Axas Paukenschlag in der Altersvorsorge

Der Versicherer macht einen radikalen Schnitt: Er bietet Firmenkunden keine Vollversicherungen mehr an. Was das für die betroffenen KMU bedeutet.

Richtet das Geschäft mit der zweiten Säule radikal neu aus: Fabrizio Petrillo, Chef der Axa-Gruppe in der Schweiz.

Richtet das Geschäft mit der zweiten Säule radikal neu aus: Fabrizio Petrillo, Chef der Axa-Gruppe in der Schweiz. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Wenn der zweitgrösste Anbieter in einem überraschenden Schritt aus einem langjährigen, angestammten Geschäft aussteigt, spricht einiges dafür, dass es um den betreffenden Markt und seine Rahmenbedingungen nicht gut steht. Die berufliche Vorsorge (BVG) hierzulande ist für die Versicherungen ein schwieriger Markt – und die heute angekündigte Neuausrichtung der Schweizer Axa-Gruppe wirft ein grelles Schlaglicht darauf. Die frühere Axa-Winterthur hat entschieden, ihren Firmenkunden keine BVG-Vollversicherungen mehr anzubieten. Seine bestehenden Vollversicherungsstiftungen will der Versicherer auf Anfang 2019 in drei teilautonome Stiftungen umwandeln.

Für die betroffenen Firmenkunden bedeutet der Übergang von der Vollversicherung zu einem teilautonomen Vorsorgeangebot, dass sie neu das Anlagerisiko vollständig selber tragen müssen. Sollte es nach einem Börsencrash wie zum Beispiel jenem während der Finanzkrise von 2008/09 zu Unterdeckungen in der Sammelstiftung kommen, wären die Unternehmen gezwungen, mit eigenen Mitteln für einen Ausgleich zu sorgen. Das kann teuer werden: Die Swiss Life als grösste Anbieterin von Vollversicherungen mit einem Marktanteil von 34 Prozent – vor der Axa mit rund 30 Prozent – musste 2008 als Folge der Börsenverluste rund 1 Milliarde Franken einschiessen. Die teilautonomen Vorsorgeeinrichtungen übernehmen nur mehr das Todesfall- und das Invaliditätsrisiko.

Einschneidende Bedingungen

Für die Firmenkunden der Axa stellt sich nun die Frage, ob sie das Angebot des Versicherers zu einem Wechsel in eine teilautonome Lösung akzeptieren oder bei einem Konkurrenten eine Vollversicherungspolice abschliessen. Letzteres erweist sich indes als zunehmend schwieriger, weil auch andere Lebensversicherungen beim Abschluss von Vollversicherungen bremsen. Wie der Schweiz-Chef von Swiss Life, Markus Leibundgut, Anfang März in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» sagte, sei die Nachfrage nach Vollversicherungen grösser als das Angebot.

Den Versicherern bläst der Wind aus mehreren Richtungen ins Gesicht: Die längere Lebenserwartung der Menschen führt zu höheren Versicherungsleistungen, zugleich schränken Tiefzinsen und die für Vollversicherungen besonders restriktiven Anlagevorschriften die Ertragsspielräume ein. «Für die Firmen und ihre Angestellten führen diese Einflüsse zu einem immer ungünstigeren Preis-Leistungs-Verhältnis», sagt Fabrizio Petrillo, Chef der Axa-Gruppe in der Schweiz, im Gespräch. Er ist denn auch zuversichtlich, nur relativ wenige Kunden zu verlieren.

Zum einen verweist Petrillo auf die durchschnittlich rund 30 Prozent tieferen Risikoprämien, welche die Kunden mit den neuen teilautonomen Axa-Stiftungen im Vergleich zur heutigen Vollversicherung zu zahlen haben. Zum andern können die neuen Stiftungen im kommenden Jahr aus einer Position der Stärke heraus starten. Im gebundenen Kapital der Axa-Vollversicherungen schlummerten per Ende 2017 Bewertungsreserven von rund 3,5 Milliarden Franken – diese überträgt der Versicherer als zusätzliches Polster auf die teilautonomen Stiftungen.

Kurzfristige Einbussen

Alles in allem transferiert Axa Anlagen im Wert von etwa 31 Milliarden Franken an die neuen Stiftungen. Daraus ergibt sich (bei einem technischen Zins von 2 Prozent) ein Deckungsgrad von 111 Prozent. «Mit einem solchen Deckungsgrad gehören wir sicher zu den Besten im Land», ist Petrillo überzeugt. Hinzu kommt: Der bis Ende 2018 aufgelaufene Bestand an Altersrentnern verbleibt bei der Axa, sodass die neuen Sammelstiftungen ohne Rentnerbestände – und die damit verbundenen Nachreservierungsrisiken für die laufenden Altersleistungen – in ihre teilautonome Zukunft aufbrechen können.

Mit diesen Voraussetzungen verspricht sich der Schweizer Axa-Chef eine Rückkehr auf den Wachstumspfad im BVG-Geschäft, «nachdem wir bis jetzt auf dem Bremspedal gestanden sind». Kurzfristig jedoch muss sein Haus aufgrund der Neuausrichtung in der zweiten Säule ein um 5,5 Milliarden Franken schrumpfendes Prämienvolumen sowie einen um rund 30 Millionen verringerten Gewinn hinnehmen. Dies deshalb, weil die Sparbeiträge der gut 260'000 Versicherten in der Vollversicherung inskünftig den teilautonomen Stiftungen gutgeschrieben werden. Darüber hinaus nimmt die Axa im Zuge der BVG-Umstellung eine einmalige Abschreibung von rund 400 Millionen Franken vor. Sie wird das Ergebnis im laufenden Jahr belasten.

So reagiert die Konkurrenz

Die Bâloise und die Helvetia bleiben in der Beruflichen Vorsorge (BVG) - wie die Swiss Life - dem Vollversicherungsmodell treu. Die Bâloise verfolge jedoch seit einigen Jahren die Strategie, nur noch selektiv Vollversicherungsverträge zu zeichnen, heisst es in einer Stellungnahme vom Dienstag.

Unabhängig von strategischen Entscheidungen von Mitbewerbern werde die Bâloise an diesem Geschäft festhalten. Ähnlich tönt es bei Helvetia: Man setze alles daran, um den KMU in der Schweiz auch nach der Ablehnung der Vorlage zur Altersvorsorgereform 2020 eine breite Palette an Lösungen in der zweiten Säule zu bieten. Dazu zählen nebst der Vollversicherung, teilautonome Lösungen und reine Risikoversicherungen für autonome Pensionskassen. Bei Vollversicherungen sieht sich die Helvetia aber gezwungen, im Neugeschäft selektiver als früher zu agieren. So will sie Verlustquellen für bestehende Kunden gering halten.

Ergänzend zum Vollversicherungsangebot offeriert die Bâloise am Markt mit der Sammelstiftung Perspectiva seit einiger Zeit auch eine teilautonome Lösung an, wo die Kunden die Anlagerisiken tragen. Ob Vollversicherung oder teilautonome Lösung, die Politik bleibe gefordert, um eine «gangbare Lösung» für die Altersvorsorge im Allgemeinen und für die 2. Säule speziell auszuarbeiten, fordern die Basler. Auch Helvetia sieht «dringenden» Reformbedarf. Für die Anbieter der 2. Säule stelle sich die Frage, wie sie das Geschäft weiter anbieten können.

Am Morgen hatte die Axa Schweiz, die Nummer Zwei am Markt, erklärt, dass sie ab 2019 keine Vollversicherungen mit Rundumschutz in der Beruflichen Vorsorge mehr anbieten werde und voll auf teilautonome Sammelstiftungen setze. Sie begründete diesen einschneidenden Schritt mit den anhaltend tiefen Zinsen, der zunehmenden Umverteilung von Kapital weg von Berufstätigen hin zu Rentnern sowie dem engen Anlagekorsett, die das Vollversicherungsgeschäft erschwerten.

Als Reaktion darauf hat der Marktführer Swiss Life erklärt, dass man weiterhin zum Vollversicherungsmodell stehe. Während Swiss Life in der Vollversicherung ein Prämienvolumen von 8,2 Milliarden Franken generiert, nehmen Axa Schweiz 7 bis 8 Milliarden Franken, Bâloise Milliarden Franken 2,5 und Helvetia rund 2,1 Milliarden ein.

Mit Material der Nachrichtenagentur SDA. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.04.2018, 18:20 Uhr

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