«BMW ja, Schweizer Preisdiktat nein!»

BMW wird mit 156 Millionen Franken gebüsst. Dies, weil deutsche BMW-Händler Schweizern keine Neuwagen verkaufen, die günstiger sind als in der Schweiz. Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leser bestätigen die Praxis.

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«Sind Sie Schweizer? Dann darf ich leider nicht liefern.» Das war die erste Frage, die ein Schweizer Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leser 2011 von einem BMW-Händler in Lörrach (D) zu hören bekam. Er überlegt sich, «in Zukunft einen Strohmann dazwischen zu schieben». Einem anderen Leser erklärte ein deutscher BMW-Händler im Herbst 2010, es sei ihm «vertraglich verboten, an Schweizer zu verkaufen».

Aussagen wie diese decken sich mit jenen in einer «Kassensturz»-Sendung von Oktober 2010 im Schweizer Fernsehen. Damals erzählten viele Schweizer von ihren erfolglosen Versuchen, bei einer Garage im Ausland einen neuen BMW oder Mini zu kaufen. Die Sendung spielte für die Wettbewerbskommission (Weko) eine wichtige Rolle bei der Untersuchung gegen BMW, aus der nun eine Busse von 156 Millionen Franken für die Firma resultierte (wir berichteten). Das Unternehmen bestätigte in der Sendung damals, dass es parallele Ausfuhren von Autos in die Schweiz nicht wünsche.

Heute wehrt man sich beim Konzern gegen die Vorwürfe, wonach BMW Deutschland die Einfuhr seiner Neuwagen an Kunden und Händler in der Schweiz verhindert haben soll. Sandra Schillmöller von BMW in München: «Aus unserer Sicht sind die Vorwürfe absolut haltlos. Wir werden gegen das Urteil Berufung einlegen und den Fall ans Bundesgericht weiterziehen.»

BMW-Kauf in Deutschland teils doch möglich für Schweizer

Dass es für Schweizer nicht überall in Deutschland unmöglich ist, einen BMW günstiger zu erwerben, will ein Leser in Erfahrung gebracht haben: «Vielleicht ist das grenznahe Lörrach nicht der richtige Ort dafür. Lieber etwas weiter weg kaufen: Ich weiss von Leuten, die das in München taten, und das ging problemlos.»

Laut einem anderen Leser gibt es einen BMW-Händler, der unter anderem in den deutschen Gemeinden Bad Säckingen und Rheinfelden ansässig ist. Letztes Jahr habe er Flyer verteilt und auch per Post in die Schweiz geschickt. «In diesen werden deutsche BMWs zu günstigen Preisen angeboten, praktischerweise umgerechnet in Schweizer Franken. Der ganze Papierkrieg wird dann auch noch vom Händler erledigt», so der Kommentator.

Nach 30 Jahren BMW die Marke gewechselt

«Als der deutsche Autohändler mir keinen BMW verkaufen wollte, wurde ich derart sauer, dass ich mich seither mit dieser Marke sehr schwer tue», beklagt sich ein Mann. Ganz von BMW verabschiedet hat sich ein Herr nach 30 Jahren Markentreue. Dies, nachdem ihm ein BMW-Manager in München sagte: «Solange die Schweizer nicht reklamieren, sehen wir keinen Anlass, unsere Preise zu senken.» Der Ex-BMW-Kunde: «Den Wechsel bereue ich keinen Tag.»

«Genau das habe ich auch gemacht», erzählt ein weiterer User von seiner Abkehr von BMW. Heute besitzt er einen Audi, den er in Deutschland für 72'000 Franken gekauft hat – inklusive Schweizer Mehrwertsteuer und Zoll. «Dasselbe Modell hätte in der Schweiz mit allen Rabatten, Eurobonus und so weiter 99'600 Franken gekostet.» Einer der Leser importierte 2011 einen neuen Renault aus Deutschland auf eigene Faust. «Das ging ohne Probleme, und ich sparte 30 Prozent des Preises.»

Eine weitere Person kaufte vor 15 Monaten einen Neuwagen in Deutschland. Damit habe sie netto 22 Prozent gespart, «und dazu gibt es erst noch einen super Service». Der Herr fordert, dass neben BMW auch andere Firmen gebüsst werden sollen, «die den freien Markt behindern».

«Ich will nicht auch den ‹Helvetic›-Zuschlag berappen»

Diverse Schweizer BMW-Fahrer sagen und schreiben, dass sie, trotz der deutlich höheren Preise, der Marke BMW treu bleiben wollen. Sie sagen, sie wollten sich «eben etwas leisten» oder dass sie «ja schliesslich etwas fürs Geld bekommen». Einer der Leser würde trotz allem «auf keinen Fall einen 08/15-Japaner zu einem faireren Preis kaufen».

Ein überzeugter BMW-Fahrer relativiert: «Wenn ich mich für das Preisniveau bei BMW entscheide, heisst das nicht automatisch, dass ich auch den ‹Helvetic›-Zuschlag berappen will. Aus dem Grund: BMW ja, Schweizer Preisdiktat nein!» Ein anderer Leser ergänzt: «Es geht nicht darum, ob ein Auto qualitativ besser ist als andere, sondern darum, dass sich Auto-Importeure wie BMW in der Schweiz dumm und dämlich verdienen – und dies auf Kosten der Kunden und Garagisten.» Jemand anderes ist überzeugt, die Schweizer seien «die einzigen, die gerne freiwillig mehr zahlen. So eine Abzocke ist daher auch nur in der Schweiz möglich.»

Erstellt: 25.05.2012, 16:06 Uhr

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