen.

2000-Watt-Ziel erreichbar

Laut Graf zeigt das Energiekonzept der Stadt St. Gallen auf, dass es dank der Methanisierung von Ökostrom bis 2050 gelingen werde, die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft und der 1-Tonnen-CO2-Gesellschaft (maximal 1 Tonne CO2 pro Person jährlich) zu erreichen. Die wichtigsten Beiträge stammen laut Graf aus der wärmetechnischen Sanierung der Gebäude sowie dem Einsatz von Hybridfahrzeugen mit einem Elektro- und einem Gasmotor.

Erstellt: 30.05.2014, 02:58 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Wollen Sie einen echten Cyborg treffen?

Ihnen gehen Technik und Innovation unter die Haut? Gewinnen Sie 2x2 VIP-Tickets für die Volvo Art Session.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...