Analyse

Auf Monika Rühl wartet eine Herkulesaufgabe

Economiesuisse steht vor zwei zentralen Herausforderungen: Ein neues Vertrauensverhältnis zur Politik aufzubauen und die Reputation in der Öffentlichkeit zu verbessern.

Kann die Kluft zwischen Wirtschaft und Gesellschaft wieder verkleinert werden?: Monika Rühl steht vor grossen Herausforderungen.

Kann die Kluft zwischen Wirtschaft und Gesellschaft wieder verkleinert werden?: Monika Rühl steht vor grossen Herausforderungen. Bild: Keystone

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Eine Frau soll es also richten. Die 50-jährige Karrierebeamtin Monika Rühl dürfte heute zur neuen Direktorin des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse gewählt werden. Auf sie wartet eine Herkulesaufgabe, bei der es indes weniger auf Kraft als vielmehr auf Ausdauer, Beharrlichkeit und Agilität ankommt. Im Kern steht Economiesuisse vor zwei zentralen Herausforderungen. Der Verband muss zum einen sein Verhältnis zur Politik entkrampfen und auf eine neue Vertrauensgrundlage stellen. Zum andern muss er Glaubwürdigkeit in breiten Bevölkerungskreisen zurückgewinnen und sein Image als Fürsprecher der hiesigen Wirtschaftselite abstreifen.

Beides ist miteinander verwoben. Dass Economiesuisse in der Öffentlichkeit als Hort der «Abzocker» wahrgenommen wird – Daniel Vasella sass bis Anfang letzten Jahres im Vorstand –, hat auf Bundesbern abgefärbt und zu Absetzbewegungen bis weit in bürgerliche Kreise geführt. Umgekehrt läuft es ähnlich: Die Chancen des Wirtschaftsverbandes auf mehr Verständigung und Verständnis in der Politik stehen günstiger, wenn er seine Agenda verstärkt auf die Wahrung des gesamtwirtschaftlichen Wohlstands ausrichtet – auch wenn dies zu Konflikten mit Partikularinteressen führt, etwa in der Frage der Parallelimporte.

Geschlosseneres Auftreten

Als Mittlerin oder Vermittlerin zwischen Politik und Wirtschaft bringt Monika Rühl gute Voraussetzungen mit. Sie kennt den Pulsschlag auf beiden Seiten, hat sie doch in ihrer jetzigen Funktion als Generalsekretärin im Wirtschaftsdepartement unter anderem regelmässig Delegationen mit Unternehmensführern für Auslandsreisen mitorganisiert und diese begleitet. Doch wird die nominierte Economiesuisse-Direktorin ein neues Klima des Vertrauens und Respekts mit Regierung und Parlament nicht im Alleingang herbeiführen können.

Dazu bedarf es zuerst grösserer Geschlossenheit im Dachverband: Banken – sie selbst sind in vielen wichtigen Fragen uneins –, Pharma und Industrie als die tragenden Pfeiler unserer Wirtschaft müssen sich auf einen Grundkonsens verständigen, wie sich die Schweiz in einem sich rasant wandelnden globalen Konkurrenzumfeld positionieren soll. Dass Pharma- und Industrieexponenten wegen interner Meinungsverschiedenheiten die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Indien erschweren, wirft ein ungünstiges Licht auf jene Institution, die für sich reklamiert, Sprachrohr der Wirtschaft zu sein.

Als noch schwieriger und langwieriger dürfte sich für Rühl und Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer das Knacken der zweiten Nuss erweisen: Die Reputation des Wirtschaftsverbandes in der Öffentlichkeit zu verbessern. Worauf es dabei ankommt, hat Urs Berger, Präsident des Schweizerischen Versicherungsverbandes und Mitglied des Economiesuisse-Vorstands, im August in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» treffend beschrieben: «Wenn wir die Wirtschaftsfreiheiten haben wollen, müssen wir Firmen auch Verantwortung übernehmen. Hand bieten, die Löhne und Boni von uns aus runterzunehmen. Freiheit und Verantwortung heisst, Mass zu halten. Das muss man in der Öffentlichkeit spüren.» Um dann ernüchtert hinzuzufügen: «Ich sehe am Horizont leider nichts davon.»

Weiter wie bisher geht bei Economiesuisse nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn sich der Verband darauf kapriziert, ordnungspolitisches Gewissen der Nation zu sein. Er dringt damit nicht mehr durch. Nicht weil die Schweizerinnen und Schweizer überwiegend eine Abkehr von unserem liberalen Wirtschaftssystem wünschen, das so entscheidend zum Wohlstand hierzulande beigetragen hat. Aber die Menschen haben ein feines Gespür dafür, wenn es nicht mehr fair und anständig in diesem Wirtschaftssystem zu- und hergeht.

Vergiftetes Klima

Die Rettung der UBS durch die Steuerzahler, die fortwährende Zahlung millionenschwerer Boni durch diese und andere Banken und die Selbstbedienungsmentalität bei Managerbezügen, die sich in anderen börsenkotierten Unternehmen breitmachte, hat das politische Klima in einem nicht für möglich gehaltenen Masse vergiftet. Und wie kann man breites Verständnis erwarten – um ein Beispiel aus jüngster Zeit zu nehmen –, wenn die UBS den Topf für künftige Bonuszahlungen aufstockt in Erwartung besserer Zeiten, gleichzeitig aber bis 2017 keine Gewinnsteuern in Stadt und Kanton Zürich bezahlen wird?

Offen bleibt damit die Frage, wie es Economiesuisse trotz der erhitzten Gemüter gelingen mag, die Kluft zwischen Wirtschaft und Gesellschaft zu verkleinern. Ein Ansatzpunkt wäre, dass sich der Verband stärker jenen Fragen zuwendet, die für den sozialen Konsens und Zusammenhalt entscheidend sind. Dazu gehört insbesondere die Chancengerechtigkeit in Zeiten wachsender Einkommensdisparitäten.

Zugegeben, in der näheren und weiteren Nachbarschaft zeigt sich dieses Problem in weitaus grösserer Schärfe als bei uns. Aber auch im Schweizer Mittelstand machen sich Ängste vor Kaufkraftverlust und sozialem Abstieg breit. Mit dem «Primat des Ökonomischen» und der reinen ordnungspolitischen Lehre allein lässt sich gegen so tiefsitzendes Unbehagen nicht ankommen. Ob mit Monika Rühl ein Umdenken bei Economiesuisse Einzug hält?

Erstellt: 21.02.2014, 08:46 Uhr

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Heinz Karrer

Der frühere Chef des Stromkonzerns Axpo ist seit Ende August 2013 Präsident von Economiesuisse. (Bild: Esther Michel)

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