Ausverkauf in der Ölhölle

Shell verkauft Anlagen über 5 Milliarden Dollar in Nigeria. Die Transaktion wirft ein Schlaglicht auf eines der grössten Umweltdesaster der Geschichte. NGOs befürchten, dass sich die Firma aus der Verantwortung stiehlt.

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18, 24, 25 und 29. Das sind die aktuellen Gewinnzahlen im nigerianischen Öllotto. Der Jackpot steht bei 5 Milliarden Dollar. Wie die «Financial Times» berichtet, soll er diese Woche geknackt worden sein. Demnach hätte eine Handvoll nigerianischer Unternehmen für diese Summe den Zuschlag von Shell erhalten – für den Kauf von vier Förderkonzessionen mit den obigen Lizenznummern sowie für eine Pipeline, die Shell in Nigeria loswerden will.

Die Transaktion ist brisant, weil es um Anlagen mitten im Nigerdelta geht – einer Mangrovenregion im Süden des Landes, die seit Jahrzehnten unter massiven Umweltbelastungen und bewaffneten Konflikten leidet. Beide Probleme haben ihren Ursprung in der Ölförderung. Shell, seit 1956 als Pionier in Nigeria präsent, ist eng damit verbunden. Das Unternehmen bewirtschaftet die Vorkommen in einem Joint Venture mit dem nigerianischen Staat, an dem auch Total und Eni beteiligt sind. Der Teilrückzug lässt NGOs aufhorchen, die seit Jahren im Clinch mit der Firma sind.

Verseuchtes Gebiet

Gerüchten zufolge will sich die niederländisch-britische Firma auch von weiteren Blocks mit den Nummern 11 und 17 trennen. Diese Felder liegen in Ogoniland, einem der kritischsten Gebiete Nigerias. 1995 liess die Regierung den dortigen Aktivisten Ken Saro-Wiwa hinrichten, der sich für die Rechte der Lokalbevölkerung eingesetzt hatte. Die Region ist ökologisch stark belastet. Vielerorts ist das Trinkwasser verseucht. Die Schäden einer 2008 leckgeschlagenen Shell-Pipeline sind noch immer nicht behoben.

Vordergründig geht es für Shell um den Vollzug eines konzernweiten Spar- und Profisteigerungsprogramms, das bislang Devestitionen über 12 Milliarden Dollar umfasst. Zudem ist die Firma angesichts des verbreiteten Öldiebstahls und der Korruption in Nigeria frustriert, wie die «Financial Times» mutmasst. Andererseits hat die nigerianische Regierung die Absicht, den Sektor stärker zu nationalisieren, und lokale Player wie Taleveras und Aiteo kommen im Zuge der Globalisierung einfacher an Finanzmittel. Die beiden Firmen haben die höchsten Gebote bei Shell abgegeben.

Rückzug durch die Hintertür

Seit 2008 wurden westlichen Firmen bereits Anlagen über 5 Milliarden Dollar abgekauft. Aus der Sicht von Nichtregierungsorganisationen widerspiegelt sich darin auch die Flucht vor den Problemen, welche sich diese Firmen in der Vergangenheit eingebrockt haben. Shell hat zahlreiche Altlasten zu bewältigen: So läuft etwa in London ein Gerichtsverfahren, das den Anspruch von Dorfbewohnern auf Entschädigung aus Ölkatastrophen in den Jahren 2008 und 2009 klären soll. NGOs wie Amnesty International (AI) machen auch mit einem 2011 erstellten Gutachten der UNO-Umweltbehörde Druck auf Shell, die Kosten für die Schäden zu übernehmen.

«Shell hat in Nigeria Milliarden verdient und nicht nur ein ökologisches Desaster hinterlassen, sondern auch die Menschenrechte der Bevölkerung verletzt», sagt Danièle Gosteli von AI Schweiz. Jetzt wolle sich der Konzern anscheinend durch die Hintertür verabschieden. «Es besteht die Gefahr, dass Shell versucht, die Verantwortung für die entstandenen Schäden auf den neuen Besitzer abzuwälzen.» Gemäss AI hat Shell im Lauf der Jahre zu wenig unternommen, um das Equipment zu pflegen und die Umwelt im fragilen Ökosystem des Nigerdeltas zu schützen.

Die Frage der Verantwortung

Shell sieht das anders und weist im Nachhaltigkeitsbericht vornehmlich auf Sabotageakte hin. Details zur Übernahme juristischer Altlasten durch die Käufer könne man zum aktuellen Zeitpunkt nicht geben, sagt ein Sprecher. Nigeria bleibe aber ein «wichtiger Teil des Portfolios». So würde das Unternehmen an zwanzig weiteren Förderblocks festhalten. «Shell bleibt dem Land und seiner Regierung mit ihren Plänen im Öl- und Gasgeschäft verbunden.» Gemäss Angaben der Firma profitiert der nigerianische Staat massiv vom Ölgeschäft. Allein in den letzten fünf Jahren fielen Einnahmen über 44 Milliarden Dollar an.

Diese Abhängigkeit sei unterschätzt worden, sagt Lorenz Kummer von Swissaid. «Die nigerianische Ölindustrie ist ein Schreckensbeispiel dafür, was passieren kann, wenn multinationale Rohstofffirmen sich auf Geschäfte einlassen, ohne die politischen und ökologischen Risiken zu berücksichtigen.» Laut Kummer ist man heute zumindest vordergründig einen Schritt weiter. Vor 15 Jahren habe die Einstellung vorgeherrscht, dass die Verantwortung für die Einhaltung von Menschenrechten ausschliesslich Sache der Regierung sei. «Heute kann keine Firma mehr so argumentieren.»

Erstellt: 29.08.2014, 16:49 Uhr

Schweizer Händler im Geschäft

Nigeria ist auch für die Schweizer Rohstoffindustrie ein lukrativer Markt. Gemäss einer Schätzung haben hiesige Rohstoffhändler vergangenes Jahr Öl im Wert von 10 Milliarden Dollar exportiert. Dies entspricht rund einem Drittel der gesamten Absatzmenge aus Nigeria.

Korruptionsvorwürfe wurden vergangenes Jahr laut wegen Subventionen
, die diese Händler unberechtigterweise vom nigerianischen Staat erhalten würden. Angesprochen waren die Genfer Händler Trafigura und Vitol. Die Rede ist von total 6,8 Milliarden Dollar unrechtmässiger Zahlungen.

Zu den Bietern für die Anlagen, die Shell nun verkauft, soll gemäss Berichten auch das Zuger Rohstoffhandels- und förderunternehmen Glencore gehört haben. In einer späteren Runde schied Glencore aber offenbar aus.

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