Hintergrund

Aufstieg und Niedergang des Mövenpick-Imperiums

Mit Ueli Prager ist eine prägende Figur der Schweizer Gastronomie der letzten Jahrzehnte gestorben. Er hatte Mövenpick zur Blüte geführt – und musste mitansehen, wie der Glanz wieder verblasste.

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«Ueli Prager war Tag und Nacht für sein Unternehmen da. Er verstand es, seine Philosophie auf die Mitarbeiter zu übertragen. Fast wie ein Virus. Und er war auch gut in kleinen Dingen», bringt «Salz & Pfeffer»-Journalist Stefan Schramm das Lebenswerk des Mövenpick-Gründers auf den Punkt. Schramm kannte Prager persönlich.

Prager startete im Juli 1948. Der Hotelierssohn lieh sich Geld, um im Claridenhof in Zürich-Enge das erste Mövenpick-Restaurant zu eröffnen. Später entstand mit der Silberkugel 1962 eines der ersten Schweizer Fast-Food-Restaurants. Vier Jahre danach eröffnete in Adliswil ZH das erste Mövenpick-Hotel und zwei Jahre später stieg Prager ins Autobahnraststättengeschäft ein. Eine der bekanntesten dieser Verpflegungsmöglichkeiten ist der «Fressbalken» über der A1 in Würenlos AG. Berühmt sind auch die Glacen, die es seit 1969 gibt.

Weltweit über 300 Restaurants

«Er hatte das Gespür fürs Richtige. Er führte Neues in die Gastronomie ein, bevor die Konkurrenz überhaupt schon daran denken konnte», erklärt Schramm. Mövenpick wurde bekannt mit dem «Brunch» oder dem «Wein des Monats». Und mit Qualitätsweinen im Offenausschank. «Er erkannte, dass es keinen Sinn machte, Kapital im Keller herumliegen zu lassen. Er war der erste Gastrounternehmer, der damit richtig Umsatz machte», so Schramm. Spezialitäten und Feinkost wie Hummer oder Lachs speisten dank Mövenpick nicht mehr nur Gutbetuchte, sondern eine breite Masse. Prager schuf im Speiserestaurant Nichtraucher-Plätze. Das Konzept kam an und das Unternehmen expandierte rasch. Zu besten Zeiten umfasste der Konzern weltweit über 300 Restaurants.

Teil seines Erfolgs war auch sein Fingerspitzengefühl als Unternehmer: «Er kannte nicht nur die Bedürfnisse der Gäste, sondern wusste auch, wie man Mitarbeiter motiviert und mitzieht. Prager hatte es geschafft, die richtigen Leute um sich zu scharen, damit seine Philosophie auch erfolgreich umgesetzt werden konnte», sagt Schramm. «Das Ziel Nummer eins bei Mövenpick war die totale Zufriedenheit der Gäste und Kunden.»

Gang an die Börse

Mövenpick aber kannte nicht nur den Aufstieg. Die Übergabe der Unternehmensführung war mit Unsicherheiten und Rückschlägen verbunden. Bereits Ende der 70er Jahre habe er sich mit einer Nachfolgeregelung befasst, wie aus dem Buch «Ueli Pragers Mövenpick Story» von Pierre Itor hervorgeht. In der gleichen Zeit wagte er den Gang an die Börse.

Auf ihren Wunsch hin setzte Prager seine Frau Jutta, die er einst als Sekretärin einstellte, als Direktionspräsidentin ein. Diesen Schritt hielt er im Nachhinein für einen Fehler.

Wenn der Patron abtritt

«Als er selber die operative Führung abgab, war das ein Bruch. Es ist wie in vielen Fällen, wo der Patron nicht mehr an der Spitze steht. Mit seinem Rückzug aus der operativen Tätigkeit gab er auch die Kontrolle über die Umsetzung seiner Philosophie ab», so Schramm.

Auch die Auslandexpansion war vor Rückschlägen nicht gefeit, wie Schramm weiss: «Der Beginn war ja erfolgreich. Denken wir an die Eroberung internationaler Glacé-Märkte. Aber es gab sicher Bereiche, die nach der Abgabe der operativen Führung nicht wie gewünscht herauskamen. Ein Beispiel war die Expansion der Glacé-Sparte nach Asien. Das bescherte dem Unternehmen einen grossen Verlust.»

Negative Schlagzeilen

Einen definitiven Schlussstrich unter sein Lebenswerk zog Prager im Dezember 1991. Damals verkaufte er die Aktienmehrheit an Mövenpick an den Münchner Unternehmer August von Finck. «Das Unternehmen sollte fortan auf Profit getrimmt werden. Mit den bekannten Folgen», gibt Schramm zu bedenken. Mövenpick schrumpfte, die Markenrechte für die weltbekannten Mövenpick-Glaces wurden an Nestlé verkauft.

«Mövenpick löst sich selber auf. Die einst grosse Schweizer Marke steht vor dem stückweisen Ausverkauf», titelte 2002 die «SonntagsZeitung» und beschrieb damit die Stimmung rund um die einst blühende Marke. «Blüht Mövenpick dasselbe wie Alusuisse und Von Roll?», fragte die «Finanz und Wirtschaft» im gleichen Jahr. Gemeint waren Schweizer Traditionsunternehmen, die zerlegt und Teile davon verkauft wurden. Zur Auflösung ist es bei Mövenpick nicht gekommen, verkleinert wurde das Geschäft dennoch. Heute gibt es noch 115 Marchés oder Restaurants, wie aus der Internetseite von Mövenpick hervorgeht.

«Sie können in der Gastronomie nicht während 60 Jahren Trendsetter sein», sagte der jetzige Mövenpick-Chef Guido Egli im Mai in einem Interview mit der «Bilanz» zum verblassten Mythos der Marke Mövenpick. Und: «Es mag sein, dass die Strahlkraft der Marke hierzulande abgenommen hat.»

«In meinen Mövenpick-Zeiten hatte ich oft beängstigende Träume»

Dass es mit Mövenpick nicht so weiterging, wie es begonnen hatte, erklärt Schramm so: «Es ist sicher nicht alles optimal gelaufen. Manchmal sind es auch einfach die Umstände, welche dazu führen, dass etwas nicht so läuft, wie es sollte.»

Prager selber sagte Jahre später in einem Interview mit dem Gastro-Magazin «Salz & Pfeffer»: «Ich bin selten wirklich richtig von mir überzeugt gewesen (…) Zweifel war wirklich mein ständiger Begleiter. Natürlich habe er das nie auf den Tisch gelegt (…) In meinen Mövenpick-Zeiten hatte ich oft beängstigende Träume.»

2007 von der Börse genommen

Für das Unternehmen arbeiten heute fast 18'000 Personen. Zum Konzern gehören auch 70 Hotels und Resorts, die sich über die ganze Welt verteilen. 2007 wurde Mövenpick von der Börse genommen. Noch immer befindet es sich aber im Besitz der Familie von Finck.

Prager starb am Samstag im Alter von 95 Jahren.

(Mit Material der Nachrichtenagentur SDA) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.10.2011, 15:38 Uhr

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Wie es zum Namen «Mövenpick» kam

Der Name des Restaurants und zukünftigen Gastronomiekonzerns geht auf eine Szene zurück, die sich auf der Zürcher Quaibrücke ereignete, wie Prager einst im Schweizer Fernsehen erzählte. Sein Architekt und er hätten den Leuten zugeschaut, wie sie den Möwen von der Brücke aus Brot zuwarfen. «Die waren damals so hungrig, dass sie das Brot zur Hand herausrissen», erzählte Prager. Der Architekt sei deshalb auf das Wort Mövenpick gekommen. Darüber sei zuerst gelacht worden. «Meine Mama meinte, ich könne ihr ein Restaurant mit diesem dummen Namen nicht antun.» Seine Freunde hätte anständige und weniger anständige Verse gereimt und je mehr über «Mövenpick» gesprochen wurde, desto sicherer sei er sich seiner Sache gewesen. «Dann habe ich es gemacht.» (sda)

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