Ausstieg aus dem umstrittenen Ölgeschäft in Nigeria

Der Rohstoffhändler Trafigura will offenbar kein nigerianisches Rohöl mehr im Tausch mit raffinierten Erdölprodukten beziehen – aus Imagegründen.

Eine Pipeline im ölreichen Nigerdelta: Nigeria ist der grösste Ölproduzent Afrikas. Foto: George Osodi (AP, Keystone)

Eine Pipeline im ölreichen Nigerdelta: Nigeria ist der grösste Ölproduzent Afrikas. Foto: George Osodi (AP, Keystone)

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Rohöl aus Nigeria im Tausch gegen verarbeitete Erdölprodukte wie Benzin und Kerosin: Dieses Geschäft, ein sogenannter Swap-Deal, haben Trafigura und eine Tochtergesellschaft des nigerianischen Staatsunternehmens Nigerian National Petroleum Corporation (NNPC) offenbar eingestellt. Die Westschweizer Zeitung «Le Temps» hat dies in ihrer gestrigen Ausgabe unter Berufung auf Insiderkreise berichtet. Der Rohstoffhändler mit Sitz in Genf, nach Vitol und Glencore die Nummer drei der Branche, wolle mit dem Ausstieg aus dem Nigeria-Geschäft den Verdacht entkräften, dubiose Geschäftspraktiken zu tätigen.

Umstritten sind Swap-Deals, weil zwei Vertragspartner einen Tausch individuell vereinbaren – unter Ausschluss der Banken oder anderer Kontrollinstanzen. Kritiker sehen darin ein Ein­falls­tor für Korruption und Geldwäscherei. In den letzten Jahren exportierte Nigeria 8 bis 9 Prozent der gesamten Ölproduktion (2,5 Millionen Barrel pro Tag) auf der Basis von Swap-Deals. Trafigura soll laut Branchenkennern pro Tag 60'000 Barrel erhalten haben. Beim damaligen Ölpreis von 100 Dollar entspricht dies rund 2,2 Milliarden Dollar pro Jahr. Trafigura will sich zum Fall nicht äussern. Branchenkenner würde es jedoch kaum überraschen, sollte der Rohstoffhändler den Bruch mit NNPC vollziehen: «Trafigura versucht, in der Verantwortungsdebatte die Leaderposition in der Rohstoffbranche zu übernehmen», sagt Oliver Classen, Sprecher der Nichtregierungsorganisation Erklärung von Bern. Bereits im November letzten Jahres hatte Trafigura eine Wegmarke gesetzt: Damals trat das Unternehmen als erster Rohstoffwarenhändler der Extractive Industries Transparency Initiative (EITI) bei und kündigte zwecks Korruptionsprophylaxe an, von diesem Jahr an Zahlungen an Regierungen und staatliche Unternehmen offenzulegen. Die Initiative wurde 2003 für den Bergbausektor geschaffen und zielt darauf ab, Geldflüsse im Zusammenhang mit der Gewinnung von Rohstoffen transparenter zu machen. Trafigura-CEO Jeremy Weir versicherte, sein Unternehmen fühle sich Werten wie Transparenz verpflichtet und stehe für einen verantwortungsvollen Rohstoffhandel ein.

Korruption und Misswirtschaft

Just in Nigeria sind die Voraussetzungen dafür nicht eben gut. Die westafrikanische Republik ist zwar der führende Erdölproduzent Afrikas, schafft es aber trotz sprudelnder Einnahmen nicht, die eigene Bevölkerung aus der Armut zu befreien. Obschon das Erdöl gemäss EVB 58 Prozent der Staatseinnahmen ausmacht, fehlt es an Raffinerien, weshalb das Land trotz Ölreichtum Benzin, Kerosin und Heizöl importieren muss.

Dieses Paradox ist kein Zufall. Im bevölkerungs­reichsten Land Afrikas (173 Millionen Einwohner) herrschen verbreitet Korruption und Misswirtschaft. Gemäss Transparency International rangierte Nigeria im Korruptionsindex 2012 auf Platz 139 von 179 Staaten. Verschärfend hinzu kommt, dass derzeit die radikalislamische Sekte Boko Haram einen Bürgerkrieg gegen Nigerias Bevölkerung führt. Es sei deshalb schwieriger denn je, die Übersicht über die ohnehin schon heiklen Geschäfte zu behalten, sagt EVB-Sprecher Classen.

«Geschäfte laufen weiter»

Die Erklärung von Bern zeigt sich denn auch weiterhin besorgt. «Die Swap-Geschäfte werden weiterlaufen», sagt Classen. Die Frage sei einzig, wer nun mit NNPC ins Geschäft komme. Rohstoffriesen wie Glencore wollten sich gestern auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet dazu nicht äussern. Sicher ist: Die Schweizer Rohstoffhändler halten in Nigeria eine dominante Position inne. Dies zeigt eine Studie, welche die Erklärung von Bern und Swissaid letztes Jahr veröffentlicht haben. Sie untersuchten dazu 1500 Ölverkäufe durch staatliche afrikanische Ölfirmen. Das Resultat: Schweizer Händler haben in Nigeria zwischen 2011 und 2013 Rohöl im Wert von 37 Milliarden Dollar gekauft. Dies entspricht knapp 20 Prozent aller Einnahmen des nigerianischen Staates.

Ein ähnliches Fazit lässt ein Blick auf ganz Subsahara-Afrika zu: Im besagten Zeitraum kauften Schweizer Rohstoffhändler mehr als 500 Millionen Barrel im Wert von 55 Milliarden Dollar. Das entspricht 12 Prozent aller ölexportierenden Länder Afrikas, zu denen nebst Nigeria Tschad, Kamerun, Gabun und Äquatorial-Guinea gehören. Diese Summe ist laut EVB doppelt so hoch wie die gesamte Entwicklungshilfe an die entsprechenden Staaten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2015, 23:55 Uhr

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