Autokartell: Jetzt wird die Wettbewerbskommission aktiv

Die Wettbewerbshüter prüfen, ob Schweizer Lieferanten in die Absprachen deutscher Autokonzerne verwickelt sind. Interessant wird der Fall auch für hiesige Käufer.

Daimler und Volkswagen haben sich in der Hoffnung auf Straffreiheit selbst angezeigt: Daimler-Produktion in Ohio. Foto: Madalyn Ruggiero (Keystone)

Daimler und Volkswagen haben sich in der Hoffnung auf Straffreiheit selbst angezeigt: Daimler-Produktion in Ohio. Foto: Madalyn Ruggiero (Keystone)

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Noch habe das Sekretariat der Wett­bewerbskommission (Weko) kein Verfahren eröffnet, sagt Patrik Ducrey, Sprecher der Bundesbehörde: «Wir werden aber sicher mit den EU-Behörden Kontakt aufnehmen, um zu klären, ob der Fall besondere Bezüge zur Schweiz hat.» Im Austausch mit der EU und Deutschland gebe es zunächst einige grundsätzliche Sachverhalte zu klären. «Es geht um Fragen wie: Sind Schweizer Unternehmen involviert? Sind Schweizer Kunden besonders betroffen, stärker betroffen als Kunden in anderen europäischen Ländern?», sagt Ducrey. «Erst wenn all diese Fragen punkto Bezug des Falles zur Schweiz geklärt sind, wird sich zeigen, wie wir weiter vorgehen.» Sprich: ob ein Verfahren gegen allfällige fehlbare Schweizer Lieferanten der deutschen Autoindustrie eröffnet wird.

Interessant kann der Fall für Schweizer Käufer von VW, Audi, Porsche, BMW und Mercedes werden. Diese Firmen haben mutmasslich seit den 90ern von der Fahrzeugentwicklung über Dieselreinigung, Kosten und Zulieferer illegale Absprachen getroffen. Kommen die Wettbewerbshüter zum Schluss, dass die Konzerne den Wettbewerb auf Kosten der Konsumenten geschädigt haben, verbessert sich die Aussicht etwa von Schweizer Käufern auf eine Entschädigung. In Deutschland erwartet der oberste Konsumentenschützer bereits mehrere 10 000 Schadenersatzklagen von Autokäufern wegen überteuerter Fahrzeuge. Viele Kunden hätten einen «möglicherweise viel zu hohen Preis» bezahlt wegen des Kartells, das von Behörden in der EU und in Deutschland nach Selbstanzeigen von VW und Daimler seit einiger Zeit untersucht wird.

Knappe Reaktionen

Auswirkungen auf die Schweiz können die vermuteten Kungeleien unter deutschen Autoriesen zudem bei den Lieferanten haben. Auf die Frage, ob sie von den Praktiken gewusst hätten oder gar darin verwickelt gewesen seien, reagieren grosse Schweizer Zulieferer unterschiedlich. «Weder waren Autoneum derartige angebliche Absprachen bekannt, noch war oder ist Autoneum in irgendeiner Form in solche involviert», sagt eine Sprecherin des Winterthurer Lärm- und Hitzeschildherstellers. Georg Fischer, der Schaffhauser Hersteller von Hightech-Aufhängungen und ultraleichten Autotüren, gibt sich vorsichtig. Es handle sich derzeit um Vermutungen und Spekulationen. «Darum können wir zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Aussagen zu den allfälligen Auswirkungen für Georg Fischer machen.»

Noch dürrer reagiert die Ems Chemie: «Ems hat keine Kenntnis von solchen Absprachen.» Sika betreffe der Fall nicht, sagt ein Sprecher. Weder sei Sika in Absprachen involviert, noch sei der Klebstoffspezialist von Behörden kontaktiert worden. «Die SFS Group respektiert die Regeln des fairen Wettbewerbs und unterlässt unlautere Handlungen», heisst es beim Rheintaler Schrauben­spezialisten. Rieter und Komax reagierten nicht auf Fragen des TA. Ob in die Kungeleien des deutschen Autokartells nicht doch einzelne Schweizer Zulieferer verwickelt sind, wird sich erst zeigen. Denn bis die Untersuchungen von Wettbewerbshütern in der EU und Deutschland abgeschlossen sind, dürfte es noch Jahre dauern.

Untersucht wird in Brüssel auch, ob das Kartell Lieferanten schädigte, indem es sie mit Absprachen ausschloss. Ist dem so, können betroffene Firmen auf Schadenersatz klagen. Harnstofftanks zur Dieselabgasreinigung etwa sollten laut konfiszierten Unterlagen «von lediglich zwei Herstellern» geliefert werden.

Erstellt: 24.07.2017, 22:49 Uhr

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