Sozial & Sicher

Banken schauen zu wenig genau hin

Kreditinstitute prüften oft nur ungenügend, ob sich ein Konsument einen Kredit überhaupt leisten könne, sagen Schuldenberatungsstellen. In solchen Fällen reduziert sich die Schuld – oder sie fällt gar ganz dahin.

Die Werbung verspricht eine Lösung für alle Fälle: Ein Plakat der CS-Tochter Bank-now im Hauptbahnhof Zürich.

Die Werbung verspricht eine Lösung für alle Fälle: Ein Plakat der CS-Tochter Bank-now im Hauptbahnhof Zürich. Bild: Nicola Pitaro

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Die Werbeplakate waren bis Mitte Juni allgegenwärtig. «Kann ich mir eine neue Handtasche gönnen?», fragte eine junge Frau sich selber und das Publikum. «Reichts für meinen Flat-TV und ihr Himmelbett?», wollte ein Mann im heiratsfähigen Alter wissen (siehe Bild). Die Antwort laut Plakat: «Es gibt immer eine Lösung: Credit now.» Credit now ist eine Marke der Bank-now, einer auf Kredit und Leasing spezialisierten Tochtergesellschaft der Credit Suisse. «Die Aussage, ein Kredit sei die Lösung für alle finanziellen Engpässe, trifft einfach nicht zu», kritisiert Fürsprecher Mario Roncoroni, Co-Leiter der Berner Schuldenberatung. «Oft ist er sogar der erste Schritt auf dem Weg in die Schuldenspirale.»

Das Versprechen, es gebe für jedes Budget eine Kreditlösung, ist aber auch aus einem anderen Grund falsch. Kreditinstitute müssen seit 2003 bei jedem Antragsteller individuell prüfen, ob er sich einen Barkredit, einen Leasingvertrag oder eine Kreditkarte überhaupt leisten kann. Kreditfähigkeitsprüfung nennt sich das im Fachjargon. Sie läuft zwar bei jedem Kredittyp etwas anders ab, hat aber immer zum Ziel, eine Überschuldung des Konsumenten oder der Konsumentin zu verhindern.

Für einen Konsumkredit muss die Bank das betreibungsrechtliche Existenzminimum des Kunden ermitteln, wobei sein effektiver Mietzins, die Steuern gemäss Quellensteuertabelle sowie bereits laufende Kredite zu berücksichtigen sind. Den Kredit darf sie nur gewähren, wenn der Einnahmenüberschuss so hoch ist, dass der Kunde den Kredit innert dreier Jahre zurückzahlen könnte, selbst wenn die effektive Laufzeit des Vertrags länger ist. Bei der Prüfung darf sich die Bank auf die Angaben des Gesuchstellers verlassen, sofern sie nicht offensichtlich falsch sind.

Falsch gerechnet

Doch mit den Berechnungen der Kreditinstitute hapert es. «Einige Institute wenden das Konsumkreditgesetz liederlich an, auch bewusste Umgehungen finden statt», sagt David Laso von der Fachstelle für Schuldenfragen im Kanton Zürich. Noch deutlicher wird der Berner Schuldenberater Mario Roncoroni: «Wir stossen fast nur auf mangelhafte Kreditfähigkeitsprüfungen, die entweder nicht nachvollziehbar oder schlicht falsch sind.» Er nennt Beispiele:

  • Statt der individuellen Auslagen setzen Kreditinstitute einfach Pauschalen ein. Zum Beispiel 100 Franken für den Arbeitsweg oder die durchschnittliche Krankenkassenprämie im Wohnkanton. «Wenn eine Kreditgeberin statt der effektiven Ausgaben einen Mittelwert einsetzt, nimmt sie in Kauf, dass sie bei der Hälfte der Konsumenten eine zu tiefe Belastung budgetiert», sagt Roncoroni.
  • Nach gewissen Ausgaben wird nicht gefragt, obwohl sie in den betreibungsrechtlichen Richtlinien enthalten sind. Dazu gehören Mehrkosten für auswärtige Verpflegung, Gesundheitskosten oder Schulungskosten für Kinder. «Oft verarbeiten die Institute auch die aus den Lohnabrechnungen ersichtlichen Informationen nicht», stellt Mario Roncoroni fest. «Wird jemandem etwa eine Schichtzulage für Nachtarbeit ausbezahlt, so müsste der zusätzliche Nahrungsbedarf ins Budget einfliessen.»
  • Auf der Einnahmenseite hingegen rechnen die Banken zuweilen grosszügig. Bei Angestellten im Stundenlohn, die zusätzlich einen prozentualen Ferienzuschlag erhalten, wird die monatliche Auszahlung mal 12 oder gar mal 13 gerechnet. «Das ist falsch, weil diese Angestellten während ihrer Ferien ja keinen Lohn erhalten», bemängelt Roncoroni. «Richtig wäre, mal 11 zu rechnen.»

Branche bestreitet Vorwürfe

Spätestens dann, wenn Kreditnehmer in Zahlungsschwierigkeiten geraten, kann eine mangelhafte Kreditfähigkeitsprüfung zu ihrem Vorteil werden. Das Gesetz sieht dafür nämlich Sanktionen vor: In leichten Fällen verliert das Institut seinen Anspruch auf Zinsen und Kosten, in schweren Fällen muss der Konsument den Kredit nicht mehr zurückzahlen. Er kann sogar bereits geleistete Zahlungen zurückfordern.

«Der saloppe Umgang mit der Kreditfähigkeitsprüfung spielt uns in vielen Fällen ein Entschuldungsinstrument erster Güte in die Hand», freut sich Jurist Roncoroni. «Ist die Kreditfähigkeitsprüfung erst einmal analysiert, fällt regelmässig mindestens die Forderung für Zinsen und Kosten in sich zusammen.» Oft komme es auch zu einem «Status-quo-Vergleich». Das heisst, dass Bank und Kunde per Saldo aller Ansprüche auf weitere Forderungen verzichten. Dasselbe bei der vorzeitigen Auflösung eines Leasingvertrages: Die Leasingfirma behält das Auto und allenfalls die Kaution, nimmt aber ihre Forderung für rückwirkend erhöhte Raten zurück.

Die Kreditinstitute bestreiten, ihre potenziellen Kunden zu wenig genau unter die Lupe zu nehmen. «Bank-now prüft die eingehenden Kreditanträge sorgfältig auf die finanzielle Tragbarkeit hin. Es liegt im Interesse von Bank-now, Kredite nur in Fällen zu gewähren, in denen die Bank mit guten Gründen ­davon ausgehen kann, dass sie das geliehene Geld zurückerhält», schreibt ­Mediensprecher Bernhard Schmid auf Anfrage. Im gleichen Sinn äussert sich die GE Money Bank. Cashgate, die Klein­kreditpartnerin von Raiffeisenbanken und Kantonalbanken, betont, dass sie ihren Prüfungsprozess «über die im Konsumkreditgesetz enthaltenen Auflagen hinaus ausgedehnt hat». So erhielten etwa Personen unter 20 keinen Kredit, solche unter 25 maximal 25'000 Franken. Wer in diesem Alter noch bei seinen Eltern lebe, dem würde immer eine Mietkostenbeteiligung von 500 Franken eingerechnet, auch wenn er angebe, keine Miete zahlen zu müssen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.06.2013, 09:59 Uhr

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