Ausser Spesen nichts gewesen

Nach dem Ja zur Minder-Initiative fand gestern Abend die erste Generalversammlung unter dem neuen Regime statt. Für die Aktionäre hat sich dabei nur eines verändert: Sie mussten häufiger abstimmen.

Gelangweilte Gesichter an der Generalversammlung der Schaffner Holding: Die Aktionäre nutzten ihre neuen Rechte nicht.

Gelangweilte Gesichter an der Generalversammlung der Schaffner Holding: Die Aktionäre nutzten ihre neuen Rechte nicht. Bild: Beat Mathys

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Auf den Pulten der Redner liegen dicke Drehbücher, die das Publikum nicht sieht. Es gibt sogar verschiedene Varianten, Haupt- und Nebendrehbücher. Sie sind das Resultat der Vorbereitungssitzungen von Mitgliedern des Verwaltungsrats der Schaffner Holding AG (Luterbach), der Geschäftsleitung und externen Beratern. Damit haben sie sich für alle denkbaren Eventualitäten der Generalversammlung (GV) vorbereitet, die gestern Abend im Landhaus in Solothurn stattgefunden hat. Nicht ohne Grund herrschte im Vorfeld dieses Anlasses teilweise hektisches Treiben: Es ist die erste Aktionärsversammlung, die nach den neuen Spielregeln gemäss der Minder-Initiative durchgeführt wird.

Die Aktionäre stärken

Die Aktionärsrechte stärken – das war das Ziel der Initianten um den Schaffhauser Zahnpastahersteller Thomas Minder. Der grössere Einfluss der Eigentümer soll die vereinzelt ausufernden Gehälter von Topmanagern eindämmen – das war der Hintergedanke der Abzockerinitiative.

Die Aktionäre der Schaffner Holding wissen schon, was auf sie zukommt: Aufgrund der vielen Traktanden war die Einladung dreimal so lang wie in den Vorjahren. Erstens mussten wegen der neuen Gesetze etliche Punkte geändert werden. Und zweitens nehmen die Wahlen neu viel mehr Raum ein, weil die Mitglieder von Verwaltungsrat und Vergütungsausschuss einzeln gewählt werden müssen.

Verwaltungsratspräsident Daniel Hirschi verweist in seiner Einleitung auf die Verordnung übermässige Vergütungen bei börsenkotierten Aktiengesellschaften. Darin hat der Bundesrat festgelegt, wie die Initiative umzusetzen ist. Die Folge davon sei «mehr Aufwand», wie Hirschi lapidar zusammenfasst.

Wer nicht auf ausgetretenen Pfaden geht, riskiert mehr. Deshalb auch die aufwendige Vorbereitung der GV. Hirschi betont, dass trotz Verordnung weiterhin Unklarheiten bestehen. So bei der Mitbestimmung der Aktionäre über die Vergütungen des Topmanagements. Die Schaffner Holding schlägt den Aktionären vor, Lohnobergrenzen jährlich im Voraus festzulegen. Und wenn die definitiven Zahlen vorliegen, kann die GV konsultativ über den variablen Teil der Gehälter abstimmen. Die Anlagestiftung Ethos, die für Anleger Empfehlungen abgibt, hat sich im Vorfeld gegen dieses Modell ausgesprochen. Lieber hätte die Stiftung, dass die Aktionäre erst im Nachhinein über die variablen Lohnbestandteile entscheiden.

Sowjetische Verhältnisse

Da Ethos schon unter dem alten Regime an manchen GV Duftmarken setzen konnte, verspricht dieser Punkt am meisten Spannung. Doch Dramatik kommt an diesem Abend nicht auf. Im Gegenteil: Mit 90,36 Prozent schart der Verwaltungsrat eine äussert komfortable Mehrheit hinter sich. Bei den übrigen Abstimmungen herrschen geradezu sowjetische Verhältnisse: Die Wahlen in Verwaltungsrat und Vergütungsausschuss erfolgen mit einer Zustimmung von teilweise deutlich über 99 Prozent. Ungefähr in dieser Grössenordnung bewegen sich auch die übrigen Abstimmungen. Obwohl die Möglichkeit zur Diskussion besteht, ergreift kein einziger Aktionär das Wort. Gemessen an der Debatte ist der Einfluss der Teilhaber der Schaffner Holding im Vergleich zu früheren GV somit gar gesunken.

Bei der Schaffner Holding wächst mit der Minder-Initiative also vor allem der administrative Aufwand für die GVs. Bei anderen börsenkotierten Unternehmen, die ihre Topmanager mit Gehältern in zweistelliger Millionenhöhe entschädigen, wird vor der GV aber deutlich nervösere Hektik herrschen als bei der Schaffner Holding.

Erstellt: 15.01.2014, 08:21 Uhr

Online abstimmen

Erst ab 2015 können die Schaffner-Aktionäre auch elektronisch abstimmen. Das ist eine weitere Vorschrift der Minder-Initiative. Doch Kurt Ledermann, Finanzchef der Schaffner Holding AG, warnt vor überhöhten Erwartungen an diesen technischen Mehraufwand. Denn niemand wird die Generalversammlung online mitverfolgen und live abstimmen können. «Das ist rechtlich gar nicht möglich, weil Aktionäre zum Beispiel bei einem Systemabsturz gegen das Unternehmen klagen könnten.» Stattdessen werden die Aktionäre auf elektronischem Weg einzig den unabhängigen Stimmrechtsvertreter vorgängig damit beauftragen können, in ihrem Sinne zu votieren. Das ist bereits heute per Post möglich. Auf elektronischem Weg werden die Aktionäre allenfalls ein bis zwei Tage mehr Zeit haben. Davon profitieren dürften insbesondere Aktionäre im Ausland.

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