Auf schwankendem Grund stabil

Nun haben auch die NZZ-Aktionäre der Transformation des Medienhauses in den spätmodernen Projektmodus zugestimmt.

Die Hoffnung blüht wieder: Nach der Generalversammlung sitzt die NZZ-Führung solid im Sattel. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Die Hoffnung blüht wieder: Nach der Generalversammlung sitzt die NZZ-Führung solid im Sattel. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

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Die Essenz der Generalversammlung der NZZ-Aktionäre vom Samstag lautet: freisinnig-liberale Abgrenzung nach rechts, Absage an Destabilisierungs­versuche von «Freunden der NZZ» aus dem Aktionariat, Irritation über den abgebrochenen Versuch des Verwaltungsrats, mit Markus Somm einen Brückenbauer zur SVP als neuen Chefredaktor zu inthronisieren.

Das wichtigste Ergebnis der Versammlung aber ist die deutliche Absolution für die neue verlegerische Strategie der Unternehmensleitung sowie für die neue publizistische Führungsstruktur des Mutterhauses.

Beides wurde 2014 beschlossen zum Zweck einer erfolgreichen Vermarktung der geschichtsträchtigen Marke NZZ im Zeitalter von Digitalisierung und bürgerlicher Pluralisierung angesichts des auch der hiesigen Wirtschafts- und Politik-Elite immer knapper werdenden Guts Zeit.

Die neue Führungsstruktur der NZZ bricht mit zahlreichen Traditionen und nimmt endgültig Abschied von der medialen Nachkriegsära, die mit dem kurzen Interregnum des im letzten Dezember abgesetzten Markus Spillmann endete.

Drei Elemente machen die nunmehr vollzogene Zäsur aus: Erstens eine nochmals verstärkte, weil direkte Einbindung des NZZ-Chefredaktors auch in die kommerzielle Verantwortung bereits auf Stufe Geschäftsleitung. Zweitens die Preisgabe seiner zuvor publizistischen Allein-Zuständigkeit auch für die Trabanten des Mutter­hauses (konkret: die publizistische Autonomie und Aufwertung der wöchentlichen Sonntagszeitung, von Sonderbeilagen, Magazinen und Periodika sowie aller digitaler Produkte und Kanäle). Drittens schliesslich die Installierung eines kollegialen Triumvirats von gleichberechtigten Chefredaktoren (mithin auch von Print und Digital), die alle Einsitz haben in der Geschäftsleitung und in finanziellen Belangen gemeinsam – also verdammt zum Konsens – der Konzernleitung unterstellt sind.

Primat der Ökonomie

Worauf aber zielt die neue Struktur strategisch? Woran denkt der forsche NZZ-CEO Veit Dengler, Inkarnation des nun endgültig etablierten Primats der Ökonomie, wenn er orakelt: «Wir müssen experimentieren, Fehler machen und daraus lernen . . . Uns ist egal, welche Kanäle unsere Kunden benutzen, solange sie bezahlende Kunden bleiben . . . Die gedruckte Tageszeitung wird zunehmend zu einem Luxusprodukt werden für die, die dafür noch zahlen wollen»?

Optionen für die angesagte Transformation auf schwankendem Grund sind unter anderem ein Mehr an rentablen Themenbeilagen und Magazinen. Eine sukzessive Verschlankung der heutigen Tageszeitung mit Wochenzeitungscharakter und hohen Druck-, Vertriebs- und Personalkosten, gefolgt von einer Fusion von Sonntagszeitung und Samstagsausgabe, schliesslich – je nach Erträgen – mit einem etappenweisen Abrücken von der Tagesausgabe, hin zu einer zwei- oder dreimal erscheinenden Wochenzeitung mit Hintergrund, Analysen und Kommentaren. Und schliesslich die deutlichen Mehr­investitionen in digitale Angebote und Kanäle – im Unwissen, wie viele zappende Jung-, Neu- und Wechsel­leser oder bisherige Stammleser mit immer weniger Zeit für intellektuell anspruchsvolle Kost auf kleinen Bildschirmen zu zahlen bereit sind.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2015, 17:33 Uhr

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