Der letzte Schweizer Velorahmen-Löter

Cilo, Mondia, Allegro – und jetzt auch Villiger: Traditionelle Schweizer Velomarken verschwinden nach und nach vom Markt. Was ist das Problem?

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Schrott. Das Wort verwendet Arnold Ramel gerne und oft, wenn er über Fahr­räder und das Geschäft damit spricht. Es ist vielleicht sogar die einzige Konstante in einem Markt, der in den vergangenen Jahren wiederholt über den Haufen geworfen wurde. «Immer schon», sagt Ramel, Besitzer von Aarios im solothurnischen Gretzenbach, unweit des Atomkraftwerks Gösgen, «immer schon wurde absoluter Schrott verkauft.»

Arnold Ramel ist ein Chef, der seine Fabrik von innen kennt. Seine Hände verraten es, sie werden auch nach x-mal Waschen nicht ganz sauber. Er sitzt im kleinen Pausenraum von Aarios, einer Fabrik für handgebaute Fahrräder. Grüne Plastikstühle, hellbraune Kaffeebecher, ein Jassteppich und einige Branchenmagazine auf dem Tisch. «Dir müesst wüsse . . .», beginnt Ramel, ein kleiner Mann mit wachen Augen, viele seiner Sätze.

Und jetzt auch noch Villiger

«Dir müesst wüsse»: 50 Franken kostete in den 70er-Jahren ein importiertes Velo. Schon damals galt: Was nichts kostet, ist nichts wert – «Schrott». Der Schweizer galt als qualitätsbewusst, er fuhr auf Allegro oder Mondia. Marken, die nicht überlebt haben. Verkauft, in Konkurs gegangen, vom Markt genommen. Das jüngste Beispiel: Villiger. Der US-Besitzer Trek gab vor kurzem bekannt, die Marke nicht mehr weiterzuführen. Das letzte Rad der Marke Cilo wurde vor mehr als 10 Jahren montiert, Allegro, Alpina, Condor oder Tigra verschwanden schon zuvor. Ende 2013 musste Mondia Konkurs anmelden. Nicht zum ersten, aber wohl zum letzten Mal. Mit mehr als 20 000 Rädern pro Jahr war Mondia einst mit Abstand grösste Veloherstellerin der Schweiz.

Eine der guten alten Schweizer Firmen, die überlebt hat, ist die Komenda in St. Gallen. Mit 12 000 Fahrrädern pro Jahr gehört sie zu den Grossen im Schweizer Geschäft. Alexandra Komenda (42) führt die Geschicke der Firma gemeinsam mit ihrem Mann Dirk in vierter Generation. Sie übernahm den Betrieb 2005 von ihren Vater – und führt 116 Jahre Geschichte weiter. Alexandra Komendas Urgrossvater Matthias eröffnete 1898 als Vertreter der Marke Helvetia in St. Gallen einen Veloladen. 1936 baute sein Sohn Max eine Rahmenfabrik, in der die Eigenmarke Mako produziert wurde. Unter anderem fertigte Komenda 1942 im Auftrag der Armee 1000 Ordonanzräder. 1973 ersetzte Cresta die Marke Mako.

Alles, von Schrott bis Hightech

Die Preisspanne bei den Fahrrädern ist auch heute noch enorm: Für 200 Franken gibt es bei Baumärkten und Grossverteilern Velos. Voll gefederte Montainbikes, Zeitfahrmaschinen oder ultra­leichte Rennräder aus Karbon kosten auch einmal über 10 000 Franken. Das teuerste Rad von Aarios kostet 7000 Franken – erstaunlich ist eher der Preis für das günstigste: 1300 Franken.

Im vergangenen Jahr wurden in der Schweiz 330 313 Fahrräder verkauft, 49 362 davon E-Bikes. Der Branchenverband Velosuisse schätzt, dass die Branche jährlich 900 Millionen Franken ­umsetzt, rund die Hälfte davon entfällt auf Neuverkäufe. Die Zahlen seien relativ stabil, sagt Roland Fuchs von Velo­suisse. Dass Leute grundsätzlich mehr Geld für Velos ausgeben sei jedoch ein Trugschluss, sagt Fuchs: Mit der Einführung der E-Bikes sei zwar der Durchschnittspreis pro Velo nach oben geschnellt (auf circa 1300 Franken) – es gelten in dieser Sparte aber auch ganz neue Anforderungen.

Eine Idee aus Krisenzeiten

Velos sollte man bauen. Das sagte Arnold Ramel während der ersten Erdölkrise 1973 zu einem Kollegen. Er sagte es mehr aus Blödsinn – die Idee liess ihn, den Verkaufsleiter der Schuhfabrik Bally im nahen Schönenwerd, dennoch nicht mehr los. 1976 kaufte er die Velofabrik Aarios, einen Betrieb, dessen Geschichte bis ins Jahr 1930 zurückreicht. Eine Bank, die ihm die Übernahme finanzieren wollte, fand er nicht. Stattdessen musste er «die Hosen ganz weit herunterlassen».

Damals, vor 38 Jahren, löteten sie bei Aarios noch gewöhnliche Stahlrohre zu Rahmen zusammen, 300 bis 400 Franken kostete so ein Rad. Heute sind es hochwertige Chrom-Molybdän-Rohre aus Italien: Wandstärke an den Enden 0,9, dazwischen 0,6 Millimeter, ein Material aus dem Flugzeugbau. 1500 Velos fertigen die 15 Mitarbeiter pro Jahr, alle Rahmen werden in Gretzenbach von Hand gelötet, pulverbeschichtet und ­zusammengebaut. Damit ist Aarios der letzte Schweizer Veloproduzent, der eine «anständige Stückzahl» von Rahmen tatsächlich hierzulande herstellt. Es gibt noch einige Nischenproduzenten, die Grossen in der Schweiz hingegen importieren ihre Rahmen schon lange aus Taiwan – seit Anfang der 80er-Jahre. Dass die einfach Swiss Made auf ihre Räder schreiben dürfen, ärgert Ramel. Immerhin sei doch der Rahmen das Zentrale an einem Velo. Die Importrahmen kosteten zum Teil 15 Franken im Einkauf, sagt Ramel – und hat Beweise: falsch adressierte Rechnungen, die bei ihm statt bei der Konkurrenz landeten.

Hoffen auf die E-Mountainbikes

Auch Komenda gab die Produktion eigener Rahmen schon lange auf und kauft diese seit Anfang der 90er-Jahre in Taiwan ein. Ein Grossteil davon ist aus Aluminium, Stahl stehe aber vor einem Revival, sagt Alexandra Komenda. Swiss Made seien die Fahrräder allemal: Design, Engineering, Lackierung, Assemblierung, das alles geschehe in der Schweiz. Cresta hält sich im Markt; das Elektrobike aus der Produktion in Sirnach etwa schwang in den letzten beiden Tests des «Kassensturzes» obenauf. Das ist enorm verkaufsfördernd. Inzwischen machen die E-Velos 40 Prozent der Verkäufe bei Komenda aus. In der Sparte sieht das Unternehmen noch ­Potenzial: Elektromountainbikes etwa könnten zum nächsten grossen Trend werden. Die Expansion nach Deutschland hingegen hat das Unternehmen vor rund sechs Jahren rückgängig gemacht; zu unterschiedlich sind die beiden Märkte.

Mit Ibex hat das St. Galler Unternehmen nun eine weitere Marke auf den Markt gebracht – es ist der Versuch, sich vom traditionellen Image von Cresta zu lösen. Ibex soll «frecher sein, mehr dürfen» und funktioniert nach einem Modell, das verschiedene Schweizer Hersteller verfolgen: à la carte. Es wird nur noch gefertigt, was effektiv bestellt wird. Auch Tour de Suisse montiert die Modelle erst dann, wenn die Bestellung dafür vorliegt. Laut Geschäftsführer Reto Meyer sind die Kunden bereit, in technische Innovation, individuelle Ausstattung und gute Qualität zu investieren. Das ermögliche den Schweizer Herstellern die Abgrenzung und das Überleben: Im hochpreisigen Segment existiere «ein gesunder Markt», sagt Meyer.

Keine Angst vor der Konkurrenz

Arnold Ramel sagt es so: «Wer Geld für ein Velo ausgibt, der hat Ansprüche und Wünsche.» In der Fabrikhalle in Gretzenbach stapeln sich überall rohe Velorahmen – Halbware, die in den Wintermonaten vorgefertigt wird. Auch wenn er auf gute alte Schweizer Produktion setzt: Den Trends kann sich Ramel nicht entziehen. «Würde ich die Rahmen in der Vorproduktion bereits Lackieren, dann garantiert in den falschen Farben.» Aarios baut sämtliche Velos auf Bestellung und passt sie den Kundenwünschen an. Die Farbpalette reicht von signalgelb bis verkehrsgrün.

Ramel glaubt, dass Schweizer Produzenten trotz der Konkurrenz aus Asien auch in Zukunft gut leben können. Er führt durch sein Lager, durch seine Produktion. Äugt durch rohe Stahlrohre, wiegt einen fertigen Rahmen in seiner Hand, bewundert den rot glühenden Stahl beim Löten. Seine Erfolgsformel: «Gesunder Menschenverstand und schaffen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2014, 23:31 Uhr

Von Tabak und Zweirädern

Ein Villiger gibt es nur noch als Occasion

Der Einstieg des Zigarrenunternehmens Villiger in das Fahrradgeschäft war aus der Not geboren: Um die Unberechenbarkeiten des Tabakmarktes auszugleichen diversifizierte der Betrieb 1980 und übernahm die Fahrradfabrik Kalt im luzernischen Buttisholz. 23 Jahre später setzte Villiger wieder voll auf Tabak: Die Fahrradsparte wurde 2003 an das US-Unternehmen Trek verkauft.

Die Amerikaner nehmen nun Villiger vom Markt. Stattdessen verkauft Trek ab sofort Velos und Elektrobikes der Marke Diamant in der Schweiz. Immerhin: Zwei Diamant-Modelle, die der Schweizer Tradition die Ehre erweisen, kommen auch in den Verkauf. Topas Villiger und Ubari Villiger seien «vermutlich jetzt schon neue Klassiker», so Trek.

In den Osten und zurück

Damit schliesst sich ein Kreis: Villiger beteiligte sich 1992 am traditionsreichen ostdeutschen Unternehmen Diamant, 1997 später übernahm Villiger die Diamant Fahrradwerke vollständig. Damit einher ging die schrittweise Verlagerung der Produktion aus der Schweiz nach Chemnitz. Die Velo­branche stand damals unter starkem Druck. Bis in die 80er-Jahre waren vier von fünf hierzulande verkauften Fahrrädern aus Schweizer Produktion. Danach nahm der Anteil der Importräder jedoch stetig und schnell zu – auch weil die Branche die Entwicklung verschlief. Dem Mountainbike hatten Schweizer Produzenten lang wenig entgegenzusetzen. Oder wie es ein Fahrradfabrikant im Jahr 2002 formulierte: «Wir haben es verschlafen, dass aus dem Transportmittel Velo ein Sportgerät wurde.»

Villiger löste 2002 den Produktions­standort Buttisholz auf, um nur noch in Ostdeutschland zu produzieren. Ein Jahr darauf verkaufte das Familienunternehmen Villiger die Fahrradsparte inklusive Diamant an Trek, damals in den USA Marktführer – auch dank seines Aushängeschilds Lance Armstrong. (bra)

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